Die europäische Automobilindustrie fordert von der EU-Kommission eine dringende Anpassung der Klimaziele für leichte Nutzfahrzeuge und Pkw. Angesichts sinkender Prognosen für Elektroauto-Verkäufe und starken Wettbewerbsdruck, insbesondere aus China, sehen sich die Hersteller gezwungen, eine realistischere Strategie zu verlangen. Ohne Kurskorrektur drohen Arbeitsplatzverluste und ein Rückgang der Investitionen in Europa.
Wichtige Punkte
- Europas Autohersteller fordern eine Senkung der CO₂-Ziele für Vans und Pkw.
- Der Verband ACEA warnt vor dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplatzabbau.
- Die Prognosen für den Marktanteil von Elektroautos bis 2030 wurden deutlich nach unten korrigiert.
- China übt mit günstigeren E-Autos großen Druck auf den europäischen Markt aus.
- Hersteller plädieren für längere Berechnungszeiträume und die Anerkennung von E-Fuels.
Europas Automobilbranche am Scheideweg
Die europäische Automobilindustrie steht vor großen Herausforderungen. Der Verband der europäischen Automobilhersteller (ACEA) schlägt Alarm. Bei einem Treffen des Ausschusses für leichte Nutzfahrzeuge äußerten Spitzenvertreter der Branche ernste Bedenken.
Die aktuellen Vorgaben der EU-Kommission stellen die Hersteller vor existenzielle Probleme. Ola Källenius, Präsident des ACEA und Vorstandsvorsitzender von Mercedes-Benz, warnte, dass Europa Gefahr laufe, seine Spitzenposition als Investitionsstandort und Innovationsmotor zu verlieren.
Faktencheck
- Der ACEA repräsentiert die 16 größten Pkw-, Van-, Lkw- und Bushersteller Europas.
- Die Branche beschäftigt direkt und indirekt Millionen von Menschen in Europa.
- Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe flossen bereits in die Elektromobilität.
Diskrepanz zwischen Politik und Realität
Die Kritik konzentriert sich auf die große Kluft zwischen den politischen Klimazielen und der wirtschaftlichen Realität. Obwohl sich die Branche zur Dekarbonisierung bekennt, reichen die bisherigen Flexibilitätsangebote der Politik laut Källenius nicht aus. Die Transformation sei in der Praxis so nicht erfolgreich umsetzbar.
Sollten die Klimaziele nicht besser mit den wirtschaftlichen Realitäten und der globalen Wettbewerbsfähigkeit Europas synchronisiert werden, drohen schwere Folgen für Arbeitsplätze und die Zukunftsfähigkeit des Sektors.
Kritische Situation bei den CO₂-Zielen
Besonders kritisch ist die Situation mit Blick auf das Jahr 2030. Die Hersteller müssen den Marktanteil batterieelektrischer Fahrzeuge (BEV) innerhalb der nächsten vier Jahre nahezu verdreifachen. Gelingt dies nicht, drohen hohe Strafzahlungen.
Diese Strafen würden die Investitionskraft für zukünftige Technologien weiter schwächen. Um dies zu verhindern, fordert der ACEA, die Berechnungszeiträume für Flottenwerte von drei auf fünf Jahre auszuweiten. Zudem müssten weitere Kompensationsmechanismen anerkannt werden, die über den reinen Fokus auf Elektro-Kleinstwagen hinausgehen.
"Europa läuft Gefahr, seine Spitzenposition zu verlieren – sowohl als attraktives Ziel für Investitionen als auch als Innovationsmotor." – Ola Källenius, ACEA-Präsident
Leichte Nutzfahrzeuge besonders betroffen
Noch prekärer stellt sich die Lage bei leichten Nutzfahrzeugen dar. Der Gesamtmarkt für Transporter schrumpft, während der Anteil elektrifizierter Modelle bei knapp über zehn Prozent der Neuzulassungen stagniert.
Der ACEA hält die derzeitigen Ziele für Van-Hersteller für unerreichbar. Er verlangt eine Absenkung der CO₂-Reduktionsziele auf 35 Prozent bis 2030 und auf 80 Prozent bis 2035. Dazu sollen deutlich flexiblere Übergangsfristen kommen. Ein Festhalten an der 100-Prozent-Quote für 2035 sei unrealistisch.
Stattdessen solle der Schwellenwert auf 90 Prozent gesenkt werden. Der verbleibende Rest könnte durch Gutschriften für grünen Stahl oder nachhaltige Kraftstoffe ausgeglichen werden.
Hintergrund: CO₂-Ziele der EU
Die EU hat strenge CO₂-Emissionsziele für Neuwagen festgelegt, die schrittweise bis 2035 zu einer Reduktion von 100 Prozent führen sollen. Dies bedeutet im Grunde ein Verkaufsverbot für neue Verbrennungsmotoren.
Für leichte Nutzfahrzeuge gelten ähnliche, wenn auch leicht angepasste, Reduktionspfade. Die Ziele sollen den Übergang zur Elektromobilität beschleunigen und die Klimaneutralität fördern.
Druck aus China und sinkende E-Auto-Prognosen
Die Forderungen der europäischen Hersteller sind nicht neu, gewinnen aber durch die aktuelle Marktentwicklung an Brisanz. Bereits im August hatten ACEA und CLEPA in einem offenen Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Kurskorrektur angemahnt.
Sie warnten davor, dass starre CO₂-Ziele in einer Welt geopolitischer Umbrüche und der Abhängigkeit von China bei Batterien und Rohstoffen nicht mehr haltbar seien. China kann E-Autos günstiger produzieren, was die globale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Branche bedroht. Ein ideologisch forcierter Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor sei unter diesen Bedingungen nicht mehr realistisch.
Stagnierender Markthochlauf
Der Markthochlauf der E-Mobilität ist ins Stocken geraten. Dies belegen Zahlen vom Jahresbeginn. Im Januar gingen die Neuzulassungen von E-Autos in der EU um fast vier Prozent zurück. Zwar stieg der Anteil reiner E-Autos im Vergleich zum schwachen Vorjahresmonat auf knapp über 19 Prozent.
Die Verbraucher greifen jedoch weiterhin bevorzugt zu Hybridmodellen, die fast 40 Prozent des Marktes abdecken. Bei den Transportern bleibt der Dieselmotor mit einem Marktanteil von über 80 Prozent die dominierende Kraft.
Prognose-Korrektur
- Erwarteter BEV-Anteil 2030 (Ende 2024): 69 Prozent
- Aktuelle Schätzungen BEV-Anteil 2030: rund 38 Prozent
Die Rolle von E-Fuels und Lkw
Der Verband betont, dass die Hersteller ihre Hausaufgaben gemacht haben. Allein im Jahr 2025 wurden über 300 elektrifizierte Pkw-Modelle auf den Markt gebracht, gestützt durch Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe.
Der ACEA konnte bereits politische Teilerfolge erzielen: Pkw-Hersteller erhielten mehr Zeit zur Anpassung. Für schwere Lkw gelten strenge Vorgaben, die den Verband ebenfalls stören. Bis 2030 müssen deren Emissionen im Vergleich zu 2019 um 45 Prozent sinken, bis 2035 um 65 Prozent.
Bedeutung von E-Fuels
Ein wichtiger Hebel bleibt der mühsam errungene Kompromiss für die Kategorie „E-Fuels only“. Diese soll es ermöglichen, Verbrennungsmotoren auch künftig mit synthetischen Kraftstoffen zu betreiben. Dies könnte eine wichtige Brückentechnologie darstellen.
Skeptisch blickt die Branche auf geplante Gesetze wie den Industrial Accelerator Act (IAA). Dieser soll zwar die Resilienz stärken, könnte aber durch zusätzliche Bürokratie die Fahrzeugpreise weiter in die Höhe treiben und den Markt schrumpfen lassen. Um diesen Einsatz nicht durch regulatorische Hürden zu gefährden, fordert der ACEA echte Anreize.
Ohne eine grundlegende Reform der Rahmenbedingungen, so das Fazit von Källenius, drohe der europäischen Automobilwirtschaft ein gefährlicher Strömungsabriss, der weit über die Werkstore hinaus spürbar sein werde. Die Zukunft des Industriestandorts Europa hängt maßgeblich von einer flexiblen und realistischen Klimapolitik ab.





