Bitterstoffe werden oft als Wundermittel beworben, das beim Abnehmen hilft, Blähungen lindert und sogar einen vermeintlichen „Bitterstoffmangel“ beheben soll. Doch die wissenschaftliche Realität sieht anders aus. Während bestimmte Bitterstoffe traditionell bei Verdauungsproblemen eingesetzt werden, fehlt es an umfassenden Belegen für viele der beworbenen Effekte. Eine kritische Betrachtung von Nahrungsergänzungsmitteln ist daher unerlässlich.
Wichtige Erkenntnisse
- Ein täglicher Bedarf an Bitterstoffen ist nicht wissenschaftlich belegt.
- Werbeaussagen zu Abnehmen oder Blähungen sind oft irreführend und wissenschaftlich nicht haltbar.
- Bitterstoffe können traditionell bei Appetitlosigkeit und Magen-Darm-Beschwerden helfen.
- Natürliche Bitterstoffe finden sich in vielen Lebensmitteln wie Chicorée, Artischocken und Kaffee.
- Nahrungsergänzungsmittel mit Bitterstoffen sollten kritisch hinterfragt werden, insbesondere bei unklaren Mengen- und Inhaltsangaben.
Bitterstoffe in der Werbung: Was steckt dahinter?
Unternehmen bewerben ihre Produkte aggressiv mit der Behauptung, Bitterstoffe seien aus unserer modernen Ernährung weitgehend verschwunden. Sie argumentieren, Nahrungsergänzungsmittel (NEM) seien notwendig, um diesen angeblichen Mangel zu decken. Versprechungen reichen von Gewichtsverlust bis zur Linderung eines „Blähbauchs“. Auf vielen Websites finden sich zudem Hinweise auf einen „Bitterstoffmangel“ und dessen weitreichende Folgen für den gesamten Körper, oft direkt gefolgt von Produktangeboten und Rabattcodes.
Tatsächlich gehören Bitterstoffe größtenteils zu den sekundären Pflanzenstoffen. Diese sind für den Menschen nicht lebensnotwendig (essenziell), können aber positive Wirkungen auf den Körper haben. Der Name verrät es bereits: Sie verleihen Lebensmitteln einen bitteren Geschmack. Die aktuelle wissenschaftliche Studienlage zeigt jedoch keine Hinweise darauf, dass unser Körper auf Bitterstoffe angewiesen ist oder diese für die Funktion bestimmter Organe zwingend benötigt werden. Eine offizielle tägliche Mengenempfehlung existiert daher nicht.
Faktencheck Bitterstoffe
Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für einen „Bitterstoffmangel“ im menschlichen Körper. Werbeaussagen, die dies suggerieren, sind mit Vorsicht zu genießen.
Widersprüchliche Wirkversprechen und Realität
Die Wirkaussagen zu Bitterstoffen sind oft widersprüchlich. Einige Behauptungen deuten darauf hin, dass Bitterstoffe bei Diabetes und Prädiabetes den Hunger reduzieren könnten. Dies steht jedoch im Gegensatz zu traditionellen Anwendungen, bei denen Bitterstoffe gerade zur Appetitanregung und zur Steigerung des Hungergefühls eingesetzt werden. Klassische pflanzliche Arzneimittel nutzen Bitterstoffe wegen ihrer appetitanregenden, sekretionsfördernden und darmmobilitätssteigernden Wirkung bei Appetitlosigkeit und Magen-Darm-Beschwerden.
Ein weiterer Widerspruch zeigt sich bei der angeblichen entsäuernden Wirkung, während gleichzeitig die Bildung von Gallenflüssigkeit und Magensäure gefördert werden soll. Effekte auf den Blutzuckerspiegel haben sich in Studien als sehr schwach erwiesen. Werbeaussagen für NEM sollten daher keinesfalls dazu führen, notwendige Diabetes-Medikamente abzusetzen.
„Die wissenschaftliche Studienlage gibt keine Hinweise darauf, dass unser Körper auf Bitterstoffe angewiesen ist oder diese für die Funktion bestimmter Organe relevant sind.“
Blähungen und Heißhunger: Fehlende Belege
Es gibt keine eindeutigen Daten aus Humanstudien, die einen Zusammenhang zwischen einer Verringerung von Blähungen (Flatulenz) oder weniger Heißhunger und der regelmäßigen Einnahme bestimmter Bitterstoffe belegen. Entsprechende Werbeaussagen für Nahrungsergänzungsmittel sind weder seriös noch rechtlich erlaubt. Bei wiederkehrenden Beschwerden wie Blähungen, Appetitlosigkeit oder starkem Heißhunger sollte immer zuerst eine ärztliche Praxis konsultiert werden.
Manche Anwender berichten, dass eine kleine Menge bitteren Pulvers oder einige Tropfen bitteren Safts ihren Heißhunger auf Süßes dämpfen würden. Wissenschaftliche Studien konnten dies bisher nicht eindeutig bestätigen. Es ist jedoch denkbar, dass ein ähnlicher Effekt auch mit bitteren Lebensmitteln erzielt werden kann.
Worauf bei Bitterstoff-Nahrungsergänzungsmitteln achten?
Da ein Mangel an Bitterstoffen nicht bekannt ist, sollten Werbeaussagen kritisch hinterfragt werden. Behauptungen wie „trägt zu einem normalen Fettstoffwechsel bei“ oder „trägt zur Erhaltung einer normalen Leberfunktion bei“ beziehen sich oft nicht auf die Bitterstoffe selbst, sondern auf zugesetztes Cholin. Cholin ist ein Nährstoff, der in Lebensmitteln wie Eigelb, Fleisch, Fisch und Vollkornprodukten vorkommt und vom Körper selbst hergestellt werden kann.
Hintergrund: „On Hold Claims“
Viele Werbeaussagen, insbesondere von Influencern, sind sogenannte „on hold Claims“. Das sind beantragte gesundheitsbezogene Aussagen, deren Richtigkeit noch nicht vollständig geprüft wurde. Jegliche Nennung von Krankheiten im Zusammenhang mit NEM ist verboten. Bei Unsicherheiten sollte stets ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.
Inhaltsstoffe und Mengenangaben
Die Zutatenliste von NEM listet die Inhaltsstoffe in absteigender Reihenfolge der Menge auf. Oft sind die Angaben jedoch vage, zum Beispiel „x % xy-Extrakt“ oder „Pflanze xy (x %)“. Der genaue Gehalt an spezifischen Bitterstoffen wie Cynarin (Artischocke) oder Silymarin (Mariendistel) geht aus den Nährwertangaben oft nicht hervor. Besonders Tropfen und Sprays enthalten häufig Alkohol als Hauptbestandteil, manchmal auch Konservierungsstoffe.
Vorsicht ist geboten bei Zutaten wie Wermut oder Artemisia, da ihre genaue Wirkungsweise noch nicht vollständig geklärt ist und unerwünschte gesundheitliche Wirkungen nicht ausgeschlossen werden können. Bei erstmaliger oder übermäßiger Einnahme können Bitterstoffe Übelkeit und abführende Wirkungen hervorrufen.
Bei bestehenden Magen-Darm-Problemen wie Magengeschwüren, Zwölffingerdarmbeschwerden, Gallensteinen oder Übersäuerung des Magens sollte vor der Einnahme von Bitterstoff-NEM unbedingt ärztliche Rücksprache gehalten werden.
Natürliche Bitterstoffe in Lebensmitteln
Wer auf natürliche Bitterstoffe setzen möchte, findet diese in einer Vielzahl von Lebensmitteln. Eine ausgewogene Ernährung liefert in der Regel ausreichend Bitterstoffe, sodass Nahrungsergänzungsmittel nicht notwendig sind.
Lebensmittel reich an Bitterstoffen:
- Getränke: Grüner Tee, schwarzer Tee, Kaffee, Rotwein
- Hülsenfrüchte: Erbsen, Mungobohnen, Sojabohnen, Sojadrink, Esskastanien
- Gemüse: Chicorée, Artischocke, Spargel, alle Kohlsorten (Brokkoli, Rosenkohl), Spinat, Mangold, Sellerie, rote Zwiebeln, Tomaten, Endivien, Friséesalat, Rucola, Rote Bete, Radicchio, Oliven
- Kräuter und Gewürze: Minze, Salbei, Rosmarin, Thymian, Zimt, Pfeffer, Chili
- Früchte: Beerenfrüchte, Kirschen, Trauben, Äpfel, Birnen, Zitrusfrüchte, Pflaumen
- Nüsse und Samen: Mandeln, Sonnenblumenkerne, Erdnüsse, Walnüsse, Cashewkerne, Mohn, Kakao/Bitterschokolade
Wer diese Lebensmittel regelmäßig verzehrt, muss sich um die Bitterstoffversorgung keine Sorgen machen. Eine wichtige Warnung: Roher Kürbis oder Gurke, die bitter schmecken, sollten niemals verzehrt, sondern sofort entsorgt werden. Dies könnte auf die Bildung des giftigen Bitterstoffs Cucurbitacin hindeuten.
Vorsicht bei Wermut-Tees
Tees mit reinem Wermut oder in Kräutermischungen sollten gemieden werden. Schon zwei Tassen Tee könnten die tolerierbare tägliche Höchstmenge (TDI) überschreiten, wenn der enthaltene Wermut eine hohe Thujon-Konzentration aufweist. Thujon kann in höheren Dosen gesundheitsschädlich sein.
Wirkmechanismen von Bitterstoffen
Abseits der Werbeversprechen zeigen Studien, dass Bitterstoffe antimikrobielle, antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften haben können. Besonders gut belegt ist die Förderung der Produktion von Verdauungs- und Speichelsekreten. Dies führt zu einer Appetitsteigerung und einer Ansäuerung des Magens, was die Verdauung unterstützen kann.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass viele Studien, die sich auf einzelne Stoffe wie Wermut oder Artischockenblattextrakt beziehen, nicht mit frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmitteln durchgeführt wurden. Stattdessen wurden definierte Extrakte verwendet, bei denen oft unklar ist, ob die Wirkung ausschließlich auf Bitterstoffe oder auf andere pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe, wie Flavonoide, zurückzuführen ist. Zudem wurden viele Studien nur im Labor (in vitro) oder an Tieren durchgeführt, was eine direkte Übertragbarkeit auf den Menschen erschwert.
Bitterrezeptoren im Körper
Der Mensch besitzt über 200 Bitter-Rezeptoren. Diese befinden sich nicht nur auf der Zunge, sondern auch im Darm und in der Lunge. Die genaue Funktion dieser extra-oralen Rezeptoren ist noch nicht vollständig geklärt und Gegenstand weiterer Forschung.
Die Forschungsgruppe Bitter-DB der Hebräischen Universität Jerusalem beschäftigt sich intensiv mit der Erforschung von Bitterstoffen und deren Rezeptoren. Hier sind weitere Erkenntnisse zu erwarten, die ein klareres Bild über die vielfältigen Wirkungen von Bitterstoffen liefern könnten. Bis dahin ist eine kritische Haltung gegenüber überzogenen Werbeversprechen angebracht.





