Anwohner entlang der bayerischen Autobahnen A8 und A93 sind frustriert über die mangelnde Wirksamkeit der seit Ende 2025 geltenden Durchfahrverbote. Sie beklagen eine unzureichende Überwachung und fordern strengere Kontrollen, um den Ausweichverkehr aus ihren Dörfern fernzuhalten. Die Situation eskaliert, wie jüngste Fälle von Selbstjustiz zeigen.
Wichtige Erkenntnisse
- Anwohner kritisieren mangelnde Kontrollen der Durchfahrverbote in Bayern.
- Die Verbote sollen Orte entlang der A8 und A93 entlasten, zeigen aber wenig Wirkung.
- Vergleiche mit Tirol zeigen, dass dortige Regelungen effektiver sind.
- Polizei verweist auf personelle Engpässe und rechtliche Vorgaben.
- Politiker fordern langfristige Lösungen wie Schienenverkehr und ÖPNV-Ausbau.
Frust über Ausweichverkehr wächst
Die Einführung von Durchfahrverboten sollte die Gemeinden an den Autobahnen A8 und A93 von Lärm, Stau und Abgasen entlasten. Seit einigen Monaten sind diese Regelungen in Kraft, doch die erhoffte Entspannung bleibt vielerorts aus. Besonders an Wochenenden und Feiertagen, wenn der Verkehr in Richtung Süden stark zunimmt, suchen Autofahrer weiterhin Schleichwege durch die Dörfer.
Die Unzufriedenheit der Anwohner hat einen neuen Höhepunkt erreicht. In Ortsteilen von Anger im Berchtesgadener Land blockierten kürzlich ein Mann mit einem Minibagger und eine Frau mit ihrem Auto eine Durchfahrtsstraße. Gegen beide wird nun wegen Nötigung im Straßenverkehr ermittelt. Diese Taten spiegeln die Verzweiflung der Menschen wider, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen.
Fakten zu den Verboten
- Start in Miesbach: 24. Dezember 2025
- Start in Rosenheim: 15. August 2025
- Start im Berchtesgadener Land: 5. September 2025
- Geltungsbereich: Autobahnen A8 und A93
- Geltungszeiten: Freitag bis Sonntag und an Feiertagen
Bayerns Regeln im Vergleich zu Tirol
Ein Blick über die Grenze nach Tirol zeigt, dass dort ähnliche Abfahrverbote seit mehreren Jahren erfolgreich umgesetzt werden. Der Bürgermeister von Kiefersfelden, Hajo Gruber, betont: „In Tirol haben sie ein System, das funktioniert.“ Dort werden Autofahrer an bestimmten Ausfahrten angehalten, nach ihrem Ziel gefragt und gegebenenfalls zurück auf die Autobahn geschickt. Diese Kontrollen erfolgen an festen, verkehrsreichen Tagen und werden konsequent sanktioniert.
In Bayern hingegen kann die Polizei erst bei tatsächlichem Stau einschreiten. Stefan Sonntag, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, erklärt, dass die bayerische Polizei nicht im Voraus planen kann, wann und wo Staus auftreten. Dies erschwert eine proaktive Kontrolle erheblich. Die Definition eines Staus, bei dem der Verkehr auf mindestens 300 Metern für eine bestimmte Zeit unter 20 km/h rollt, ist dabei entscheidend.
„Tirol hat den faktischen Willen, seine Dörfer zu schützen. Diesen Willen kann ich auf der deutschen und bayerischen Seite nicht so erkennen.“
Hajo Gruber, Bürgermeister von Kiefersfelden
Herausforderungen für die Polizei
Die bayerische Polizei steht vor großen Herausforderungen. Es fehlt an ausreichend Personal, um die Durchfahrverbote flächendeckend und konsequent zu überwachen. Die Kontrollen müssen mit dem regulären Streifendienst bewältigt werden, zusätzliche Kräfte stehen dafür nicht zur Verfügung. „Wann immer möglich, machen wir die Kontrollen“, so Sonntag. Priorität hätten jedoch wichtigere Einsätze.
Auch bei zähfließendem Verkehr, noch bevor ein offizieller Stau festgestellt wird, nutzen bereits viele Autofahrer die Ausweichrouten. Hier dürfen die Beamten jedoch noch nicht eingreifen. Sonntag weist die Kritik zurück, dass in Bayern nicht ausreichend sanktioniert werde. Das Ziel sei nicht das Abkassieren, sondern das Fernhalten des Durchgangsverkehrs aus den Orten. Ein Verwarngeld von rund 50 Euro für Pkw kann verhängt werden, wenn sich Autofahrer uneinsichtig zeigen.
Hintergrund: Grenzproblematik in Kiefersfelden
Für Orte wie Kiefersfelden verschärft sich die Situation zusätzlich durch den sogenannten „Grenzkontrollausweichverkehr“. Aufgrund der deutschen Grenzkontrollen staut sich der Verkehr oft auf österreichischer Seite. Viele Fahrer umfahren diese Staus dann über Kufstein und Kiefersfelden, was die Belastung für die Anwohner weiter erhöht.
Zahlen und Erfolge der Kontrollen
Trotz der Schwierigkeiten verzeichnet die Polizei auch Erfolge. Allein am letzten Wochenende wurden an vier Autobahnausfahrten rund 500 Autofahrer kontrolliert. Davon mussten 230 Fahrzeuge auf die Autobahn zurückgeschickt werden. Seit Beginn der Verbote wurden insgesamt knapp 6.000 Verkehrsteilnehmer kontrolliert. Etwa 3.700 von ihnen wurden angewiesen, die Autobahn nicht zu verlassen. Diese Zahlen zeigen den Umfang des Ausweichverkehrs und den Bedarf an Kontrollen.
Tirol meldete im vergangenen Jahr, von Mitte April bis Anfang November, sogar rund 516.000 Fahrzeuge, die auf die Hauptverkehrsrouten zurückverwiesen wurden. Dies unterstreicht die Effektivität eines konsequenten Systems mit festen Kontrolltagen und ausreichend Personal.
Langfristige Lösungen gefordert
Bürgermeister Gruber sieht das Kernproblem in der fehlenden Kapazität der Inntal- und Salzburger Autobahnen. Er fordert langfristige und nachhaltige Lösungen, die über punktuelle Durchfahrverbote hinausgehen. „Die einzige Lösung, die es für das Inntal gibt, ist, den Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen“, so Gruber. Dies erfordert jedoch den Ausbau des Brenner-Nordzulaufs als Zubringer zum Brenner-Basistunnel, dessen Planung seit Jahren stagniert.
Zudem sollte der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) in die Skigebiete ausgebaut werden, um den Individualverkehr weiter zu reduzieren. Solange diese strukturellen Probleme nicht angegangen werden, bleiben die Dörfer im Alpenraum Hotspots für Ausweichverkehr und die Anwohner auf sich allein gestellt.
Tirols Modell im Überblick
- Geltungsdauer: Wintersaison bis Ostermontag
- Bezirke: Kufstein, Reutte, Imst, Schwaz
- Tage: Wochenenden und Feiertage
- Uhrzeit: 7:00 bis 19:00 Uhr
- Ergebnis 2023: ca. 516.000 Fahrzeuge zurückgewiesen (Mitte April bis Anfang November)
Blick in die Zukunft
Die Diskussion um die Durchfahrverbote in Bayern ist noch lange nicht beendet. Die Anwohner werden weiterhin Druck auf Politik und Polizei ausüben, um effektivere Maßnahmen zu erzwingen. Es bleibt abzuwarten, ob die bayerische Landesregierung bereit ist, das System nach dem Vorbild Tirols anzupassen und die nötigen Ressourcen für eine konsequentere Überwachung bereitzustellen. Ohne eine grundlegende Verkehrswende und den Ausbau des Schienennetzes wird das Problem des Ausweichverkehrs in den sensiblen Alpenregionen bestehen bleiben.
Die jüngsten Proteste zeigen, dass die Geduld der Bürger am Ende ist. Es ist ein klares Signal an die Verantwortlichen, dass Handlungsbedarf besteht und einfache Lösungen nicht ausreichen.





