Der Euro NCAP, das europäische Verbraucherschutzprogramm für Fahrzeugtechnik, hat seine Bewertungskriterien für die Sicherheit von Neuwagen deutlich verschärft. Ab sofort müssen Fahrzeuge in vier Schlüsselbereichen neue, höhere Standards erfüllen, um die begehrte Fünf-Sterne-Bewertung zu erreichen. Diese Änderungen sind die umfangreichsten seit 2009 und zielen darauf ab, die Unfallvermeidung und den Schutz der Insassen weiter zu verbessern.
Wichtigste Änderungen
- Direkter Zugriff auf Grundfunktionen im Cockpit wird Pflicht.
- Fahrassistenzsysteme müssen in komplexeren Szenarien zuverlässig arbeiten.
- Ein neuer Crashtest bei niedriger Geschwindigkeit (35 km/h) ergänzt die Tests.
- Funktionierende Türgriffe und verbesserte Bergung nach Unfällen sind entscheidend.
Bedienung im Fahrzeug wird entscheidend
Moderne Autos bieten immer mehr Funktionen, die oft über komplexe Menüstrukturen gesteuert werden. Dies kann während der Fahrt ablenken. Der Euro NCAP fordert nun eine ablenkungsarme Bedienung. Wichtige Grundfunktionen müssen direkt erreichbar sein.
Dazu gehören Blinker, Warnblinker, die Hupe, Scheibenwischer und das eCall-System. Diese Funktionen dürfen keine Umwege über Untermenüs erfordern. Andere wichtige Funktionen dürfen maximal zwei Schritte in einem Untermenü entfernt sein. Dies soll die Sicherheit erhöhen, indem Fahrer weniger Zeit mit der Suche nach Bedienelementen verbringen.
Faktencheck: Direkter Zugriff
- Blinker, Warnblinker, Hupe, Scheibenwischer und eCall müssen direkt bedienbar sein.
- Andere Funktionen dürfen maximal zwei Menüschritte entfernt sein.
Assistenzsysteme unter strengerer Beobachtung
Fahrassistenzsysteme wie Spurhalteassistenten und automatische Notbremssysteme sind bereits gesetzlich vorgeschrieben. Der Euro NCAP erweitert nun die Testbedingungen für diese Systeme erheblich. Sie müssen künftig in einer größeren Vielfalt von Szenarien ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen.
Dies beinhaltet Tests bei unterschiedlichen Auftreffwinkeln, schlechtem Wetter und variierenden Geschwindigkeiten. Ein weiterer Fokus liegt auf der Qualität des Eingriffs. Ein Spurhalteassistent darf nicht zu harsch reagieren, da dies die Akzeptanz beim Fahrer mindern könnte. Sanfte und präzise Eingriffe sind gewünscht, um die Sicherheit ohne Komforteinbußen zu gewährleisten.
"Es ist ein gutes Zeichen, wenn sich die Ersteller von Bewertungskriterien darum sorgen, dass ein zu harsches Eingreifen von Spurhalteassistenten die Akzeptanz beim Fahrer senken könnte."
Neuer Crashtest bei niedriger Geschwindigkeit
Ein völlig neuer Crashtest wird eingeführt: ein Aufprall bei 35 km/h. Bisher konzentrierten sich die Tests oft auf höhere Geschwindigkeiten, für die Karosserie und Gurtstraffung optimiert sind. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass bei niedrigeren Geschwindigkeiten unter Umständen höhere Kräfte auf die Insassen wirken können als bei 50 km/h, da die Systeme anders ausgelegt sind.
Hintergrund: Warum 35 km/h?
Hersteller optimieren ihre Fahrzeuge oft für Standard-Crashtests bei höheren Geschwindigkeiten. Dies kann dazu führen, dass bei Unfällen mit geringerer Geschwindigkeit die Belastung für die Insassen unerwartet hoch ist. Ein spezieller Test bei 35 km/h soll diese Lücke schließen und adaptive Systeme fördern, die sich an Geschwindigkeit und Insassengewicht anpassen.
Dieser neue Test soll sicherstellen, dass Fahrzeuge auch bei typischen Stadtgeschwindigkeiten optimalen Schutz bieten. Adaptive Systeme, die sich an die Aufprallgeschwindigkeit und das Gewicht der Insassen anpassen können, werden hierbei besonders punkten. Zudem kommen nun Dummies unterschiedlicher Größe und Gewichts zum Einsatz, die an verschiedenen Positionen im Fahrzeug platziert werden, um eine umfassendere Bewertung zu ermöglichen. Ergänzt werden diese realen Tests durch computersimulierte Crashs mit digitalen Modellen.
Sicherheit nach dem Unfall: Bergung und Funktionsfähigkeit
Die Sicherheit eines Fahrzeugs endet nicht mit dem Aufprall. Der Euro NCAP legt nun verstärkt Wert auf die einfache Bergung nach einem Unfall. Ein wichtiger Punkt betrifft die Türgriffe. Motorisierte, versenkbare Türgriffe, die in vielen modernen Autos zu finden sind, müssen nach einem Aufprall weiterhin funktionieren. Dies gilt auch für elektrische Kofferraumklappen.
China hat bereits angekündigt, solche Griffe in neu homologierten Autos ab 2027 zu verbieten, wenn sie nicht immer funktionsfähig sind. Auch wenn in der EU noch kein Verbot in Sicht ist, wird die Zuverlässigkeit dieser Systeme beim Euro NCAP nun strenger bewertet. Ein Beispiel ist Volvo, das beim EX60 nach eigenen Angaben mehrere voneinander unabhängige Stromkreise für die Türöffnung verlegt hat, um die Funktion nach einem Unfall zu gewährleisten.
- Rettungskarten müssen leicht verfügbar sein.
- Das eCall-System muss nach einem Unfall einwandfrei funktionieren.
- Elektroautos benötigen eine isolierte Traktionsbatterie.
- Zusätzlicher Widerstand gegen Überhitzung der Akkus ist für E-Autos Pflicht.
Für Elektroautos gibt es zusätzliche Anforderungen: Die Traktionsbatterie muss isoliert sein und über einen Widerstand verfügen, der eine Überhitzung des Akkus nach einem Unfall verhindert. Diese Maßnahmen sollen die Sicherheit für Insassen und Rettungskräfte weiter erhöhen.
Höherer Aufwand für Hersteller – mehr Sicherheit für Verbraucher
Die Einführung dieser vier neuen Bewertungskriterien stellt eine erhebliche Herausforderung für die Fahrzeughersteller dar. Es wird deutlich schwieriger, die maximale Fünf-Sterne-Bewertung zu erreichen. Der Aufwand für Tests und Entwicklung steigt beträchtlich. Zwar können einige Tests durch Simulationen abgedeckt werden, viele erfordern jedoch weiterhin reale Versuche mit Prototypen.
Für Verbraucher ist diese Entwicklung jedoch ein klares Plus. Die verschärften Anforderungen bedeuten, dass neue Fahrzeuge in Zukunft noch sicherer sein werden. Dies umfasst nicht nur den Schutz bei einem Aufprall, sondern auch die aktive Unfallvermeidung und die Sicherheit nach einem Crash. Der Euro NCAP setzt damit erneut Maßstäbe für die Fahrzeugsicherheit in Europa.





