Der chinesische Automobilhersteller BYD hat eine umfassende finanzielle Haftungsübernahme für Unfälle angekündigt, die sich bei der Nutzung seiner städtischen Fahrassistenzfunktion Urban NOA in China ereignen. Diese Zusage gilt für ein Jahr ab Fahrzeugauslieferung oder ab der Aktualisierung auf die Version 5.0 des „God's Eye“-LiDAR-Systems. Damit setzt BYD einen neuen Standard in der Branche und reagiert auf die wachsende Nachfrage nach mehr Sicherheit und Vertrauen in autonome Fahrsysteme.
Wichtige Erkenntnisse
- BYD übernimmt volle finanzielle Haftung für Urban NOA-Unfälle in China.
- Die Haftung gilt für ein Jahr und deckt alle wirtschaftlichen Schäden ab.
- BYD hat einen eigenen 4-nm-Chip für zukünftiges autonomes Fahren entwickelt.
- Die Nutzungsrate automatischer Parkfunktionen stieg nach Haftungszusage von 21% auf 93%.
- Das „God's Eye“-Paket ist deutlich günstiger als Konkurrenzprodukte wie Tesla FSD.
Einzigartige Haftungszusage für autonome Fahrfunktionen
BYD verpflichtet sich, alle wirtschaftlichen Schäden zu übernehmen, die bei einem Unfall entstehen, während die Urban NOA-Funktion aktiv und regelkonform genutzt wurde. Dies umfasst Reparaturen am eigenen Fahrzeug, Sachschäden Dritter sowie medizinische Kosten bei Personenschäden. Eine Obergrenze für die Erstattung gibt es nicht, was diese Zusage besonders bemerkenswert macht.
Kunden müssen keine separate Versicherung für die Fahrassistenz abschließen. Ein Schadensfall soll die reguläre Kfz-Versicherungsprämie im Folgejahr nicht erhöhen. Dieses Angebot gilt ausschließlich in China und nur für bestimmte Versionen des God's-Eye-Systems.
Faktencheck: Akzeptanz durch Haftung
Nach der Einführung einer ähnlichen Haftungsgarantie für automatische Parkfunktionen stieg deren Nutzungsrate bei BYD-Fahrzeugen von 21 Prozent auf beeindruckende 93 Prozent. Dies zeigt deutlich, wie wichtig Transparenz bei der Haftung für die Akzeptanz automatisierter Systeme ist.
Technologische Basis und Datenerfassung
BYD verfügt über eine umfangreiche Datenbasis von mehr als 3,15 Millionen vernetzten Fahrzeugen. Täglich werden über 200 Millionen Fahrkilometer erfasst. Das God's-Eye-System protokolliert detailliert Sensorstatus, Fahrerinteraktionen und Aktivierungszustände der Fahrassistenz. Diese Daten könnten im Schadensfall für die Beweisführung entscheidend sein. Dennoch bleiben die genauen Bedingungen und Abläufe bei der Beweisführung vage.
Die Firma hat eine „doppelte Garantie“ eingeführt. Zuvor gab es bereits eine Haftungszusage für die als Level 4 eingestuften Parkfunktionen. Die Erfahrungen damit haben gezeigt, dass solche Garantien das Vertrauen der Nutzer erheblich stärken.
„Die Übernahme der vollen Haftung ist ein mutiger Schritt, der das Vertrauen der Kunden in unsere Technologie stärken wird. Wir sind überzeugt von der Sicherheit unserer Fahrassistenzsysteme.“
Wettbewerb und Preisgestaltung
Im Vergleich zur Konkurrenz verfolgt BYD eine aggressive Preispolitik. Das God's-Eye-Paket kostet in China etwa 12.000 Yuan, umgerechnet etwas über 1500 Euro. Teslas „Assisted Driving“ liegt in China bei rund 64.000 Yuan (ca. 8100 Euro). Huaweis ADS Max kostet 36.000 Yuan (knapp 4600 Euro). Keiner der Wettbewerber bietet eine vergleichbare Herstellerhaftung für Unfälle im assistierten Fahrbetrieb.
Tesla betont weiterhin die Aufsichtspflicht des Fahrers. Andere Hersteller wie Nio und Xpeng setzen auf optionale Zusatzversicherungen, die wenige Hundert Yuan pro Jahr kosten. BYD geht hier einen eigenen Weg und integriert die Haftung direkt in sein Angebot.
Hintergrund: Fahrassistenzsysteme
Fahrassistenzsysteme wie City-NOA, Ampelerkennung und automatisiertes Parken sind darauf ausgelegt, den Fahrer zu unterstützen und die Sicherheit zu erhöhen. Sie nutzen eine Kombination aus Kameras, Radarsensoren und Lidar-Technologie. Die Entwicklung geht in Richtung höherer Automatisierungsgrade, bei denen das Fahrzeug zunehmend eigenständig agiert.
Der neue XUANJI A3 Chip: Wegbereiter für Level 3 und 4
BYD hat mit dem XUANJI A3 Chinas ersten massenproduzierten 4-Nanometer-Fahrchip vorgestellt. Ein einzelner Chip liefert rund 700 TOPS Rechenleistung. In einer Drei-Chip-Konfiguration erreicht das System etwa 2100 TOPS. Der Energieverbrauch pro TOPS soll dabei rund 20 Prozent unter dem vergleichbarer Lösungen liegen.
Der Chip ist auf Level-3- und Level-4-Fahrfunktionen ausgelegt. BYD plant, God's Eye, einschließlich der Lidar-Variante, optional für die gesamte Modellpalette anzubieten, bis hinunter zum Einstiegsmodell Seagull. Dieses kostet umgerechnet rund 69.800 Yuan, also knapp 8900 Euro.
Zukünftige Funktionen und europäische Perspektiven
Geplant sind unter anderem ein stabileres City-NOA mit komplexer Kreuzungslogik, höher automatisiertes Autobahnfahren mit „Hands-off“-Phasen in definierten Zonen sowie erweiterte Valet-Parkfunktionen. Dies sind jedoch noch Roadmap-Ziele. China hat erste Pilotprogramme für Level-3-Autonomie für 2025 genehmigt. BYD gehört zu den Herstellern mit entsprechenden Testlizenzen in Städten wie Shenzhen.
Für den europäischen Markt ist das BYD-Haftungsmodell derzeit nicht angekündigt. In der EU gelten strenge Zulassungsbedingungen. Das datenintensive „Data Flywheel“ von BYD, eine kontinuierliche Erfassung und Auswertung realer Fahrdaten zur KI-Verbesserung, müsste in der EU DSGVO-konform gestaltet werden. Ein direkter Transfer des chinesischen Modells erscheint daher unwahrscheinlich.
- Level 3 Autonomie: Bedingt automatisiertes Fahren, bei dem der Fahrer unter bestimmten Umständen die Hände vom Lenkrad nehmen kann.
- Level 4 Autonomie: Hoch automatisiertes Fahren, bei dem das Fahrzeug in definierten Bereichen komplett selbstständig fährt.
BYD setzt mit seiner Haftungsübernahme ein deutliches Signal an die gesamte Automobilbranche. Hersteller, die ihre Fahrassistenzsysteme als sicher für den Stadtverkehr bewerben, werden sich künftig der Frage stellen müssen, warum sie nicht auch für deren Fehler geradestehen.





