Lycopin wird oft als Wundermittel beworben, das Herz, Augen und Prostata schützen soll. Doch wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit von isoliertem Lycopin, wie es in Nahrungsergänzungsmitteln zu finden ist, fehlen weitgehend. Verbraucherzentralen raten von hoch dosierten Präparaten ab und empfehlen stattdessen, Lycopin über natürliche Lebensmittel aufzunehmen.
Wichtige Erkenntnisse
- Isoliertes Lycopin in Nahrungsergänzungsmitteln hat keine wissenschaftlich belegten gesundheitlichen Vorteile.
- Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat keine der beworbenen Wirkungen bestätigt.
- Natürliches Lycopin aus gekochten Tomatenprodukten wird vom Körper am besten aufgenommen.
- Eine übermäßige Zufuhr von isoliertem Lycopin kann nicht absehbare negative Effekte haben.
- Die tägliche Gesamtaufnahme von Lycopin sollte 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht nicht überschreiten.
Was ist Lycopin und woher kommt es?
Lycopin ist ein sekundärer Pflanzeninhaltsstoff und gehört zu den fettlöslichen Carotinoiden. Es ist kein Vitamin, wird aber oft als „Tomaten-Vitamin“ bezeichnet. Dieser rote Farbstoff verleiht vielen Früchten ihre charakteristische Farbe. Pflanzen nutzen Lycopin als Antioxidans, um sich selbst vor Schäden durch Sauerstoff und Sonnenlicht zu schützen.
Besonders reich an Lycopin sind Guaven, Hagebutten, rosa Grapefruits und Tomaten. In Tomaten macht Lycopin etwa 90 Prozent des gesamten Carotin-Gehaltes aus und ist hauptsächlich in der Schale konzentriert. Eine exotische Frucht, die Gac-Frucht (Mormodica cochinchinensis) aus Vietnam, enthält sogar bis zu 200 Milligramm Lycopin pro 100 Gramm.
Interessanter Fakt
Lycopin ist hitzestabil. Das bedeutet, dass es beim Kochen fast vollständig erhalten bleibt. Tatsächlich wird es aus erhitzten und verarbeiteten Lebensmitteln wie Tomatenmark und Tomatensoße sogar besser vom Körper aufgenommen als aus frischen Tomaten.
Warum die Werbung oft mehr verspricht als sie hält
Hersteller von lycopinhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln bewerben ihre Produkte häufig mit Aussagen über Zellschutz, Herzgesundheit, Augenschutz und die Vorbeugung von Prostatakrebs. Auch ein Schutz der Haut vor UV-Strahlen und somit eine Verlangsamung von Alterungsprozessen wird oft angepriesen.
Einzelne Studien haben zwar einen Zusammenhang zwischen einem hohen Verzehr von Tomaten und einem verringerten Krebsrisiko, insbesondere für Prostata-, Lungen- und Magenkrebs, gezeigt. Diese Studien weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass diese Effekte nicht auf isoliertes Lycopin, wie es in Nahrungsergänzungsmitteln vorkommt, übertragbar sind. Es wird vermutet, dass andere Inhaltsstoffe der Tomate eine wichtige Rolle spielen.
„Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat keine der beworbenen gesundheitsbezogenen Angaben für isoliertes Lycopin als ausreichend wissenschaftlich belegt angesehen.“
Lediglich für ein spezielles wasserlösliches Tomatenkonzentrat (WSTC I + II) wurde die Aussage „fördert die normale Blutplättchenaggregation und trägt zu einem gesunden Blutfluss bei“ zugelassen. Aus diesem Grund fügen Hersteller oft weitere bioaktive Substanzen wie Vitamin E oder Vitamin C hinzu, für die mehr gesundheitsbezogene Angaben erlaubt sind.
Bioverfügbarkeit: Verarbeitete Tomaten sind besser
Die Bioverfügbarkeit von Lycopin hängt stark von der Zubereitung ab. In gekochten Tomatenprodukten ist die Zellstruktur der Tomaten aufgebrochen. Da Lycopin zudem fettlöslich ist, kann der Körper es aus diesen Produkten viel besser aufnehmen.
- Tomatenmark: Rund 55 Milligramm pro 100 Gramm
- Tomatensoße: Rund 20 Milligramm pro 100 Gramm
- Frische Tomaten: 5 bis 10 Milligramm pro 100 Gramm
Ein Esslöffel Tomatenmark pro Tag kann bereits eine gute Quelle für bioverfügbares Lycopin sein.
Empfehlungen zur Lycopin-Aufnahme
Offizielle Zufuhrempfehlungen der EFSA für sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe wie Lycopin gibt es nicht, mit Ausnahme von Beta-Carotin. Die EFSA hat jedoch eine vertretbare tägliche Gesamtaufnahme (ADI) von 0,5 Milligramm Lycopin pro Kilogramm Körpergewicht aus allen Nahrungsquellen festgelegt.
Hintergrundinformation
Dieser ADI-Wert kann von bestimmten Bevölkerungsgruppen, insbesondere Vorschul- und Schulkindern, die große Mengen lycopinreicher Lebensmittel konsumieren, möglicherweise überschritten werden. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer ausgewogenen Ernährung und die Vorsicht bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln.
Die Verbraucherzentralen raten daher von der hoch dosierten Zufuhr isolierten Lycopins in Form von Nahrungsergänzungsmitteln über einen längeren Zeitraum ab. Die Wirkung ist wissenschaftlich nicht belegt, und negative gesundheitliche Effekte bei einer Aufnahme über dem ADI-Wert können nicht ausgeschlossen werden.
Lycopin als Lebensmittelzusatzstoff
Lycopin ist als Farbstoff E 160d für bestimmte Lebensmittel zugelassen. Es wird verwendet, um Milchprodukte, Konfitüren, Süßwaren, Pasteten sowie Fisch- und Fleischersatzprodukte zu färben. Dabei müssen gesetzlich festgelegte Höchstmengen von 10 bis 500 Milligramm pro Kilogramm, je nach Lebensmittel, eingehalten werden.
Seit April 2009 ist Lycopin zudem als Novel Food zugelassen. Dies erlaubt die Zugabe zu bestimmten Lebensmitteln wie Frühstückscerealien (5 Milligramm pro 100 Gramm), Salatsoßen (10 Milligramm pro 100 Gramm), Frucht- und Gemüsegetränken (2,5 Milligramm pro 100 Gramm) und Nahrungsergänzungsmitteln (15 Milligramm pro 100 Gramm). Die Zulassung regelt auch, aus welchen Quellen das Lycopin gewonnen werden darf: aus Tomaten, dem Pilz Blakeslea trispora oder synthetisch hergestellt.
Ein Antrag auf Zulassung von gelbem Tomaten-Extrakt als Novel Food wurde im März 2023 von der EFSA als nicht sicher bewertet, unter anderem wegen der möglichen hohen Gesamtexposition der Bevölkerung mit Lycopin aus verschiedenen Quellen.
Fazit der Verbraucherzentralen
Die Einnahme von Lycopin-Nahrungsergänzungsmitteln ist mangels Wirkungsnachweis und fehlender Langzeitstudien zu negativen Effekten nicht empfehlenswert. Wer Lycopin zu sich nehmen möchte, sollte dies am besten über die Nahrung tun. Alle erhitzten tomatenhaltigen Produkte sind gute Lycopinquellen.
Neben Tomaten sind auch Guaven, Hagebutten, rosa Grapefruits und die vietnamesische Gac-Frucht hervorragende natürliche Lycopinlieferanten. Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse ist der sicherste Weg, um alle notwendigen Nährstoffe und sekundären Pflanzenstoffe aufzunehmen.





