Ein aktueller Bericht der Nachrichtenagentur Reuters stellt die Sicherheitsaussagen von Tesla zum autonomen Fahrsystem FSD Supervised in Frage. Interne Quellen und Datenanalysen deuten darauf hin, dass die vom Unternehmen veröffentlichten Statistiken möglicherweise verzerrt sind und die tatsächliche Sicherheitslage anders aussehen könnte.
Wichtige Erkenntnisse
- Tesla vergleicht FSD-Unfälle mit Airbag-Auslösung mit breiteren Unfalldaten, die auch weniger schwere Vorfälle umfassen.
- Das Durchschnittsalter der Tesla-Flotte wird in Sicherheitsvergleichen ignoriert, was die Ergebnisse zugunsten von FSD verzerren könnte.
- Interne Mitarbeiter berichten von Schwächen des Systems, etwa bei der Erkennung von Schulbussen und Baustellen.
- FSD Supervised wurde kürzlich in Estland zugelassen, nach vorheriger Freigabe in den Niederlanden und Litauen.
- In den USA laufen vier Untersuchungen der Verkehrsbehörden zu FSD und Autopilot-Funktionen.
Teslas Sicherheitsanspruch auf dem Prüfstand
Tesla bewirbt sein teilautonomes Fahrsystem FSD Supervised als zehnmal sicherer als das manuelle Fahren. Diese Aussage wird nun von einem Reuters-Bericht kritisch beleuchtet. Der Bericht, der sich auf anonyme Tesla-Mitarbeiter beruft, legt nahe, dass die Vergleichsdaten des Unternehmens nicht immer direkt miteinander vergleichbar sind.
Ein zentraler Kritikpunkt ist die Art des Unfallvergleichs. Tesla vergleiche Unfälle, bei denen ein Airbag auslöste, mit einer breiteren Palette von Unfalldaten der US-Bundesbehörden. Diese Behördendaten enthalten auch weniger schwere Unfälle ohne Airbag-Auslösung. Würde man nur Unfälle mit Airbag-Auslösung als Maßstab nehmen, reduziere sich die behauptete Sicherheitsverbesserung von FSD von 10 zu 1 auf etwa 3 zu 1.
Faktencheck: Teslas Sicherheitsstatistik
- Vergleichsbasis: Tesla vergleicht FSD-Unfälle (mit Airbag-Auslösung) mit allgemeinen US-Unfalldaten (inklusive leichterer Unfälle).
- Fahrzeugalter: Tesla-Fahrzeuge sind im Schnitt 4,1 Jahre alt, US-Autos durchschnittlich 12,8 Jahre. Neuere Fahrzeuge sind generell sicherer.
- Unfallzählung: Tesla zählt Unfälle nur innerhalb von 5 Sekunden nach FSD-Deaktivierung; die US-Verkehrsbehörde NHTSA verlangt 30 Sekunden.
Verzerrte Statistiken und interne Bedenken
Ein weiterer Punkt, der die Statistik beeinflussen könnte, ist das Alter der Fahrzeuge. Die Tesla-Flotte hat ein Durchschnittsalter von 4,1 Jahren. Im Gegensatz dazu liegt der US-Bundesschnitt bei 12,8 Jahren. Neuere Fahrzeuge verfügen oft über modernere Sicherheitssysteme, die unabhängig vom FSD-System die Sicherheit erhöhen. Dies könnte die Statistiken zugunsten von Tesla verzerren.
Auch die Zählweise von Unfällen wird kritisiert. Tesla berücksichtigt laut dem Bericht nur Unfälle, die innerhalb von fünf Sekunden nach der Deaktivierung des FSD-Systems auftreten. Die US-Verkehrsbehörde NHTSA hingegen schreibt eine Zeitspanne von 30 Sekunden vor. Eine längere Beobachtungsperiode könnte mehr FSD-bezogene Vorfälle in die Statistik aufnehmen.
„Die Mitarbeiter, die an der Auswertung von Videoaufnahmen und Datenaufzeichnungen arbeiten, berichten von wiederkehrenden Schwächen des FSD-Systems.“
Schwächen im System: Schulbusse und Baustellen
Die von Reuters befragten Mitarbeiter sind direkt in die Verbesserung der FSD-KI involviert. Sie werten Videoaufnahmen und Daten aus den Fahrzeugen aus. Ihre Berichte deuten auf konkrete Mängel hin. So soll das System beispielsweise Schulbusse mit ausfahrbaren Stopp-Schildern und Warnlichtern nicht zuverlässig erkennen.
Dies führt dazu, dass Überholverbote an Haltestellen ignoriert werden könnten. Auch bei Einsatzfahrzeugen, unzureichend erkannten Baustellen und Fußgängern, die Zebrastreifen überqueren, gebe es vermehrt Probleme. Solche Situationen stellen ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar.
Hintergrund: FSD Supervised
FSD Supervised ist Teslas erweitertes teilautonomes Fahrsystem. Es soll das Fahrzeug in der Lage versetzen, selbstständig zu navigieren, die Spur zu halten, die Geschwindigkeit anzupassen und auf Verkehrssituationen zu reagieren. Der Fahrer muss jedoch stets aufmerksam sein und jederzeit eingreifen können. Das System befindet sich weiterhin in der Entwicklung und wird schrittweise in verschiedenen Ländern freigegeben.
Die Rolle der Rohdaten und Robotaxi-Herausforderungen
Die Debatte um die Zuverlässigkeit von FSD ist in sozialen Netzwerken weit verbreitet. Kritiker teilen Videos von Fehlfunktionen, während Befürworter Aufnahmen von erfolgreich vermiedenen Unfällen zeigen. Tesla selbst untermauert seine Position mit eigenen Sicherheitsstatistiken. Die Rohdaten dieser Statistiken werden laut Reuters jedoch nicht öffentlich gemacht.
Interne Aufnahmen von Beinahe-Kollisionen, insbesondere mit Fußgängern, werden offenbar von einem ausgewählten Team, dem sogenannten „Trauma Team“, gesichtet. Dies deutet auf eine interne Sensibilität gegenüber bestimmten kritischen Vorfällen hin.
Robotaxi-Dienst mit Anlaufschwierigkeiten
Die mutmaßlichen Unzulänglichkeiten des FSD-Systems wirken sich auch auf Teslas Robotaxi-Dienst in Austin, Texas, aus. Dem Start des Dienstes gingen umfangreiche nächtliche Streckenaufzeichnungen und hunderte Stunden an Daten-Labeling voraus. Dies steht im Gegensatz zu Elon Musks früherer Behauptung, FSD würde überall ohne Kartierung funktionieren.
Aktuell sollen in Austin nur 50 statt der ursprünglich angekündigten 500 Fahrzeuge im Einsatz sein. Ein Teil dieser Fahrzeuge wird Berichten zufolge immer noch von Sicherheitsfahrern begleitet, was die vollständige Autonomie in Frage stellt. In den USA laufen derzeit vier Untersuchungen der Verkehrsbehörden, die sich mit FSD oder der Autopilot-Funktion von Tesla befassen.
FSD Supervised in Europa auf dem Vormarsch
Trotz der Diskussionen in den USA schreitet die Zulassung von FSD Supervised in Europa voran. Nach den Niederlanden und Litauen hat nun auch Estland die Nutzung des Systems genehmigt. Die estnische Verkehrsbehörde erkennt die Typgenehmigung der niederländischen Straßenverkehrsbehörde RDW an.
In den Niederlanden waren vor der Zulassung umfangreiche Testreihen durchgeführt worden, um die Verlässlichkeit des FSD Supervised-Systems zu überprüfen. Für Deutschland gibt es bisher noch keine offizielle Aussage zur Zulassung von FSD Supervised.
- Zulassung in Europa: FSD Supervised ist in den Niederlanden, Litauen und Estland zugelassen.
- Testreihen: Die Niederlande führten umfangreiche Tests zur Verlässlichkeit des Systems durch.
- Deutschland: Eine Entscheidung zur Zulassung in Deutschland steht noch aus.





