Hundert Tage nach dem Handelsabkommen zwischen Brüssel und Washington spürt die deutsche Wirtschaft weiterhin die Auswirkungen der US-Zölle. Obwohl eine weitere Eskalation im Zollstreit abgewendet wurde, stehen exportorientierte Branchen unter Druck. Die ursprünglich als Entlastung gedachte Vereinbarung zeigt nun deutliche Schwachstellen, besonders für Schlüsselsektoren wie die Automobil- und Maschinenbauindustrie.
Wichtige Erkenntnisse
- Die deutschen Exporte in die USA sind über fünf Monate in Folge gesunken.
- Der Basiszollsatz von 15 Prozent für EU-Importe in die USA bleibt eine hohe Belastung.
- Die Automobilindustrie sieht sich trotz Zollsatzsenkung mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert.
- Der Maschinenbau ist besonders betroffen durch zusätzliche Zölle auf Stahl- und Aluminiumanteile.
- Widerstand gegen Trumps Zollpolitik wächst in den USA, ein Gerichtsverfahren ist anhängig.
Exportnation Deutschland unter Druck
Deutschland, dessen Wirtschaft stark vom Export abhängt, spürt die Folgen der US-Zölle deutlich. Fast jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland ist direkt oder indirekt mit dem Export verbunden. Die Handelspolitik der USA beeinflusst daher das gesamte Wirtschaftsgefüge.
Im August sanken die deutschen Ausfuhren in die USA zum fünften Mal in Folge. Dirk Jandura, Präsident des Außenhandelsverbands BGA, bestätigt, dass einst profitable Geschäftsmodelle durch die neuen Zölle unattraktiver geworden sind. Einige Händler ziehen sich bereits aus dem US-Geschäft zurück.
Wichtige Zahlen
- 15 Prozent: Basiszollsatz für die meisten EU-Importe in die USA.
- 5 Monate: Zeitraum, in dem die deutschen Exporte in die USA kontinuierlich sanken.
- 25 Prozent: Anteil der deutschen Pharmabranche, der in die USA exportiert wird.
Automobilindustrie: Erwartungen und Realität
Die Automobilbranche sollte eigentlich vom Handelsdeal profitieren. Die US-Zölle auf europäische Autos sanken ab dem 1. August von 27,5 auf 15 Prozent. Diese Senkung trat rückwirkend in Kraft, aber die Zufriedenheit in der Branche ist gering.
"15 Prozent sind das Sechsfache der 2,5 Prozent, die früher galten. Das ist weiterhin eine erhebliche Herausforderung für die deutsche Automobilwirtschaft", erklärt Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA).
Zusätzliche Belastungen kommen durch Zölle auf Stahl- und Aluminiumprodukte sowie auf Nutzfahrzeuge, Busse und Teile hinzu. Diese zusätzlichen Zölle, die ab dem 1. November gelten, treffen europäische Nutzfahrzeughersteller hart.
Konkurrenz aus den USA
Im Gegenzug für die niedrigeren US-Zölle muss die EU amerikanische Autos zollfrei einführen. Bisher lag der Einfuhrzoll bei 10 Prozent. Dies könnte zu verstärkter Konkurrenz führen. Deutsche Hersteller wie BMW, die SUVs für den europäischen Markt in den USA produzieren, könnten jedoch von dieser Regelung profitieren.
Hintergrund des Deals
Am 27. Juli einigten sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der damalige US-Präsident Donald Trump auf ein Abkommen. Ziel war es, eine weitere Eskalation im Zollstreit zu verhindern. Das Europaparlament und die Mitgliedsstaaten prüfen den Deal derzeit im Rahmen eines ordentlichen EU-Gesetzgebungsverfahrens.
Handel und Verbraucher: Bisher kaum Auswirkungen
Im Einzelhandel sind laut dem Handelsverband Deutschland (HDE) bisher keine Preiserhöhungen aufgrund der US-Zölle festzustellen. Der Hauptgeschäftsführer Stefan Genth betont jedoch, dass eine abschließende Bewertung noch zu früh sei, da der Deal auf EU-Ebene formal noch nicht umgesetzt ist.
Erhöhte Abgaben auf US-Produkte sind derzeit ausgesetzt, was Verbrauchern zugutekommt. Katharina Gangl vom Nürnberger Institut für Marktentscheidungen berichtet, dass die Zölle zwar die Stimmung drücken, das Konsumverhalten aber kaum beeinflussen. Auch bei frischen Lebensmitteln sieht Marktexperte Thomas Els keine Auswirkungen auf Preise oder Einkaufsverhalten.
BGA-Präsident Jandura hält es für möglich, dass einige Verbraucherpreise sogar sinken könnten, sollten bestimmte US-Güter zollfrei in die EU eingeführt werden dürfen. Dies hängt jedoch vom weiteren Verlauf der Verhandlungen ab.
Maschinenbau: Doppelte Belastung durch Zölle
Der Maschinenbauverband VDMA fühlt sich durch das Zollabkommen benachteiligt. Auf den Basiszoll von 15 Prozent für Maschinen erheben die USA bei vielen Produkten zusätzlich 50 Prozent Extra-Zoll für den enthaltenen Stahl- und Aluminiumanteil. Diese Praxis soll ab Dezember auf weitere Produkte ausgeweitet werden.
Neben den erhöhten und oft unklaren Endpreisen erschwert eine komplexe Zoll-Bürokratie mit umfangreichen Nachweispflichten, etwa zur Herkunft des verarbeiteten Metalls, die Geschäfte. Die Branche rechnet angesichts des Zollkonflikts, wachsender Konkurrenz aus China und einer schwachen Nachfrage bei industriellen Abnehmern mehrheitlich mit sinkenden oder stagnierenden Umsätzen.
Pharmaindustrie und Chemiebranche
Die deutsche Pharmaindustrie, die rund ein Viertel ihrer Exporte in die USA liefert, blickt besorgt auf mögliche US-Zölle auf Arzneien aus der EU. Dort sind die Arzneipreise deutlich höher als in Europa. Der Branchenverband VFA prognostiziert, dass 2025 Pharmazeutika im Wert von rund 600 Milliarden Dollar in den USA verkauft werden könnten, mehr als doppelt so viel wie in Europa.
Noch profitiert die Pharmabranche vom Hin und Her im Handelsstreit. Dieses Jahr könnten Umsatz, Produktion und Investitionen um rund drei Prozent steigen. Dies liegt auch daran, dass Exporte in die USA aus Angst vor Zöllen vorgezogen wurden und umgelenkte Lieferungen nun nachgeholt werden. Für 2026 erwartet der VFA jedoch schlechtere Geschäfte.
Die Chemiebranche sieht den Zollstreit als eine von vielen Sorgen, neben hohen Energiekosten, schwacher Nachfrage und einem weltweiten Überangebot an Basischemikalien. Von Januar bis August sank der Umsatz der deutschen Chemiebranche um 2,9 Prozent. Besonders in Nordamerika erschwerten neue US-Zölle den Absatz zusätzlich.
Im Jahr 2024 lieferte die Chemiebranche Erzeugnisse im Wert von 10,2 Milliarden Euro in die USA, was einem Anteil von rund 8 Prozent entspricht. Die Branche zeigt sich verhalten optimistisch für die Zukunft. Die Produktion soll 2025 um zwei Prozent sinken. Eine Trendwende im Inlands- oder Auslandsgeschäft ist derzeit nicht erkennbar.
Rechtliche Anfechtung der Trump-Zölle
In den USA wächst der Widerstand gegen die Zollpolitik. Ein Dutzend Bundesstaaten haben bereits Klage eingereicht. Zwei zusammen behandelte Verfahren liegen nun beim Obersten Gericht der Vereinigten Staaten. Das Gericht soll klären, ob der Präsident Zölle erheben darf, um den Import im Notstand zu regulieren.
Der Ausgang dieses Prozesses könnte erhebliche Auswirkungen auf die Handelsvereinbarung zwischen der EU und den USA haben. Die nächste Anhörung vor dem Supreme Court ist für den 5. November angesetzt. Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten und wird von der Wirtschaft genau beobachtet.





