Moderne Motorräder sind heute mit einer Fülle digitaler Funktionen ausgestattet. Große TFT-Displays und Smartphone-Konnektivität bieten zwar Komfort, bergen aber auch erhebliche Risiken für die Verkehrssicherheit. Die ständige Informationsflut und die komplexe Bedienung lenken Fahrer zunehmend vom Verkehrsgeschehen ab.
Wichtige Erkenntnisse
- Moderne Motorrad-Displays überfrachten Fahrer mit Informationen.
- Kleine Bildschirme und komplizierte Menüs erhöhen die Ablenkungsgefahr.
- Bei Tempo 100 legen Fahrer im Blindflug fast 28 Meter pro Sekunde zurück.
- Touchscreens und externe Apps erfordern das Loslassen des Lenkers, was die Reaktionszeit verlängert.
- Experten fordern benutzerfreundlichere Systeme zur Erhöhung der Sicherheit.
Die digitale Flut im Cockpit
Die Digitalisierung hat auch vor dem Motorrad-Cockpit nicht Halt gemacht. TFT-Displays sind mittlerweile Standard und Bluetooth-Konnektivität zum Smartphone gehört bei vielen neuen Modellen zur Grundausstattung. Diese Entwicklung bringt jedoch nicht nur Vorteile mit sich, sondern auch ernste Sicherheitsbedenken.
Auf den oft kleinen Displays, die manchmal nur fünf Zoll oder weniger messen, werden zahlreiche Informationen gleichzeitig angezeigt. Neben grundlegenden Daten wie Geschwindigkeit und Drehzahl sehen Fahrer auch Motordaten, Assistenzfunktionen und sogar Benachrichtigungen vom verbundenen Smartphone.
Eine auf dem Display aufleuchtende Nachricht kann die Aufmerksamkeit des Fahrers unwillkürlich ablenken. Dies ist besonders kritisch bei hohen Geschwindigkeiten, wo jede Sekunde der Unaufmerksamkeit schwerwiegende Folgen haben kann.
Faktencheck
Ein Motorradfahrer, der auf der Landstraße bei Tempo 100 den Blick auf seine Instrumente richtet, legt pro Sekunde 27,78 Meter im Blindflug zurück. Schon eine kurze Ablenkung kann hier entscheidend sein.
Komplexe Bedienung und ihre Gefahren
Die Informationsflut wird oft durch eine komplizierte Menüführung ergänzt. Wer eine bestimmte Information sucht oder eine Einstellung ändern möchte, muss sich häufig durch verschachtelte Menüs navigieren. Dies erfordert das Drücken mehrerer Tasten oder das Fummeln an Scrollrädern am Lenker.
Das Einstellen der Griffheizung oder der Traktionskontrolle kann so zu einer langwierigen Aufgabe werden, besonders wenn die gewünschte Funktion in einem fünften Untermenü verborgen ist. Selbst Fahrer, die die Bedienungsanleitung auswendig kennen, verbringen wertvolle Zeit mit der Suche im Menü, anstatt sich auf den Verkehr zu konzentrieren.
Dies kann dazu führen, dass das Motorrad unbeabsichtigt von der Fahrspur abweicht oder ein vorfahrtberechtigtes Fahrzeug übersehen wird. Die Notwendigkeit, während der Fahrt komplexe Einstellungen vorzunehmen, erhöht das Unfallrisiko erheblich.
Hintergrundinformationen
Der ADAC warnte bereits Ende Januar vor zunehmenden Gefahren durch komplexere Bedienungen in Fahrzeugen. Die durchschnittliche Note für Bediensicherheit bei Autos verschlechterte sich von 2,3 im Jahr 2019 auf 2,7 im vergangenen Jahr. Diese Entwicklung spiegelt sich nun auch bei Motorrädern wider.
Die Risiken von Touchscreens und Drittanbieter-Apps
Eine weitere Entwicklung, die in Motorrad-Cockpits Einzug hält, sind Touchscreens. Was auf einem Smartphone praktisch ist, kann auf dem Motorrad zur Gefahr werden. Um einen Touchscreen zu bedienen, muss der Fahrer eine Hand vom Lenker nehmen.
Dies bedeutet, dass in einer Notsituation, in der jede Sekunde zählt, die Hand nicht an der Vorderradbremse oder am Kupplungshebel ist. Die zusätzliche Zeit, die benötigt wird, um nach dem Hebel zu greifen, kann entscheidend sein, um einen Unfall zu verhindern. Einhändige Vollbremsungen sind unter diesen Bedingungen nicht effektiv möglich.
Der Markt bietet zudem Zubehör-TFT-Displays von bis zu sieben Zoll Größe an, die Apple CarPlay oder Android Auto anzeigen können. Diese Displays verdecken oft die originalen Motorrad-Instrumente, die wichtige Informationen liefern. Der Fahrer kann dann über den Touchscreen während der Fahrt Apps aufrufen.
„Es braucht nicht viel Fantasie, um zu begreifen, wie gefährlich die Ablenkung durch die Elektronik ist.“
Kamerasysteme als zusätzliche Ablenkung
Einige Hersteller bieten sogar Mini-Kameras an, die das Geschehen vor und hinter dem Motorrad auf dem Bildschirm anzeigen. Diese Funktion, obwohl gut gemeint, birgt ein enormes Ablenkungspotenzial. Der Blick auf ein Kamerabild während der Fahrt kann die Konzentration auf das tatsächliche Verkehrsgeschehen stark beeinträchtigen.
Es ist klar, dass niemand eine Rückkehr zu rein analogen Tachos fordert. Doch ein benutzerfreundlicheres Informationssystem mit vereinfachter Bedienung ist bei vielen modernen Motorrädern dringend erforderlich. Die Sicherheit der Fahrer sollte hierbei stets oberste Priorität haben.
Forderungen nach besserer Bediensicherheit
Die Branche steht vor der Herausforderung, innovative Technologien sicher in Motorräder zu integrieren. Es ist wichtig, dass die Hersteller die Bediensicherheit in den Fokus rücken und Lösungen entwickeln, die Fahrer nicht überfordern oder ablenken.
- Vereinfachte Menüführung: Wichtige Funktionen sollten schnell und intuitiv erreichbar sein, ohne lange Suchvorgänge.
- Größere, klarere Anzeigen: Informationen müssen auf den ersten Blick erfassbar sein, ohne dass der Fahrer die Augen zu sehr vom Straßenverlauf abwenden muss.
- Reduzierung der Informationsflut: Nur die wirklich relevanten Informationen sollten während der Fahrt prominent angezeigt werden. Zusätzliche Funktionen könnten für den Stillstand vorbehalten sein.
- Physische Bedienelemente: Für sicherheitsrelevante Funktionen sollten weiterhin physische Knöpfe und Schalter zur Verfügung stehen, die auch mit Handschuhen gut bedienbar sind.
Die stetige Weiterentwicklung der Motorradtechnologie sollte Hand in Hand mit der Verbesserung der Bediensicherheit gehen, um das Fahrerlebnis sicherer und angenehmer zu gestalten.





