Die Elektromobilität verspricht leisere Städte und eine bessere Lebensqualität. Doch eine aktuelle Debatte in internationalen Normungsgremien könnte diesen Vorteil zunichtemachen. Die Automobilindustrie drängt darauf, Elektrofahrzeuge künstlich lauter zu machen, was erhebliche Auswirkungen auf den Verkehrslärm haben könnte.
Wichtige Punkte
- Die Automobilindustrie fordert, dass E-Autos künstliche Geräusche (ESES) abgeben dürfen, die über die Sicherheitsanforderungen hinausgehen.
- Gesundheitsorganisationen warnen vor den Folgen von Verkehrslärm, der bereits Millionen Menschen in Europa betrifft.
- Aktuelle Verhandlungen in Genf diskutieren eine mögliche „Default-Off“-Regelung für diese Lärmsysteme.
- Hersteller begründen den Wunsch nach mehr Sound mit emotionaler Markenbindung und „Fahrspaß“.
Die stille Revolution in Gefahr
Elektrofahrzeuge sind von Natur aus leise. Ihre Elektromotoren erzeugen kaum Geräusche, was sie zu einem Hoffnungsträger für eine deutliche Reduzierung des Lärmpegels in urbanen Gebieten macht. Diese Eigenschaft könnte jedoch verloren gehen. In Genf diskutiert die Wirtschaftskommission der UN für Europa (UNECE) Änderungen an den Vorschriften für Fahrzeuggeräusche.
Bislang ist ein Acoustic Vehicle Alerting System (AVAS) gesetzlich vorgeschrieben. Dieses System erzeugt bei niedrigen Geschwindigkeiten, bis zu 20 km/h, Warntöne. Es soll die Sicherheit von Fußgängern und Sehbehinderten gewährleisten. Eine Anhebung dieser Grenze auf 30 km/h wird derzeit erwogen. Bei höheren Geschwindigkeiten muss der Ton aus Lärmschutzgründen abgeschaltet werden.
Wussten Sie schon?
In der EU sind E-Autos bis zu 20 km/h verpflichtet, ein künstliches Fahrgeräusch zu erzeugen. Diese Regelung soll Fußgänger und sehbehinderte Menschen schützen.
Die Forderung der Industrie: Sound als Markenidentität
Die Automobilbranche, vertreten durch den Weltverband OICA, möchte über diese Sicherheitsanforderungen hinausgehen. Sie strebt die Einführung von sogenannten Exterior Sound Enhancement Systems (ESES) an. Diese Systeme sollen es E-Autos ermöglichen, zusätzliche, emotional motivierte Klänge nach außen abzugeben.
Es geht dabei nicht um Sicherheit, sondern um das Erzeugen von sportlichem Röhren oder anderen dröhnenden Geräuschkulissen. Diese Klänge sollen künstlich über Lautsprecher erzeugt werden. Hersteller wie Porsche haben bereits spezifische „Electric Sport Sounds“ für Modelle wie den Taycan entwickelt. BMW kooperiert sogar mit Hollywood-Komponisten wie Hans Zimmer, um markentypische Klangwelten zu schaffen, die den „Spaß am Fahren“ erhöhen sollen.
„Die Automobilbranche warnt, dass eine Verschärfung der Grenzwerte den wachsenden E-Auto-Markt gefährden könnte. Manche Kunden würden ohne den gewohnten 'kraftvollen Sound' kein akkubetriebenes Fahrzeug kaufen.“
Die OICA-Lobbyisten befürchten, dass Kunden ohne den gewohnten „kraftvollen Sound“ keine E-Autos kaufen würden. Sie fordern daher, dass E-Autos keinen strengeren Lärmgrenzwerten unterliegen sollten als Verbrenner. Kritiker sehen darin den Versuch, ein archaisches Fahrgefühl in eine Ära zu retten, die eigentlich durch Stille definiert sein sollte.
Hintergrund der Debatte
Die Verhandlungen über Fahrzeuggeräusch-Regelungen finden im Rahmen der UNECE statt. Hier werden internationale Standards für die Automobilindustrie festgelegt, die weitreichende Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit haben können.
Porsche und das Verbrenner-Revival
Ein Beispiel für die Skepsis gegenüber der lautlosen Technik zeigt sich in der Strategie von Porsche. Obwohl die Elektrotechnik als überlegen gilt, setzt der Sportwagenbauer „marktbedingt“ wieder verstärkt auf traditionelle Antriebskonzepte. Eine ursprünglich vollelektrisch geplante SUV-Baureihe wird vorerst nur als Verbrenner- und Plug-in-Hybridmodell erscheinen.
Viele Porsche-Liebhaber bevorzugen offenbar den klassischen Lärm eines Verbrennungsmotors gegenüber der digitalen Stille. Dies unterstreicht ein Identitätsproblem der Branche: Der Abschied vom Verbrenner würde konsequenterweise auch einen Abschied vom Lärm bedeuten. Diesen Schritt scheuen jedoch sowohl Hersteller als auch Teile der Kundschaft.
Die gesundheitlichen Kosten des Lärms
Während die Industrie über Emotionen und Markenidentität spricht, warnen Gesundheits- und Umweltvertreter vor den realen Folgen. Verkehrslärm ist nach der Luftverschmutzung die zweitgrößte Umweltgefahr in Europa. Laut der Europäischen Umweltagentur (EEA) sind über 110 Millionen Menschen regelmäßig gesundheitsgefährdenden Lärmpegeln ausgesetzt.
Dauerhafte Lärmbelastung erhöht nachweislich das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle. Allein in Deutschland leben rund 22 Millionen Menschen mit Tagespegeln über 55 Dezibel. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Verkehrslärm in Europa jährlich etwa 1 bis 1,3 Millionen gesunde Lebensjahre raubt. Vor diesem Hintergrund erscheint der Versuch, E-Autos künstlich lauter zu machen, als gesundheitspolitischer Rückschritt.
- Frankreich hat sich deutlich gegen unnötigen Lärm ausgesprochen.
- Die Niederlande unterstützen ebenfalls strengere Lärmschutzmaßnahmen.
- Die Schweiz tritt für eine „Default-Off“-Regelung ein.
Ein möglicher Kompromiss: Lärm auf Knopfdruck
Der Verhandlungsstand vom November 2024 deutet auf einen Kompromiss hin. Die EU-Kommission ist für ein striktes Verbot nicht sicherheitsrelevanter künstlicher Geräusche. Staaten wie Deutschland und Japan warnen jedoch vor zu strikten Verboten.
Ein technischer Mittelweg zeichnet sich ab: das „Default-Off“-Prinzip. Dieses besagt, dass ein Fahrzeug zwar mit ESES ausgestattet sein darf, diese Systeme aber beim Fahrtantritt grundsätzlich ausgeschaltet sind. Der Fahrer müsste die Lautsprecher jedes Mal gezielt aktivieren. Die Schweiz hat diesen Ansatz in den Arbeitsgruppen vorangetrieben.
Die endgültige Entscheidung über die neuen Normen wird auf der Plenarsitzung der UNECE im Februar erwartet. Kritiker wie Holger Siegel vom Bundesverband gegen Motorradlärm, Marc Millenet und Thierry Talon warnen, dass die „leise Revolution“ auf der Kippe stehe. Sollte sich die Branche durchsetzen, könnte ein Teil des technischen Fortschritts der E-Mobilität zunichtegemacht werden.
Die Zukunft des urbanen Sounds
Die Entscheidung in Genf wird weitreichende Folgen für die Geräuschkulisse unserer Städte haben. Es bleibt abzuwarten, ob die gesundheitlichen und umweltrelevanten Argumente gegen unnötigen Lärm überwiegen oder ob die emotionalen Marketingstrategien der Automobilindustrie die Oberhand gewinnen.
Die Möglichkeit, den Lärmpegel in Städten nachhaltig zu senken, ist eine große Chance. Es liegt an den Gesetzgebern, diese Chance nicht ungenutzt zu lassen und einen klaren Weg für eine leisere Zukunft zu ebnen.





