In Deutschland nehmen laut einer aktuellen Umfrage mehr als die Hälfte der über 16-Jährigen Nahrungsergänzungsmittel ein. Doch ist das immer notwendig? Die Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen ist hierzulande grundsätzlich gut. Dennoch gibt es Personengruppen, bei denen ein erhöhtes Risiko für eine grenzwertige Versorgung besteht, wie Schwangere, Stillende, ältere Menschen und Veganer. Die Frage, wann ein Test auf Mikronährstoffmängel wirklich sinnvoll ist und welche Methoden verlässlich sind, beschäftigt viele Verbraucher.
Wichtige Erkenntnisse
- Die allgemeine Mikronährstoffversorgung in Deutschland ist gut.
- Bei Verdacht auf Mangel zahlt die Krankenkasse den Test.
- Frei verkäufliche Selbsttests sind oft unzuverlässig und führen zu Produktkäufen.
- Unspezifische Symptome wie Müdigkeit können viele Ursachen haben.
- Alternative Testmethoden wie Haaranalysen sind wissenschaftlich nicht belegt.
Verbreitung von Nahrungsergänzungsmitteln und die Realität der Mängel
Die Beliebtheit von Nahrungsergänzungsmitteln steigt stetig. Eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2024 zeigt, dass über 50 Prozent der Deutschen ab 16 Jahren zu solchen Produkten greifen. Dabei berichten 11 Prozent der Nutzer von Nebenwirkungen wie Durchfall oder Übelkeit. Weitere 2 Prozent stellten Wechselwirkungen mit Medikamenten fest. Eine Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) aus dem Jahr 2025 ergab, dass mehr als drei Viertel der Bevölkerung in den letzten zwölf Monaten Supplemente eingenommen haben, obwohl die Versorgungslage generell gut ist.
Interessant ist hierbei, dass laut BfR-Verbrauchermonitor 2021 nur bei 16 Prozent der Nahrungsergänzungsmittel-Nutzer tatsächlich ein Mangel festgestellt wurde. Weitere 18 Prozent nahmen Produkte ein, weil sie selbst einen Vitaminmangel vermuteten. Dies unterstreicht die Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Notwendigkeit und dem tatsächlichen Bedarf.
Faktencheck
- Mehr als die Hälfte der Deutschen über 16 Jahre nimmt Nahrungsergänzungsmittel.
- Nur bei 16% der Nutzer wurde ein tatsächlicher Mangel festgestellt.
- 11% der Nutzer berichten von Nebenwirkungen.
Wann ist ein Test medizinisch sinnvoll?
Ein Forscherteam der Donau-Universität Krems stellte fest, dass eine regelmäßige Bestimmung des Vitamin-B12- oder Vitamin-D-Spiegels bei Menschen ab 50 Jahren ohne Mangelsymptome keinen gesundheitlichen Nutzen bringt. Das bedeutet, dass nicht jeder präventiv testen lassen sollte.
Wenn es jedoch konkrete Hinweise auf einen Vitamin- oder Mineralstoffmangel gibt, kann die Hausarztpraxis entsprechende Untersuchungen veranlassen. In solchen Fällen werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen. Dies ist der Fall bei bestimmten Symptomen oder Risikogruppen.
Symptome und deren Interpretation
Mängel an Vitaminen oder Mineralstoffen können unspezifische Symptome hervorrufen, die auch andere Ursachen haben können. Dazu gehören Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Konzentrationsmangel, Hautprobleme oder erhöhte Infektanfälligkeit. Diese Anzeichen können aber auch durch Stress, Schlafmangel oder Entzündungen verursacht werden.
Eine detaillierte Anamnese mit Ernährungsprotokoll und eine körperliche Untersuchung sind der erste Schritt. Eine qualifizierte Ernährungsberatung kann hier eine erste Einschätzung geben. Erst danach folgen Laboruntersuchungen mit biochemischen Tests, die die Nährstoffaufnahme der jüngeren Vergangenheit bewerten.
"Das optimale Vorgehen zur Abschätzung eines Mikronährstoffmangels umfasst zunächst einmal eine detaillierte Anamnese mit Ernährungsprotokoll und eine körperliche Untersuchung."
Kontext: Risikogruppen für Mängel
Obwohl die allgemeine Versorgung gut ist, gibt es spezifische Gruppen mit erhöhtem Risiko für Mikronährstoffmängel:
- Schwangere und Stillende
- Ältere Menschen
- Vegan lebende Personen
- Leistungssportler, die auf ihr Gewicht achten müssen (z.B. rhythmische Sportgymnastik, Ballett)
Herausforderungen bei der Interpretation von Laborwerten
Die Interpretation von Laborwerten kann komplex sein. Nehmen wir das Beispiel Zink: Ein niedriger Zinkwert während einer Infektion bedeutet nicht zwangsläufig einen generellen Mangel. Der Wert kann sich nach Abklingen der Infektion normalisieren. Ähnlich verhält es sich mit Ferritin, einem Marker für Eisenmangel. Ein erhöhter Ferritinwert bei einer Erkältung kann einen tatsächlichen Eisenmangel maskieren.
Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel während einer Krankheit bedeutet nicht automatisch, dass die Krankheit wegen des niedrigen Vitamin-D-Wertes ausgebrochen ist. Es könnte auch umgekehrt sein, dass die Krankheit den Vitamin-D-Spiegel beeinflusst hat. Solche Zusammenhänge werden in Diskussionen oft übersehen.
Private Bluttests: Sinnvoll oder Geldverschwendung?
Rundum-Tests, die alle Vitamine und Mineralstoffe messen sollen, sind in der Regel wenig sinnvoll, da Deutschland kein Vitaminmangelland ist. Spezielle Untersuchungen können jedoch in bestimmten Fällen nützlich sein, etwa die Bestimmung des Vitamin-D-Status bei wenig aktiven älteren Menschen oder des B12-Wertes bei Veganern.
Private Labore bieten eine Vielzahl von Kombi-Paketen an. Ein Basis-Mineralstoff-Paket mit Selen, Zink, Calcium, Magnesium, Phosphor, Kupfer, Mangan und Chrom kostet rund 90 Euro. Ein erweitertes Paket kann bis zu 150 Euro kosten. Eine Vitamin-D-Untersuchung liegt meist zwischen 20 und 35 Euro. Hinzu kommen Kosten für die Blutabnahme und ärztliche Beratung.
Testanbieter nennen oft Gründe wie allgemeine Gesundheitsvorsorge, Magen-Darm-Erkrankungen oder die Einnahme bestimmter Medikamente als Anlass für Tests. Auch Wachstumsphasen bei Kindern oder herausfordernde Situationen werden genannt. Es ist ratsam, solche Empfehlungen zunächst mit einem Arzt zu besprechen. Wenn eine Untersuchung aus gesundheitlichen Gründen wichtig ist, wird der Arzt diese veranlassen und die Kosten über die Krankenkasse abrechnen.
Kostenübernahme durch Krankenkassen
Besteht der Verdacht auf einen tatsächlichen Nährstoffmangel, können Ärztinnen und Ärzte die Diagnostik zu Lasten der Krankenkasse abrechnen. Andernfalls gelten Mikronährstoffuntersuchungen als individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) und müssen selbst bezahlt werden. Einige private Krankenkassen und naturheilkundliche Zusatzversicherungen übernehmen jedoch die Kosten.
Selbsttests aus dem Internet und Schnelltests für zuhause
Das Internet bietet zahlreiche Selbsttests an, beispielsweise für den Vitamin-D-Status. Dabei entnimmt man sich selbst einen Blutstropfen aus der Fingerkuppe und schickt ihn an ein Labor. Vergleiche zeigen jedoch, dass die Ergebnisse dieser Tests stark schwanken können und die Auswertungen oft mit Kaufempfehlungen für Produkte verbunden sind. Die Preise für Vitamin-D- und Eisen-Tests liegen bei 20-30 Euro, für B12 bei rund 40 Euro.
Schnelltests für zuhause, ähnlich den Corona-Tests, sollen innerhalb von fünf Minuten Ergebnisse liefern. Sie sind mit 5-10 Euro relativ preiswert, bieten aber nur einen Anhaltspunkt. Vor der Einnahme hochdosierter Nahrungsergänzungsmittel sollten die Ergebnisse durch eine Laboruntersuchung bestätigt werden.
Alternative Testmethoden: Wissenschaftlich nicht belegt
Neben den etablierten Methoden werden auch diverse alternative Testverfahren angeboten, oft in Apotheken, Reformhäusern oder Naturheilpraxen. Diese versprechen, den individuellen Nährstoffbedarf zu ermitteln, sind jedoch wissenschaftlich nicht belegt.
- Bioresonanz-Diagnostik: Diese Methode misst elektromagnetische Schwingungen, um auf biochemische Vorgänge zu schließen. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise für ihre Wirksamkeit. Ein Reutlinger Gericht stufte solche Geräte sogar als Betrug ein.
- Kinesiologische Diagnostik: Hierbei sollen Muskeltests Hinweise auf den Mikronährstoffbedarf geben. Auch diese Methode ist wissenschaftlich nicht anerkannt und ihre Wirksamkeit nicht belegt.
- Antioxidantien-Scanner: Diese Geräte messen den Gehalt von Antioxidantien in der Handfläche mittels optischer Verfahren. Ein Test der Verbraucherzentrale NRW zeigte keine nachvollziehbaren Ergebnisse. Diese Geräte sind keine Medizinprodukte.
- Haar-Mineral-Analysen: Diese Analysen sollen Mineralstoffmängel aufdecken. Eine Untersuchung der Stiftung Warentest ergab jedoch, dass die Werte von Labor zu Labor stark schwanken. Haaranalysen eignen sich nicht zur Bestimmung von Vitaminen und sind kein anerkanntes diagnostisches Verfahren.
- Zell-Check / Oligo-Scan: Ein Haut-Scan der Handfläche mittels Lichtspektralphotometrie. Trotz aufwendiger Recherche konnten keine Studien zur Verlässlichkeit dieser Methode gefunden werden. Sie ist wissenschaftlich nicht fundiert.
Es ist entscheidend, bei der Wahl von Tests auf wissenschaftlich fundierte Methoden zu setzen und sich bei Unsicherheiten immer an medizinisches Fachpersonal zu wenden. Die Gesundheit sollte nicht durch unseriöse oder ungenaue Tests aufs Spiel gesetzt werden.





