Soja und Sojaprodukte sind fester Bestandteil vieler Ernährungsweisen. Doch um die Hülsenfrucht ranken sich zahlreiche Mythen, insbesondere im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Von Brustkrebsrisiko über Wechseljahresbeschwerden bis hin zur männlichen Fruchtbarkeit – viele Fragen bleiben offen. Eine genaue Betrachtung der wissenschaftlichen Fakten hilft, Missverständnisse auszuräumen und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Wichtige Erkenntnisse
- Soja-Isoflavone ähneln Östrogen, wirken aber abgeschwächt.
- Üblicher Sojakonsum erhöht nicht das Brustkrebsrisiko.
- Keine gesicherten Beweise für Linderung von Wechseljahresbeschwerden durch Isoflavone.
- Vorsicht bei Schilddrüsenerkrankungen oder Jodmangel.
- Keine „Verweiblichung“ bei Männern durch Soja nachweisbar.
Was sind Isoflavone und wie wirken sie?
Sojabohnen enthalten sekundäre Pflanzenstoffe, die sogenannten Isoflavone. Diese Moleküle ähneln in ihrer Struktur dem menschlichen Hormon Östrogen und werden daher auch als Phytoöstrogene bezeichnet. Ihre Wirkung im Körper ist jedoch komplex. Sie können an Östrogenrezeptoren binden und so eine östrogenähnliche Wirkung entfalten, die aber deutlich schwächer ist als die des körpereigenen Östrogens. Bei hohen Östrogenspiegeln im Körper können Isoflavone die Östrogenwirkung sogar abschwächen oder blockieren.
Isoflavon-Gehalt in Sojaprodukten (pro 100 g, gerundet):
- Reife, rohe Sojabohnen: 104–155 mg
- Unreife, rohe Sojabohnen (Edamame): 18–49 mg
- Tofu: 13–35 mg
- Soja-Joghurtalternative: 33 mg
- Sojadrink: 11 mg
Soja und Brustkrebs: Ein umstrittenes Thema
Viele Brustkrebserkrankungen sind hormonabhängig. Das bedeutet, dass Östrogene das Wachstum der Krebszellen fördern können. Aus diesem Grund befürchten einige Betroffene, dass der Konsum von Soja aufgrund seiner Isoflavone das Risiko eines Rückfalls erhöhen könnte. Diese Sorge ist verständlich, da eine antihormonelle Therapie gerade darauf abzielt, die Wirkung von Östrogenen zu blockieren.
Aktueller wissenschaftlicher Konsens ist jedoch, dass der Verzehr von Soja in üblichen Mengen das Risiko für ein Wiederauftreten der Erkrankung nicht erhöht. Fachgesellschaften empfehlen einen maßvollen Konsum von ein bis zwei Portionen Soja-Lebensmitteln täglich als unbedenklich. Dies gilt auch während einer antihormonellen Therapie. Eine Portion entspricht dabei etwa 100 Gramm Tofu oder 250 Millilitern Sojadrink. Es gibt keine Hinweise, dass Soja in normalen Mengen schädlich ist.
Wechseljahresbeschwerden: Hilft Soja wirklich?
Die Wechseljahre sind oft mit unangenehmen Symptomen wie Hitzewallungen, Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen verbunden. Diese Beschwerden entstehen durch den natürlichen Rückgang der Geschlechtshormone im Körper. Aufgrund der östrogenähnlichen Struktur der Isoflavone erhoffen sich viele Frauen eine Linderung dieser Symptome durch Sojakonsum.
Bisher gibt es keine sicheren wissenschaftlichen Belege dafür, dass Isoflavone in Sojaprodukten Wechseljahresbeschwerden lindern können. Trotzdem können sojahaltige Lebensmittel wie Tofu, Sojadrink oder Tempeh eine wertvolle Ergänzung einer ausgewogenen Ernährung sein. Sie liefern wichtige Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und Proteine.
Hintergrund: Die Schilddrüse
Die Schilddrüse ist ein kleines, aber mächtiges Organ. Sie produziert Hormone, die den Stoffwechsel, den Herzschlag, den Energieverbrauch und die Verdauung steuern. Für die Bildung dieser Hormone ist Jod unerlässlich. Ein Mangel an Jod kann die Funktion der Schilddrüse erheblich beeinträchtigen.
Soja und die Schilddrüse: Was zu beachten ist
Die Auswirkungen von Isoflavonen auf die Schilddrüsenfunktion sind ein weiterer Diskussionspunkt. Es wird diskutiert, ob Isoflavone die Bildung oder Wirkung von Schilddrüsenhormonen beeinflussen können, insbesondere bei Jodmangel oder bestehenden Schilddrüsenerkrankungen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist darauf hin, dass die möglichen Effekte von Isoflavonen auf die Schilddrüse noch nicht vollständig geklärt sind.
Studien zeigen, dass bei einer ausreichenden Jodversorgung der übliche Sojakonsum keine relevanten Beeinträchtigungen verursacht. Anders sieht es aus, wenn ein Jodmangel vorliegt oder bereits eine Schilddrüsenerkrankung besteht. In solchen Fällen kann ein nachteiliger Effekt der Soja-Isoflavone nicht ausgeschlossen werden.
Wer Schilddrüsenhormone einnimmt, sollte nach einer Ernährungsumstellung mit Sojaprodukten die Blutwerte kontrollieren lassen. Eine Rücksprache mit dem Arzt ist ratsam, um gegebenenfalls die Dosis des Schilddrüsenpräparats anzupassen. Generell empfiehlt es sich, Schilddrüsenhormone 30 bis 60 Minuten vor dem Essen einzunehmen, um die Aufnahme nicht zu beeinträchtigen.
Vorsicht bei hochdosierten Isoflavon-Nahrungsergänzungsmitteln
Nahrungsergänzungsmittel, die hochdosierte Isoflavone enthalten, werden oft beworben, um Wechseljahresbeschwerden zu lindern oder vor Osteoporose zu schützen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht jedoch keine gesicherten positiven Effekte für diese Anwendungen. Nahrungsergänzungsmittel sollen eine ausgewogene Ernährung ergänzen, nicht Krankheiten therapieren.
Ein Marktcheck der Verbraucherzentralen zeigte, dass viele dieser Supplemente hohe Dosierungen aufweisen. Die EFSA empfiehlt für gesunde Frauen eine maximale tägliche Verzehrmenge von 100 Milligramm für isolierte Soja-Isoflavone. Rund zwei Drittel der untersuchten Produkte überschritten diesen Wert. Zudem fehlten oft wichtige Angaben zur Einnahmedauer.
„In isolierter oder angereicherter Form und hoher Dosierung können Isoflavone die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen und das Gewebe der Brustdrüse verändern“, warnt das BfR.
Personen unter Schilddrüsenhormontherapie sollten solche Präparate nur nach ärztlicher Rücksprache verwenden. Das BfR rät zudem Personen mit östrogenabhängigem Brust- oder Gebärmutterkrebs von Nahrungsergänzungsmitteln mit isolierten Isoflavonen ab. Hier besteht ein potenzielles Risiko durch die hohe Konzentration der Isoflavone.
„Verweiblichung“ bei Männern durch Soja? Ein Mythos
In sozialen Medien kursiert immer wieder die Behauptung, der Konsum von Soja könne bei Männern zu einer „Verweiblichung“ führen. Damit sind angeblich sinkende Testosteronspiegel, ein Anstieg von Östrogenen oder körperliche Veränderungen gemeint, die als „feminin“ wahrgenommen werden. Diese Sorge ist weit verbreitet, aber wissenschaftlich nicht haltbar.
Es ist wichtig zu verstehen, dass sowohl Testosteron als auch Östrogene bei allen Menschen vorkommen, wenn auch in unterschiedlichen Mengen. Entscheidend ist das hormonelle Gleichgewicht. Nach aktuellem Kenntnisstand beeinflussen weder Sojalebensmittel noch isolierte Isoflavone den Testosteron- oder Östrogenspiegel messbar. Dies gilt auch bei höheren Aufnahmemengen. Die Befürchtungen basieren hauptsächlich auf Ergebnissen aus Tierstudien oder Einzelfällen mit extrem hohen Dosierungen, die weit über den üblichen menschlichen Konsum hinausgehen. Der Mythos der „Verweiblichung“ durch Soja ist somit wissenschaftlich widerlegt.
Wichtiger Hinweis:
Bei Fragen zu Ihrer individuellen Gesundheit und Ernährung sollten Sie immer einen Arzt oder Ernährungsberater konsultieren.





