Aktuelle Crashtests haben gravierende Schwachstellen bei den Heckunterfahrschutz-Systemen von europäischen Lkw-Anhängern offengelegt. Die Sicherheitsexperten von Euro NCAP fordern eine dringende Überarbeitung der geltenden europäischen Vorschriften, um tödliche Unfälle zu verhindern. Jährlich sterben in der EU und Großbritannien rund 400 Menschen, weil Pkw bei Kollisionen unter Lkw-Auflieger geraten und die Fahrgastzelle zerstört wird.
Wichtige Erkenntnisse
- Europäischer Lkw-Unterfahrschutz versagt bei Crashtests.
- Rund 400 Todesfälle pro Jahr in der EU und Großbritannien durch Pkw-Kollisionen unter Lkw.
- US-Standard IIHS Toughguard bietet deutlich besseren Schutz.
- Euro NCAP fordert schnelle Anpassung der EU-Vorschriften.
- Regulierungsprozess in Europa könnte 5 bis 10 Jahre dauern.
Euro NCAP deckt Sicherheitslücken auf
Die Organisation Euro NCAP, die sich für die Verbesserung der Verkehrssicherheit einsetzt, hat alarmierende Ergebnisse präsentiert. Bei Tests, die in Zusammenarbeit mit dem IIHS in den USA, dem ADAC in Deutschland, HORIBA MIRA in Großbritannien und Trafikverket in Schweden durchgeführt wurden, erwiesen sich die in Europa zugelassenen Unterfahrschutz-Strukturen als unzureichend. Diese Mängel führen dazu, dass Pkw bei Auffahrunfällen unter Lkw-Anhänger rutschen, was oft tödliche Folgen für die Insassen hat.
Ein Beispiel hierfür war ein Crashtest mit einem aktuellen Tesla Model 3. Das Fahrzeug, das selbst mit einer 5-Sterne-Bewertung für seine Sicherheit ausgezeichnet ist, prallte mit 56 km/h und einem 30-prozentigen Frontaloffset auf einen Schmitz Cargobull Trailer. Der nach der europäischen Norm UN ECE R58.03 zertifizierte Heckunterfahrschutz bot dabei nur geringen strukturellen Widerstand. Die Ladefläche des Trailers drang tief in den Fahrgastraum ein und verursachte beim Crashtest-Dummy Verletzungen, die bei einem Menschen tödlich wären.
Faktencheck: Todesfälle durch Unterfahren
Schätzungen zufolge sind in der EU und Großbritannien jährlich etwa 400 Todesfälle auf Unfälle zurückzuführen, bei denen Pkw unter das Heck von Lkw-Anhängern geraten. Viele dieser Tragödien könnten durch verbesserte Schutzsysteme verhindert werden.
Vergleich mit dem US-Standard
Um die Unterschiede in der Schutzwirkung zu verdeutlichen, führte Euro NCAP einen Vergleichstest durch. Ein Anhänger, der den freiwilligen US-Standard IIHS Toughguard erfüllt, wurde unter identischen Bedingungen getestet. Bei gleicher Aufprallgeschwindigkeit von 56 km/h ermöglichte die robuste Schutzstruktur des US-Trailers eine kontrollierte Deformation der Pkw-Karosserie. Die Insassen hätten diesen Unfall überlebt.
Der Hauptunterschied liegt in der Prüfmethode. Die europäische Norm R58.03 prüft Unterfahrschutzsysteme primär mit quasi-statischen Kräften an fest definierten Punkten. Sie legt zudem geometrische Mindestmaße fest, wie eine Mindesthöhe von 120 Millimetern und eine maximale Bodenfreiheit von 450 Millimetern. Dynamische Crash-Szenarien, wie sie in der Realität vorkommen, sind jedoch nicht Teil dieser Prüfung.
„Die Gesetzgebung hinter der Lkw- und Trailer-Sicherheit in Europa muss dringend aktualisiert werden. Die gute Nachricht ist, dass die Vorlage mit dem freiwilligen Toughguard-Standard des IIHS in den USA bereits existiert.“ – Matthew Avery, Director of Strategic Development bei Euro NCAP.
Der strengere Ansatz des IIHS Toughguard-Standards
Der IIHS Toughguard-Standard in den USA verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz. Er verlangt eine ausreichende Stabilität des Unterfahrschutzes bei dynamischen Aufpralltests mit einer Mittelklasse-Limousine in drei verschiedenen Konfigurationen:
- Über die volle Breite des Anhängers
- Mit 50-prozentiger Überdeckung
- An der äußeren Kante des Trailers, wo die Schutzvorrichtungen oft am schwächsten sind
Seit der Einführung des Toughguard-Awards im Jahr 2017 erfüllen etwa 70 Prozent der neuen Anhänger in Nordamerika diesen verbesserten Standard. Dies zeigt, dass eine höhere Sicherheitsstufe technisch machbar und von der Industrie umsetzbar ist.
Hintergrund: UN ECE R58.03
Die UN ECE R58.03 ist die in Europa geltende Regelung für den Heckunterfahrschutz von Nutzfahrzeugen. Sie soll verhindern, dass Pkw bei Auffahrunfällen unter Lkw geraten. Die aktuellen Tests zeigen jedoch, dass die Anforderungen dieser Norm in realen Unfallszenarien nicht ausreichen, um die Insassen von Pkw effektiv zu schützen.
Langwieriger Weg zur europäischen Anpassung
Eine Angleichung der europäischen Vorschriften an den US-Standard wäre ein komplexer und zeitaufwändiger Prozess. Die UN-Regelung Nr. 58 wird im UNECE-Weltforum für die Harmonisierung der Fahrzeugvorschriften (WP.29) weiterentwickelt. Technische Vorschläge, Beratungen und die formale Annahme einer verschärften Fassung dauern erfahrungsgemäß mehrere Jahre.
Anschließend müsste die EU ihre Typgenehmigungsregeln gemäß Verordnung (EU) 2018/858 anpassen. Dies beinhaltet weitere Konsultationen und Abstimmungsrunden in den Mitgliedstaaten. In Deutschland würde die Umsetzung Anpassungen der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) und der Fahrzeugzulassungsverordnung erfordern. Realistisch betrachtet, könnte es fünf bis zehn Jahre dauern, bis eine verpflichtende Norm nach US-Vorbild für alle neuen Anhänger in Kraft tritt.
Forderung nach sofortigen Maßnahmen
Angesichts dieser langen Vorlaufzeit fordert Euro NCAP die Lkw- und Anhängerhersteller auf, bereits jetzt freiwillig robustere Unterfahrschutzsysteme zu verbauen. Zudem sollten Nachrüstlösungen für bestehende Flotten angeboten werden. Diese proaktiven Maßnahmen könnten viele Leben retten, noch bevor neue gesetzliche Vorschriften in Kraft treten.
Die Notwendigkeit einer sofortigen Handlung wird auch durch das steigende Durchschnittsalter der Pkw-Flotte und die begrenzte Zuverlässigkeit älterer Bremsassistenzsysteme bei der Erkennung von Lkw-Hecks unterstrichen. Euro NCAP rechnet damit, dass es mehr als 15 Jahre dauern wird, bis die Mehrheit der Fahrzeuge ausreichend mit modernen Sicherheitssystemen ausgestattet ist. Bis dahin bleibt der rein mechanische Unterfahrschutz die letzte, aber entscheidende Sicherheitsbarriere.
Konsequenzen für Hersteller und Flottenbetreiber
Eine Verschärfung der Normen würde für Hersteller zusätzliche Verstärkungsstrukturen, robustere Befestigungen und möglicherweise ein höheres Gewicht der Schutzvorrichtungen bedeuten. Diese Investitionen wären jedoch im Hinblick auf die erhöhte Sicherheit und die Vermeidung von Todesfällen gerechtfertigt. Flottenbetreiber müssten möglicherweise ihre bestehenden Anhänger nachrüsten, was ebenfalls Kosten verursachen würde, aber langfristig die Sicherheit auf den Straßen deutlich erhöhen könnte.





