In Zeiten steigender Lebenshaltungskosten und unerwarteter Ausgaben geraten immer mehr Haushalte in Deutschland in finanzielle Schwierigkeiten. Es ist entscheidend, frühzeitig zu handeln und die richtigen Prioritäten zu setzen, um eine Überschuldung zu vermeiden. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Leitfaden, wie Sie mit knappen Kassen umgehen und welche Schritte Sie zuerst unternehmen sollten.
Wichtige Schritte bei Geldnot
- Verschaffen Sie sich einen Überblick über alle finanziellen Verpflichtungen.
- Beantragen Sie staatliche Hilfen so früh wie möglich.
- Priorisieren Sie existenzielle Ausgaben wie Miete, Energiekosten und Lebensmittel.
- Vermeiden Sie voreilige Kündigungen von Altersvorsorgeverträgen.
- Suchen Sie bei Bedarf professionelle Schuldnerberatung auf.
Prioritäten setzen: Existenzielle Ausgaben sichern
Wenn das Geld knapp wird, ist es entscheidend, eine klare Rangfolge der Zahlungen festzulegen. Nicht alle Rechnungen haben die gleiche Dringlichkeit. Zuerst sollten Sie jene Ausgaben sichern, die Ihre grundlegende Existenz gewährleisten.
Dazu gehören Wohnen (Miete oder Kreditraten für selbstgenutztes Eigentum), Energiekosten (Strom, Gas, Wasser), Lebensmittel und notwendige Medikamente. Auch Telefon- und Internetkosten sind heute oft unerlässlich, lassen sich aber in Notfällen möglicherweise über Prepaid-Lösungen abdecken.
Faktencheck: Prioritäten bei Geldnot
- Miete/Wohnkosten: Absolut vorrangig, da Kündigungen drohen.
- Energie: Strom, Gas, Wasser – essentiell, um Abschaltungen zu vermeiden.
- Lebensmittel: Grundversorgung darf nicht gefährdet sein.
- Medikamente: Gesundheitliche Versorgung muss gewährleistet bleiben.
Umgang mit Mietrückständen
Die Miete stellt oft den größten monatlichen Posten dar. Seit Juli 2022 können Mietverträge wieder gekündigt werden, wenn Sie mit der Miete in Verzug geraten. Dies betrifft Fälle, in denen Sie zwei aufeinanderfolgende Monatsmieten oder einen erheblichen Teil davon nicht zahlen, oder wenn sich über die Zeit Mietschulden von mindestens zwei Monatsmieten ansammeln.
Es ist ratsam, sofort den Kontakt zum Vermieter zu suchen und eine Lösung zu suchen, anstatt die Zahlungen eigenmächtig einzustellen. Verzugszinsen von etwa vier Prozent können die Schulden zusätzlich erhöhen. Kommunale Ämter zur Vermeidung von Obdachlosigkeit oder die Beantragung von Wohngeld können weitere Optionen sein.
"Zahlen Sie die Miete nicht einfach ein, ohne mit dem Vermieter zu sprechen. Das Gespräch ist der erste und wichtigste Schritt zur Vermeidung größerer Probleme."
Grundversorgung: Strom, Gas, Wasser, Telefon und Internet
Auch wenn diese Leistungen zur Grundversorgung zählen, bedeutet das nicht, dass sie garantiert sind. Anbieter können bei Nichtzahlung die Lieferung einstellen. Daher sollten diese Zahlungen nach der Miete höchste Priorität haben.
Telekommunikationsanbieter dürfen Anschlüsse sperren, wenn mindestens 100 Euro ausstehend sind. Eine Sperre wird zwei Wochen vorher angekündigt und bleibt bestehen, bis alle Rechnungen beglichen sind. Die Grundgebühr muss auch während der Sperre weitergezahlt werden.
Hintergrund: Stromsperre vermeiden
Eine Stromsperre kann gravierende Folgen für den Alltag haben. Informieren Sie sich frühzeitig über Hilfsangebote und Möglichkeiten zur Ratenzahlung bei Ihrem Energieversorger, um eine Unterbrechung der Versorgung zu verhindern.
Kredite: Was tun bei Zahlungsschwierigkeiten?
Die Rückzahlung von Krediten hat in der Regel nicht die gleiche Priorität wie existenzielle Ausgaben. Dennoch können Nichtzahlung oder verspätete Zahlungen schwerwiegende Konsequenzen haben, insbesondere bei Immobilienkrediten. Hier kann die Bank das Darlehen kündigen und nach sechs Monaten sogar die Zwangsversteigerung betreiben, wenn die Rückzahlung nicht gelingt.
Bei allgemeinen Verbraucherkrediten drohen Mahngebühren und der Einsatz von Inkassobüros, deren Forderungen oft hoch und nicht immer berechtigt sind. Der Inkasso-Check der Verbraucherzentralen kann hier eine erste Orientierung bieten.
Kreditkündigung und Bonität
Eine Bank kann einen Kredit kündigen, wenn Sie mit mindestens zwei aufeinanderfolgenden Raten in Verzug sind und der Rückstand einen bestimmten Prozentsatz des Nennbetrags erreicht hat (z.B. 10% bei kurzer Laufzeit, 5% bei langer Laufzeit). Eine zweiwöchige Nachfrist zur Zahlung muss erfolglos verstrichen sein.
Suchen Sie auch hier das Gespräch mit Ihrer Bank. Sie ist verpflichtet, eine einvernehmliche Lösung anzubieten. Negative Schufa-Einträge sind eine weitere Folge von Zahlungsausfällen, die Ihre zukünftige Bonität erheblich beeinträchtigen können.
Wichtige Zahlen zu Krediten
- Dispo-Zinsen: Durchschnittlich 10,07% (Stand Ende 2022), fast doppelt so hoch wie Konsumkredite.
- Verzug bei Immobilienkrediten: Zwei Monate Nichtzahlung kann zur Kündigung führen.
- Verzug bei Verbraucherkrediten: Zwei Ratenrückstände können zur Kündigung des gesamten Kredits führen.
Alternativen bei Kreditproblemen
Bei einem kurzfristigen Engpass können Rücklagen eine Lösung sein. Sparen Sie idealerweise drei bis fünf Nettomonatseinkommen als Notgroschen an. Der Dispositionskredit ist nur eine sehr kurzfristige Option, da die Zinsen extrem hoch sind und schnell zur Schuldenfalle werden.
Verhandeln Sie mit Ihrer Bank über eine Ratenreduzierung oder Stundung einzelner Raten. Beachten Sie jedoch, dass dies oft mit zusätzlichen Kosten verbunden ist und die Gesamtlaufzeit des Kredits verlängert. Eine Umschuldung ist selten sinnvoll und sollte kritisch geprüft werden, da sie oft zu höheren Kosten führt.
Schuldnerberatung als Ausweg
Wenn klar ist, dass Sie Ihre Kreditraten nicht mehr zahlen können, ohne andere existenzielle Ausgaben zu gefährden, sollten Sie eine behördlich anerkannte, gemeinnützige Schuldnerberatung aufsuchen. Diese hilft Ihnen, einen Weg aus der Verschuldung zu finden und weitere Schritte zu planen.
Altersvorsorge: Nicht voreilig kündigen
Langfristige Verträge für die Altersvorsorge, wie Riester- oder Rürup-Verträge, sollten nicht übereilt gekündigt werden. Eine Kündigung bedeutet zwar kurzfristig Liquidität, aber langfristig ein geringeres Einkommen im Ruhestand.
Bei Riester-Verträgen verlieren Sie bei einer Kündigung die staatliche Förderung (Zulagen und Steuererstattungen) und müssen diese ans Finanzamt zurückzahlen. Auch alte Lebensversicherungen mit attraktiven Garantiezinsen (bis zu 4% auf den Sparanteil bei Altverträgen) sollten Sie genau prüfen, bevor Sie sie aufgeben.
Alternativen zur Kündigung von Vorsorgeverträgen
- Beitragsreduzierung: Kürzen Sie den monatlichen Beitrag, um weiterhin Förderungen zu erhalten, wenn auch anteilig gekürzt.
- Beitragsfreistellung: Setzen Sie die Zahlungen vorübergehend aus. Lassen Sie sich schriftlich bestätigen, dass der Vertrag später zu den gleichen Bedingungen fortgeführt werden kann. Dies kann jedoch steuerliche Nachteile haben und die Leistungen mindern.
- Vertrag ruhen lassen: Eine Ruhensvereinbarung unterbricht den Versicherungsschutz vorübergehend, kann aber später wieder zu den alten Bedingungen fortgeführt werden. Dies ist besonders bei Berufsunfähigkeitsversicherungen wichtig, da ein Neuabschluss im Alter schwierig sein kann.
- Ratenzahlung: Statt Jahresbeiträgen können Sie monatliche oder vierteljährliche Raten vereinbaren. Dies ist oft mit Zuschlägen verbunden, kann aber eine vorübergehende Hilfe sein.
Gerade bei Berufsunfähigkeitsversicherungen ist äußerste Vorsicht geboten. Diese sind existenziell wichtig. Ein Neuabschluss im fortgeschrittenen Alter oder bei Vorerkrankungen ist oft nicht mehr möglich oder nur zu sehr hohen Prämien.
Haushaltsbuch: Der erste Schritt zur Kontrolle
Um einen Überblick über Ihre Finanzen zu bekommen, ist ein Haushaltsbuch unerlässlich. Es hilft Ihnen zu sehen, wie viel Geld Sie einnehmen, wofür Sie es ausgeben und wo Einsparpotenziale liegen. Dieser erste Schritt ermöglicht es Ihnen, fundierte Entscheidungen zu treffen und finanzielle Engpässe besser zu managen.
Statistik: Dispo-Nutzung in Deutschland
Eine forsa-Umfrage vom Januar 2023 im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) zeigte: Etwa jede siebte Person in Deutschland musste zwischen September und Dezember 2022 einen Dispositionskredit nutzen. Hauptgrund waren die gestiegenen Lebenshaltungskosten. Dies unterstreicht die Dringlichkeit, proaktiv zu handeln und finanzielle Schwierigkeiten frühzeitig anzugehen.





