Basische Nahrungsergänzungsmittel versprechen oft eine schnelle Lösung bei vermeintlicher "Übersäuerung" und eine Vielzahl von gesundheitlichen Vorteilen. Doch eine genaue Betrachtung der wissenschaftlichen Fakten zeigt: Die meisten dieser Versprechen sind nicht haltbar. Experten warnen davor, dass diese Produkte in erster Linie den Herstellern nützen und für gesunde Menschen oft überflüssig sind.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Säure-Basen-Theorie ist alternativmedizinisch und wissenschaftlich nicht belegt.
- Der menschliche Körper reguliert seinen pH-Wert selbstständig und sehr effektiv.
- Basische Nahrungsergänzungsmittel können hohe Dosen an Mineralstoffen enthalten, die Risiken bergen.
- Eine vollwertige, pflanzenbetonte Ernährung deckt den Bedarf an basenbildenden Lebensmitteln ab.
- Behauptungen über Schutz vor Krankheiten, einschließlich Viren, sind wissenschaftlich unbegründet und gesetzlich verboten.
Das Säure-Basen-Gleichgewicht im Körper
Der menschliche Organismus ist ein Meister der Selbstregulation. Er hält den pH-Wert des Blutes in einem sehr engen Bereich von 7,35 bis 7,45. Diese leicht basische Umgebung ist entscheidend für unzählige Stoffwechselprozesse. Schon geringe Abweichungen können schwerwiegende Folgen haben.
Der Körper verfügt über leistungsstarke Puffersysteme. Diese Mechanismen, an denen Nieren und Lunge maßgeblich beteiligt sind, sorgen dafür, dass überschüssige Säuren kontinuierlich ausgeschieden oder abgeatmet werden. Diese Systeme arbeiten bei gesunden Menschen reibungslos.
Was ist der pH-Wert?
- Der pH-Wert misst den Säure- oder Basencharakter einer Lösung.
- Eine Skala von 0 bis 14 wird verwendet.
- pH-Wert unter 7 ist sauer, über 7 ist basisch, genau 7 ist neutral.
- Der Säuregehalt ändert sich um das Zehnfache pro pH-Wert-Schritt.
Regulierungsmechanismen des Körpers
Selbst bei intensiver sportlicher Aktivität, Fasten oder einer typisch westlichen Ernährung mit viel Fleisch und Zucker können die körpereigenen Puffersysteme die Säuremengen bewältigen. Es ist ein Irrglaube, dass der Körper durch Lebensmittel "übersäuern" kann. Eine chronische Übersäuerung, auch als "latente Azidose" bezeichnet, ist ein alternativmedizinisches Konzept, für das es keine wissenschaftlichen Belege gibt.
"Der menschliche Organismus toleriert Schwankungen des Blut-pH-Wertes nur in sehr engen Grenzen. Schon geringe Abweichungen könnten gravierende Folgen haben. Daher gibt es im Körper mehrere leistungsfähige und sehr schnell reagierende Regulationsmechanismen, die den pH-Wert konstant halten."
Nur bei schweren Erkrankungen wie Nierenversagen oder unkontrolliertem Diabetes kann es zu einer echten Azidose kommen. Solche Zustände erfordern jedoch eine dringende medizinische Behandlung, oft auf einer Intensivstation, und sind für Betroffene eindeutig spürbar.
Werbeversprechen und Realität
Hersteller von basischen Nahrungsergänzungsmitteln werben oft mit weitreichenden Versprechen. Sie behaupten, ihre Produkte würden bei "Energielosigkeit", "Störungen des inneren Gleichgewichts", Schmerzen, Entzündungen, Hautproblemen und sogar schweren Erkrankungen wie Osteoporose, Arteriosklerose oder Krebs helfen.
Diese Behauptungen basieren auf der Annahme, dass ein Großteil der Bevölkerung unbemerkt an einer "Übersäuerung" leide, die durch Stress und ungesunde Ernährung verursacht wird. Die Produkte, oft als "Basenkuren" vermarktet, sollen dann die einzige Lösung sein.
Warum sind diese Aussagen problematisch?
Für die meisten dieser gesundheitsbezogenen Aussagen gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Die EU-Gesundheitsbehauptungsverordnung (Health Claims Verordnung) erlaubt nur Aussagen, die wissenschaftlich fundiert und zugelassen sind. Für die meisten basischen Mineralstoffverbindungen in Nahrungsergänzungsmitteln existieren solche Zulassungen nicht.
Zink und seine Rolle
Einzige Ausnahme ist Zink: Für diesen Mineralstoff ist die Aussage "trägt zu einem normalen Säure-Basen-Stoffwechsel bei" zugelassen. Dies gilt jedoch für alle Zinkverbindungen, nicht nur für die in Basenprodukten enthaltenen Citrate. Zink ist ein essenzielles Spurenelement, das in vielen Lebensmitteln wie Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen sowie Fleisch und Fisch vorkommt. Ein Mangel ist bei einer ausgewogenen Ernährung selten.
Inhaltsstoffe und mögliche Risiken
Basenprodukte sind meist als Granulat, Pulver oder Tabletten erhältlich. Sie enthalten überwiegend Citrat-Verbindungen von Mineralien wie Natrium, Calcium, Magnesium, Kalium und Zink. Oft sind sie zusätzlich mit Vitaminen und Süßungsmitteln angereichert. Auch Heilerde, Natron oder andere Bicarbonate werden als "Basentherapeutika" beworben.
Einige dieser Produkte enthalten sehr hohe Dosen an Mineralstoffen und Spurenelementen. Diese Mengen können die Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) überschreiten. Obwohl es keine gesetzlichen Höchstmengen für Nährstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln gibt, können hohe Dosen Risiken bergen.
- Magnesium: Eine Überdosierung kann zu Magen-Darm-Beschwerden führen. Das BfR empfiehlt nicht mehr als 250 mg Magnesium pro Tag aus Nahrungsergänzungsmitteln, aufgeteilt in mehrere Portionen.
- Natrium: Das BfR rät von Natrium in Nahrungsergänzungsmitteln ab, da die allgemeine Salzzufuhr in der Bevölkerung bereits hoch ist.
- Eisen: Sollte bei Schwangeren, Frauen nach der Menopause und Männern nur nach ärztlicher Rücksprache ergänzt werden.
Wechselwirkungen und Vorsichtsmaßnahmen
Basencitrate können bei gleichzeitiger Einnahme von aluminiumhaltigen Medikamenten die Aluminiumaufnahme in den Körper erhöhen. Wer Magensäureblocker oder andere aluminiumhaltige Arzneimittel einnimmt, sollte einen Abstand von mindestens zwei Stunden zu Basencitraten einhalten.
Bicarbonat-haltige Produkte, die nicht magensaftresistent überzogen sind, können den pH-Wert der Magensäure stark verändern. Ein konstanter pH-Wert der Magensäure ist jedoch wichtig für die Verdauung, die Vitamin-B12-Aufnahme und die Abwehr von Krankheitserregern. Solche Produkte sind für eine mittel- oder langfristige Einnahme, insbesondere für Risikopersonen, ungeeignet.
Basische Ernährung: Ein gesunder Ansatz ohne Mythen
Die Konzepte der "basischen Ernährung" konzentrieren sich auf den Verzehr von basenbildenden Lebensmitteln. Dazu gehören hauptsächlich Obst und Gemüse. Säurebildende Lebensmittel wie Fleisch, Milchprodukte und Zucker sollen nur in geringen Mengen konsumiert werden. Zudem werden Vollkornprodukte gegenüber raffiniertem Getreide bevorzugt.
Diese Grundsätze stimmen weitgehend mit den Empfehlungen für eine vollwertige Ernährung überein. Die positiven gesundheitlichen Effekte einer solchen Ernährungsweise sind jedoch nicht auf eine angebliche "Entsäuerung" zurückzuführen. Vielmehr resultieren sie aus der erhöhten Zufuhr von Ballaststoffen, Vitaminen und anderen Mikronährstoffen, der Reduktion von Zucker und dem geringeren Verzehr hochverarbeiteter Produkte.
Eine ausgewogene Ernährung, reich an Obst und Gemüse, ist demnach der beste Weg, um den Körper optimal zu versorgen und seine natürlichen Regulationsmechanismen zu unterstützen. Nahrungsergänzungsmittel sind hierfür in der Regel nicht notwendig.
Fazit: Wenig Nutzen, hohes Potenzial für Marketing
Das Verbrauchermagazin Ökotest untersuchte bereits 2015 32 basische Nahrungsergänzungsmittel und bewertete die meisten als "ungenügend". Kritisiert wurden zu hoch dosierte Inhaltsstoffe, mangelhafte Deklaration und der fehlende Nutzen für gesunde Menschen. An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert.
Die Behauptungen, basische Nahrungsergänzungsmittel könnten vor Krankheiten wie Krebs oder sogar Coronaviren schützen, sind wissenschaftlich nicht haltbar und gesetzlich verboten. Solche irreführenden Aussagen finden sich oft in Blogs und Internetbeiträgen, nicht aber auf den Produktverpackungen selbst.
Experten sind sich einig: Basische Nahrungsergänzungsmittel nützen vor allem einem – dem Hersteller. Wer sich vollwertig ernährt, braucht keine zusätzlichen "Basen" aus dem Tütchen.





