Die Europäische Union arbeitet intensiv an der Einführung eines digitalen Euros. Dieses Projekt soll die Abhängigkeit von internationalen Zahlungsdienstleistern, insbesondere aus den USA, verringern und die strategische Autonomie Europas im Zahlungsverkehr stärken. Die Einführung ist für 2029 geplant, doch politische Debatten verzögern den Prozess.
Wichtige Erkenntnisse
- Der digitale Euro soll die Abhängigkeit von externen Zahlungsdienstleistern reduzieren.
- Ein Pilotbetrieb ist für Mitte 2027 angestrebt, die vollständige Einführung für 2029.
- Bargeld soll durch den digitalen Euro nicht ersetzt, sondern gestärkt werden.
- Es wird eine Offline-Funktion geben, die Transaktionen ohne Internet ermöglicht.
- Die Infrastrukturkosten von 1,3 Milliarden Euro trägt das Eurosystem.
Warum Europa einen digitalen Euro braucht
Europa ist im Zahlungsverkehr stark von nicht-europäischen Anbietern abhängig. Im deutschen Onlinehandel hält beispielsweise PayPal einen Marktanteil von fast 30 Prozent. Im Kreditkartenbereich dominieren Mastercard, Visa und American Express. Selbst die deutsche Girocard funktioniert außerhalb des Euroraums oft nur in Verbindung mit diesen internationalen Systemen.
Diese Abhängigkeit birgt strategische Risiken. Burkhard Balz, ein Vertreter des Eurosystems, betont die Notwendigkeit eines eigenen, europäischen Zahlungssystems. Er weist darauf hin, dass amerikanische Systeme im Ernstfall auf Anweisung abgeschaltet werden könnten. Eine solche Situation möchte Europa unbedingt vermeiden. Nur sieben der 21 Euroländer verfügen über ein eigenes nationales Zahlungssystem.
Hintergrund: Die aktuelle Situation
Viele europäische Länder sind vollständig von großen US-Zahlungsanbietern abhängig. Dies betrifft nicht nur Kreditkarten, sondern zunehmend auch Debitkarten, die oft über Mastercard oder Visa ausgegeben werden. Dadurch sinken die Marktanteile nationaler Lösungen wie der Girocard.
Stand der Entwicklung und politische Hürden
Für die Einführung des digitalen Euros ist eine gesetzliche Grundlage aus Brüssel erforderlich. Die Vorschläge des Rates der EU und der Europäischen Kommission werden vom Eurosystem positiv bewertet. Der Entwurf des Europäischen Parlaments weicht jedoch in wesentlichen Punkten ab. Mehr als 1600 Änderungsanträge zum Bericht des zuständigen Berichterstatters zeigen, dass es im Parlament unterschiedliche Meinungen gibt.
Der Berichterstatter im Europäischen Parlament schlägt vor, private Anbieter den Aufbau eines europäischen Zahlungssystems zunächst übernehmen zu lassen. Viele Parlamentarier anderer Fraktionen möchten jedoch Verzögerungen vermeiden und setzen von Anfang an auf ein Zusammenspiel aus einem öffentlichen Basisangebot – dem digitalen Euro – und privaten Anbietern. Diese Haltung teilt das Eurosystem, da private Anbieter in den letzten 25 Jahren keine wirklich europäische Lösung etablieren konnten.
„Die amerikanischen Zahlungssysteme arbeiten hochprofessionell. Am Ende des Tages könnten sie aber auf Anweisung abgeschaltet werden. In eine solche Situation wollen wir nicht kommen, deswegen brauchen wir aus strategischen Gründen ein eigenes, europäisches Zahlungssystem.“
Zeitplan und Pilotprojekt
Die Abstimmung im Europäischen Parlament ist für Mai angesetzt. Wenn die Verhandlungen gut verlaufen, könnte eine Einigung bis Ende 2026 erzielt werden. Das Eurosystem plant, Mitte 2027 einen Pilotbetrieb zu starten. Die vollständige Einführung des digitalen Euros wird für das Jahr 2029 erwartet.
Im März wird das Eurosystem ein Verfahren zur Interessenbekundung starten. Europäische Banken und andere Zahlungsdienstleister sind eingeladen, am Pilotprojekt teilzunehmen. Die Details, wie zum Beispiel Haltegrenzen für den digitalen Euro, müssen noch vom Gesetzgeber in Brüssel festgelegt werden.
Haltegrenzen und das Wasserfall-System
Banken äußern Bedenken, dass zu viel Liquidität von ihren Konten abfließen könnte. Daher fordern sie eine Höchsthaltegrenze für den digitalen Euro. Im Gespräch waren einmal 3.000 Euro. Die endgültige Höhe wird jedoch im Zusammenspiel zwischen der Europäischen Zentralbank und dem Rat der EU entschieden, nachdem der EZB-Rat das finale Go gegeben hat.
Für Transaktionen, die das Haltelimit überschreiten, ist ein sogenanntes Wasserfall-System vorgesehen. Nutzer können ihre digitale Geldbörse (Wallet) auf dem Handy mit einem Bankkonto verknüpfen. Höhere Beträge als das festgelegte Limit werden dann automatisch vom hinterlegten Konto abgebucht. Für die Zentralbanken ist das Haltelimit daher kein entscheidender Punkt, da die Deckung des Bankkontos des Kunden ausschlaggebend ist.
Faktencheck: Digitaler Euro und Zinsen
Auf den digitalen Euro wird es keine Zinsen geben. Er ist als digitales Pendant zum Bargeld konzipiert, nicht als Anlageinstrument. Er soll ein reines Zahlungsmittel sein.
Datenschutz und Offline-Funktionen
Eine wichtige Funktion des digitalen Euros wird die Offline-Nutzung sein. Er soll auch dann funktionieren, wenn kein Internetzugang besteht oder der Strom ausfällt. Der Schutz der Privatsphäre ist dabei vergleichbar mit Bargeldzahlungen: Transaktionsdaten von Offline-Zahlungen im digitalen Euro wären nur dem Zahler und dem Empfänger bekannt.
Das Verordnungspaket, das sogenannte Single Currency Package, stärkt übrigens nicht nur den digitalen Euro, sondern auch Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel. Der digitale Euro soll das Bargeld nicht ersetzen. Die aktuellen Verordnungstexte des Rates der EU und des Berichterstatters im Europäischen Parlament sehen sogar eine Annahmepflicht für Bargeld im Einzelhandel vor.
Kosten und Finanzierung des Systems
Die Infrastruktur und der Betrieb des digitalen Euros müssen von den Zentralbanken des Eurosystems finanziert werden. Es sind drei Betriebsstandorte in Deutschland, Frankreich und Italien geplant, um Ausfallsicherheit zu gewährleisten. Die geschätzten Entwicklungskosten für das Eurosystem liegen bei 1,3 Milliarden Euro.
Hinzu kommen die Betriebskosten. Die Investitionskosten für die Banken werden von der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Kommission auf jährlich mehr als eine Milliarde Euro über vier Jahre geschätzt. Die Banken müssen den digitalen Euro in ihre Apps integrieren und es ermöglichen, die digitale Wallet an Geldautomaten aufzuladen.
Das Eurosystem wird die Infrastrukturkosten tragen und sie den Banken und anderen Zahlungsdienstleistern gebührenfrei zur Verfügung stellen, ähnlich wie bei Bargeld. Die Banken sollen jedoch, wie bei anderen Zahlungsmitteln, Gebühren vom Handel erhalten und können zusätzliche kostenpflichtige Dienste anbieten.
Widerstände und die Rolle der Kreditwirtschaft
Teile der Kreditwirtschaft zeigen sich skeptisch gegenüber dem digitalen Euro. Sie befürchten Auswirkungen auf ihre Geschäftsmodelle und bevorzugen oft etablierte Lösungen. Diese Bedenken resultieren teilweise aus noch offenen Fragen und der Sorge vor disruptiven Effekten.
Das Eurosystem betont jedoch, dass das Projekt partnerschaftlich mit der Kreditwirtschaft gestaltet werden soll. Die Banken sollen die Schnittstelle zum Kunden bilden und über Gebühren und Zusatzdienste neue Einnahmequellen erschließen können. Regelmäßiger Dialog soll helfen, Skeptiker zu überzeugen.
- Bedenken der Banken: Angst vor Liquiditätsabfluss und Auswirkungen auf Geschäftsmodelle.
- Lösungsansatz des Eurosystems: Partnerschaftliche Gestaltung, neue Einnahmequellen durch Gebühren und Zusatzdienste.
Digitaler Euro im Vergleich zu Krypto-Assets und Stablecoins
Die Entwicklung des digitalen Euros ist ein Marathon, kein Sprint. Auf die Frage, ob der digitale Euro angesichts der schnellen Entwicklung bei Krypto-Assets zu spät kommt, wird betont, dass Krypto-Assets, insbesondere Stablecoins, derzeit hauptsächlich für den Krypto-Handel genutzt werden.
Im europäischen Massenzahlungsverkehr wird eine Nutzung von Stablecoins als Konkurrenz zum digitalen Euro auf absehbare Zeit eher nicht gesehen. Trotzdem darf Europa Entwicklungen nicht verschlafen. Parallel zum digitalen Euro für den Massenzahlungsverkehr wird eine europäische Lösung für Finanzmarkttransaktionen in digitalem Zentralbankgeld entwickelt, die bereits dieses Jahr zum Einsatz kommen soll. Diese Lösung für Transaktionen zwischen Banken, Börsen und Clearinghäusern benötigt keine zusätzliche gesetzliche Grundlage.
Burkhard Balz schätzt, dass das Projekt „Digitaler Euro“ bereits die 30-Kilometer-Marke eines Marathons hinter sich gelassen hat, was den fortgeschrittenen Stand der Arbeit verdeutlicht.





