Die chinesische Regierung plant, ab dem 1. Juli 2027 physische Bedienelemente für wichtige Fahrzeugfunktionen verbindlich vorzuschreiben. Diese Maßnahme soll die Verkehrssicherheit erhöhen, indem Fahrer weniger vom Blick auf Touchscreens abgelenkt werden. Eine entsprechende Verordnung des Ministeriums für Industrie- und Informationstechnologie (MIIT) wurde bekannt gegeben und betrifft eine Reihe von sicherheitsrelevanten Funktionen im Auto.
Wichtige Erkenntnisse
- Ab 1. Juli 2027 sind physische Knöpfe für wichtige Funktionen in Neuwagen in China Pflicht.
- Betroffen sind Blinker, Hupe, Gangschaltung, Scheibenwischer und Notrufsysteme.
- Die Regelung zielt darauf ab, die Verkehrssicherheit zu verbessern und Ablenkungen durch Touchscreens zu reduzieren.
- Physische Bedienelemente müssen mindestens einen Zentimeter groß sein.
- Ähnliche Kritik an Touchscreen-Dominanz kommt auch vom ADAC und Euro NCAP in Europa.
Ein Ende des Touchscreen-Trends?
In den letzten Jahren haben immer mehr Autohersteller physische Knöpfe und Schalter durch Touchscreen-Bedienelemente ersetzt. Funktionen wie Heizung, Lüftung oder das Infotainment-System wanderten auf digitale Displays. Dieser Trend wurde oft mit Designästhetik und Kosteneinsparungen begründet. Doch die chinesische Regierung sieht darin eine Gefahr für die Verkehrssicherheit.
Das Ministerium für Industrie- und Informationstechnologie (MIIT) hat nun eine klare Richtlinie erlassen. Demnach müssen wichtige Funktionen in Zukunft wieder über physische Knöpfe, Hebel oder Schalthebel bedienbar sein. Diese Entscheidung markiert eine Abkehr von der bisherigen Entwicklung und könnte weitreichende Folgen für die Automobilindustrie haben, insbesondere für Hersteller, die stark auf minimalistische Cockpits setzen.
Faktencheck
- Die neue Regelung tritt am 1. Juli 2027 in Kraft.
- Betroffen sind unter anderem: Blinker, Warnblinker, Hupe, Gangschaltung, Fahrerassistenzsysteme, Scheibenheizung, Fensterheber und das Notrufsystem.
- Elektrofahrzeuge müssen zukünftig auch einen Ausschaltknopf besitzen.
- Alle vorgeschriebenen physischen Bedienelemente müssen eine Mindestgröße von einem Zentimeter aufweisen.
Sicherheit statt Design: Der Blick auf die Straße
Die Hauptmotivation hinter der neuen Vorschrift ist die Verbesserung der Verkehrssicherheit. Fahrer müssen derzeit oft den Blick von der Straße abwenden, um eine Funktion auf einem Touchscreen zu finden und zu aktivieren. Das Abtasten eines physischen Knopfes hingegen erfordert in der Regel keine visuelle Bestätigung, da die Position und Haptik vertraut sind.
Mit der zunehmenden Anzahl an Funktionen in modernen Fahrzeugen verschwinden viele Bedienelemente zudem in Untermenüs der Touchscreens. Das Suchen nach diesen Funktionen bindet wertvolle Aufmerksamkeit, die stattdessen auf das Verkehrsgeschehen gerichtet sein sollte. Das MIIT betont, dass die neue Regelung darauf abzielt, diese Ablenkung zu minimieren und somit Unfälle zu vermeiden.
"Es ist paradox, dass die Nutzung von Smartphones im Auto verboten ist, die Bedienung riesiger Tablets hingegen erlaubt wird." – ADAC
Internationale Kritik am Touchscreen-Trend
Die Kritik am Verschwinden physischer Knöpfe ist nicht auf China beschränkt. Auch in Europa äußern sich führende Organisationen besorgt. Der ADAC, Deutschlands größter Automobilclub, kritisiert diesen Trend schon seit Längerem. Er bezeichnet es als widersprüchlich, dass die Nutzung von Smartphones während der Fahrt untersagt ist, während gleichzeitig die Bedienung komplexer Touchscreens im Auto toleriert wird.
Die Bedienbarkeit von Fahrzeugen hat sich laut ADAC in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechtert. Im ADAC Autotest 2025 lag die Durchschnittsnote für die Bedienbarkeit bei 2,7, wobei einige Modelle sogar eine 4,0 erhielten. Zum Vergleich: Im Jahr 2022 betrug der Mittelwert noch 2,6 und 2019 lag er bei 2,3. Diese Entwicklung zeigt einen klaren Negativtrend.
Hintergrund: Euro NCAP und Usability
Die Sicherheitsbewertungsorganisation Euro NCAP hat ebenfalls auf die Problematik reagiert. Ab Januar 2026 wird die Bedienbarkeit von Fahrzeugen in die Gesamtbewertung einfließen. Reine Touch-Lösungen für sicherheitskritische Funktionen wie Blinker oder Scheibenwischer werden dann mit Punktabzügen belegt. Dies unterstreicht die wachsende Bedeutung physischer Bedienelemente für die Fahrzeugsicherheit.
Konsequenzen für die Automobilindustrie
Die bevorstehende Regelung in China zwingt Autohersteller, ihre Cockpit-Designs zu überdenken. Besonders Marken, die stark auf eine minimalistische Ästhetik mit wenigen physischen Knöpfen setzen, müssen ihre Fahrzeuge für den chinesischen Markt anpassen. Dies könnte zusätzliche Entwicklungskosten verursachen und die Produktionsprozesse komplexer machen.
Es ist wahrscheinlich, dass Hersteller spezielle Versionen ihrer Modelle für den chinesischen Markt entwickeln müssen, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Dies betrifft nicht nur chinesische Marken, sondern auch internationale Hersteller, die im wichtigen chinesischen Markt präsent sind. Die Entscheidung Chinas könnte zudem einen Präzedenzfall schaffen und andere Länder dazu ermutigen, ähnliche Vorschriften einzuführen.
Vorherige Regelungen: Türgriffe im Fokus
Das MIIT hat bereits zuvor Maßnahmen zur Verbesserung der Fahrzeugsicherheit ergriffen. Erst kürzlich wurden versenkbare Türgriffe an Neuwagen verboten. Auch diese Entscheidung wurde mit Sicherheitsaspekten begründet, da im Falle eines Unfalls solche Griffe die Rettung von Insassen erschweren können. Die aktuelle Initiative zu physischen Bedienelementen reiht sich somit in eine Reihe von Maßnahmen ein, die Chinas Fokus auf die aktive und passive Sicherheit im Straßenverkehr unterstreichen.
Die Automobilindustrie steht vor der Herausforderung, innovative Technologien und ansprechendes Design mit den Anforderungen an Sicherheit und intuitive Bedienbarkeit in Einklang zu bringen. Die chinesische Regierung sendet hier ein klares Signal, dass die Sicherheit der Fahrer Priorität hat und nicht zugunsten eines rein digitalen Fahrerlebnisses geopfert werden sollte.





