Die Europäische Kommission wird ihre mit Spannung erwarteten Vorschläge zur Zukunft des Verbrennungsmotors voraussichtlich erst im kommenden Jahr vorlegen. Ursprünglich war geplant, die Pläne bis Mitte Dezember dieses Jahres zu präsentieren. Diese Verzögerung deutet auf eine zunehmende Debatte innerhalb der EU über den weiteren Kurs im Automobilsektor hin.
Wichtige Erkenntnisse
- Die EU-Kommission verschiebt die Vorstellung der Verbrenner-Pläne auf 2025.
- Bundeskanzler Friedrich Merz fordert die Zulassung „hocheffizienter Verbrenner“ und Plug-in-Hybride nach 2035.
- Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas betont Offenheit für verschiedene Technologien.
- Geopolitische Entwicklungen und Wettbewerbsfähigkeit der EU-Industrie spielen eine Rolle bei der Entscheidungsfindung.
Geplanter Zeitplan gerät ins Wanken
Die EU-Kommission hatte ursprünglich vor, bis zum 10. Dezember einen konkreten Vorschlag zum Flottenverbrauch und der Zukunft des Verbrennungsmotors vorzulegen. Dies geht aus internen Planungen hervor. Nun zeichnet sich jedoch eine Verschiebung ab. EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas bestätigte gegenüber dem Handelsblatt, dass eine Verzögerung wahrscheinlich sei.
„Wir arbeiten weiterhin sehr hart daran, bis zum 10. Dezember bereit zu sein. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass wir etwas später dran sind“, erklärte Tzitzikostas. Er nannte „gute Gründe“ für diese potenzielle Verzögerung, ohne diese näher zu spezifizieren. Die Entscheidung verdeutlicht die Komplexität und die politischen Herausforderungen, die mit der Regulierung des Automobilsektors verbunden sind.
Faktencheck
- Aktuelle Regelung: Ab 2035 dürfen faktisch keine neuen Pkw mit Benzin- oder Dieselmotor mehr in der EU zugelassen werden.
- Ziel: Reduzierung der CO₂-Emissionen im Verkehrssektor.
- Verschiebung: Der Vorschlag der Kommission wird voraussichtlich erst 2025 erwartet.
Merz fordert Umdenken: Hocheffiziente Verbrenner nach 2035
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat sich in einem Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für ein Umdenken starkgemacht. Er fordert, dass auch nach dem Jahr 2035 hocheffiziente Verbrennungsmotoren und Plug-in-Hybride in der EU zugelassen werden sollten. Diese Forderung steht im direkten Widerspruch zu den derzeitigen Vorgaben, die ein faktisches Verbot von Benzin- und Dieselmotoren ab 2035 vorsehen.
Merz argumentiert, dass neben rein batterieelektrischen Fahrzeugen auch Fahrzeuge mit doppeltem Antrieb – also Batterie und Verbrenner – weiterhin eine Rolle spielen müssen. Die Bundesländer hätten bereits ähnliche Vorschläge unterbreitet, die ebenfalls die Zulassung „hocheffizienter Verbrenner“ umfassen. Diese Position unterstreicht die Sorge um die technologische Vielfalt und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie.
„Wir sind offen für alle Technologien.“
EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas
Offenheit für alternative Technologien und geopolitische Aspekte
Verkehrskommissar Tzitzikostas zeigte sich offen für verschiedene technologische Ansätze. Auf die Frage nach Merz' Forderung nach „hocheffizienten Verbrennern“ betonte er: „Wir sind offen für alle Technologien.“ Dies deutet darauf hin, dass die Kommission möglicherweise bereit ist, über reine Elektrofahrzeuge hinausgehende Lösungen zu prüfen.
Die Kommission prüft derzeit verschiedene Aspekte, darunter die Rolle von Biokraftstoffen als weniger umweltschädliche Erdölersatzstoffe sowie mögliche Vorgaben für Produktionsanteile in der EU. Auch die Rolle von Firmenwagen wird in diesem Kontext beleuchtet. Diese breite Prüfung zeigt, dass die EU eine umfassende Strategie entwickeln möchte, die nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche und geopolitische Faktoren berücksichtigt.
Hintergrund der Debatte
Das sogenannte Verbrenner-Aus ab 2035 ist Teil des EU-Klimapakets „Fit for 55“. Ziel ist es, die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Der Verkehrssektor spielt dabei eine entscheidende Rolle, da er einen erheblichen Anteil an den Gesamtemissionen der EU hat. Die Einführung von E-Fuels als mögliche Alternative für Verbrennungsmotoren nach 2035 ist ein weiterer Diskussionspunkt, der die Komplexität der Debatte erhöht.
Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Vorsprung im Fokus
Ein zentraler Punkt in der Argumentation des Kommissars ist die Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie. Tzitzikostas betonte, dass bei der Entscheidungsfindung auch geopolitische Entwicklungen berücksichtigt werden müssen. „Wir müssen darauf achten, unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht zu beeinträchtigen und gleichzeitig der EU-Industrie dabei helfen, ihren technologischen Vorsprung zu halten“, erklärte er.
Diese Aussage unterstreicht die Sorge, dass eine zu strikte Regulierung die europäische Automobilindustrie im globalen Wettbewerb benachteiligen könnte, insbesondere gegenüber Herstellern aus Asien und den USA. Die Balance zwischen Klimaschutz und wirtschaftlichen Interessen ist eine heikle Aufgabe, die die Kommission nun im kommenden Jahr angehen wird. Die eingehenden Beiträge, wie der von Bundeskanzler Merz, werden in den Entscheidungsprozess einfließen, bevor die nächsten Schritte festgelegt werden.





