Trotz weit verbreiteter Werbung gibt es keine wissenschaftlich belastbaren Beweise dafür, dass Lebensmittel mit speziellen Bakterienkulturen, oft als Probiotika beworben, die Gesundheit positiv beeinflussen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat alle bisherigen gesundheitsbezogenen Angaben zu Probiotika negativ bewertet. Hersteller haben daraufhin ihre Marketingstrategien angepasst.
Wichtige Erkenntnisse
- Keine wissenschaftlichen Belege für gesundheitliche Vorteile von Probiotika in Lebensmitteln.
- Werbeaussagen zu Probiotika sind in der EU nicht zugelassen.
- Hersteller nutzen Vitamine als legalen Trick für Gesundheitsclaims.
- Probiotika können für Risikogruppen Risiken bergen.
- Eine ausgewogene Ernährung ist wichtiger als probiotische Produkte.
Die Realität hinter den Werbeversprechen
Jahrelang versprachen Hersteller, dass probiotische Joghurts und ähnliche Produkte die Abwehrkräfte stärken und die Darmtätigkeit verbessern. Diese Behauptungen konnten jedoch nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden. Die EFSA hat alle entsprechenden Anträge auf gesundheitsbezogene Angaben abgelehnt.
Der Begriff „Probiotika“ selbst gilt in der EU als nicht zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Nach Ansicht des Bundesgerichtshofs darf er sogar auf Babynahrung nicht verwendet werden. Dies hat die Lebensmittelindustrie gezwungen, ihre Produktbeschreibungen und Werbekampagnen zu überarbeiten.
Faktencheck
- Alle von der EFSA überprüften gesundheitsbezogenen Angaben zu Probiotika wurden negativ bewertet.
- Der Begriff „Probiotika“ darf auf Lebensmitteln nicht verwendet werden.
Der Trick mit den Vitaminen
Anstatt mit Probiotika zu werben, konzentrieren sich viele Hersteller nun auf zugesetzte Vitamine wie C, B6 oder D. Für diese Vitamine sind bestimmte gesundheitsbezogene Angaben in der EU erlaubt. Sie dürfen beispielsweise damit werben, dass diese Vitamine „zur normalen Funktion des Immunsystems beitragen“.
„Hersteller von probiotischen Lebensmitteln, die ihren Produkten bestimmte Mengen Vitamin C zusetzen, dürfen daher weiterhin mit einer günstigen Wirkung auf das Immunsystem werben, müssen das aber in Zusammenhang mit einem Nährstoff wie einem Vitamin darstellen. Die Praxis zeigt, dass dieser Trick gerne genutzt wird.“
Diese Strategie ermöglicht es den Unternehmen, weiterhin mit gesundheitlichen Vorteilen zu werben, auch wenn der ursprüngliche probiotische Effekt nicht belegt ist. Verbraucher sollten daher genau auf die Inhaltsstoffe und die Art der beworbenen Wirkung achten.
Ausnahmen für Laktoseverdauung
Eine der wenigen Ausnahmen, bei denen die EFSA einen nachgewiesenen Effekt sieht, betrifft die Laktoseverdauung. Bei drei Stämmen von Milchsäurebakterien ist die Werbung „fördert die Laktoseverdauung“ erlaubt. Dies gilt für Joghurt und fermentierte Milchprodukte mit ausreichender Menge an Lebendkulturen.
Hintergrundinformation
Milchprodukte mit lebenden Joghurt-Kulturen dürfen, wenn eine ausreichende Menge enthalten ist, den Health Claim tragen: Die Verdauung der im Produkt enthaltenen Laktose wird durch Lebendkulturen in Joghurt oder fermentierter Milch bei Personen, die Probleme mit der Laktoseverdauung haben, verbessert.
Probiotika in Säuglingsnahrung und für Risikogruppen
Auch bei Säuglingsnahrung, die mit speziellen Bakterienkulturen angereichert wird, gibt es keine Belege für einen gesundheitlichen Nutzen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte fest, dass auch sechs Jahre nach der ersten Bewertung im Jahr 2020 kein gesundheitlicher Nutzen durch diesen Zusatz ableitbar ist. Studien mit gesunden Säuglingen sind rar, was zuverlässige Aussagen über die Sicherheit dieser Mikroorganismen erschwert.
Für die gesunde Allgemeinbevölkerung gelten Lebensmittel mit „probiotischen“ Bakterien als unbedenklich. Anders verhält es sich jedoch bei Risikogruppen. Immungeschwächte Personen, Schwerkranke und Menschen mit Magen-Darm-Erkrankungen sollten vorsichtig sein. Bei einer akuten Gastroenteritis, umgangssprachlich „Magen-Darm-Grippe“, wird vom Verzehr solcher Lebensmittel abgeraten.
Therapeutische Anwendung unter ärztlicher Aufsicht
Eine therapeutische Anwendung von Probiotika in Form von Arzneimitteln ist bei bestimmten Erkrankungen, wie beispielsweise dem Reizdarmsyndrom, möglich. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um Nahrungsergänzungsmittel oder Lebensmittel. Diese zugelassenen probiotischen Arzneimittel haben ihre Wirkbehauptungen in Studien belegt. Eine solche Therapie sollte immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen, um den passenden Bakterienstamm und die richtige Anwendung zu bestimmen.
Seit Mai 2021 hat sich die Situation für Medizinprodukte geändert. Die neue EU-Medizinprodukte-Verordnung erlaubt keine lebenden Bakterien mehr in Medizinprodukten. Dies betrifft viele Produkte, die zuvor mit Bakterienstämmen beworben wurden.
Worauf Verbraucher achten sollten
Für gesunde Menschen sind probiotische Lebensmittel zwar unbedenklich, jedoch enthalten viele Produkte einen hohen Zuckergehalt und damit viele Kalorien. Ein Blick auf die Nährwerttabelle vor dem Kauf ist ratsam, um unnötigen Zuckerkonsum zu vermeiden. Wer viele Produkte mit zusätzlichen Vitaminen konsumiert, sollte zudem auf die tägliche Gesamtmenge zugesetzter Vitamine achten, um eine Überdosierung zu vermeiden. Obwohl es keine gesetzlichen Höchstmengen gibt, existieren Empfehlungen des BfR, die als Orientierung dienen können.
Praktische Tipps
- Überprüfen Sie den Zuckergehalt probiotischer Produkte.
- Achten Sie auf die Gesamtmenge zugesetzter Vitamine.
- Sprechen Sie bei chronischen Erkrankungen mit Ihrem Arzt.
- Vermeiden Sie probiotische Lebensmittel bei akuter Magen-Darm-Grippe.
Eine darmfreundliche Ernährung geht über Probiotika hinaus
Sauermilchprodukte wie Joghurt, Kefir, Ayran, Lassi oder Dickmilch sowie milchsauer vergorene Lebensmittel wie Bohnen, Möhren oder Sauerkraut können einen günstigen Einfluss auf die Darmflora und das Immunsystem haben. Diese Effekte sind jedoch nicht auf spezifische „probiotische“ Zusätze angewiesen, sondern ergeben sich aus den natürlichen Fermentationsprozessen.
Eine wirklich darmfreundliche Ernährung basiert auf einer ballaststoffreichen Kost. Dazu gehören viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte. Ausreichendes Trinken ist ebenfalls essentiell für eine gesunde Verdauung. Neben der Ernährung spielt auch regelmäßige Bewegung eine wichtige Rolle. Aktivitäten im Freien, das bewusste Verzichten auf Auto und Bus zugunsten von Spaziergängen oder das Treppensteigen statt des Aufzugs tragen maßgeblich zur allgemeinen Gesundheit und Darmgesundheit bei.
Letztendlich zeigt sich, dass eine ausgewogene Lebensweise mit vielfältiger Ernährung und ausreichend Bewegung weit effektiver für die Darmgesundheit ist, als sich auf die unbewiesenen Versprechen von probiotischen Lebensmitteln zu verlassen.





