Ashwagandha, oft als „Schlafbeere“ oder „Indischer Ginseng“ beworben, erfreut sich wachsender Beliebtheit als Nahrungsergänzungsmittel. Es soll bei Stress helfen und den Schlaf verbessern. Doch während die traditionelle Medizin die Pflanze seit Jahrhunderten nutzt, warnen Verbraucherschützer und Behörden zunehmend vor unklaren Wirkungen und potenziellen Gesundheitsrisiken. Eine genaue Betrachtung der Fakten ist daher unerlässlich.
Wichtige Erkenntnisse
- Die beworbenen Wirkungen von Ashwagandha in Nahrungsergänzungsmitteln sind oft wissenschaftlich nicht belegt.
- Bestimmte Personengruppen, darunter Kinder, Schwangere und Menschen mit Lebererkrankungen, sollten Ashwagandha meiden.
- Es besteht das Risiko von Leberschäden; in einigen europäischen Ländern ist die Pflanze bereits verboten oder unterliegt strengen Auflagen.
- Wechselwirkungen mit Medikamenten, insbesondere Beruhigungs- und Schlafmitteln, sind möglich.
Was ist Ashwagandha? Eine alte Pflanze im modernen Kontext
Ashwagandha, wissenschaftlich als Withania somnifera bekannt, gehört zu den sogenannten Adaptogenen. Diese pflanzlichen Stoffe sollen dem Körper helfen, sich besser an physischen und psychischen Stress anzupassen. Die Pflanze stammt ursprünglich aus Asien und wächst in trockenen Gebieten der Tropen und Subtropen, unter anderem im Mittelmeerraum und in Nordafrika.
In der traditionellen indischen Medizin, dem Ayurveda, wird die Wurzel der Schlafbeere seit Tausenden von Jahren verwendet. Dort gilt sie als verjüngend, beruhigend und lebensverlängernd. Historisch wurde sie zur Behandlung verschiedener Beschwerden eingesetzt, von Bronchitis und Verdauungsproblemen bis hin zu Impotenz und Hautkrankheiten. Auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin findet sie Anwendung als Schmerz- und Fiebermittel.
Wissenswertes über Adaptogene
- Adaptogene sind pflanzliche Stoffe, die dem Körper helfen sollen, Stress besser zu bewältigen.
- Sie sollen die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegenüber verschiedenen Stressfaktoren erhöhen.
- Ein weiteres bekanntes Adaptogen ist der Rosenwurz (Rhodiola rosea).
Werbeversprechen vs. wissenschaftliche Fakten
Die aktuellen Marketingkampagnen für Ashwagandha-Nahrungsergänzungsmittel versprechen oft eine ganze Reihe positiver Effekte: besserer Schlaf, weniger Stress, mehr Energie und höhere Leistungsfähigkeit. Diese Behauptungen klingen verlockend, doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zu Arzneimitteln: Für Nahrungsergänzungsmittel müssen die beworbenen Wirkungen nicht wissenschaftlich belegt werden.
Eine Marktanalyse der Verbraucherzentrale NRW aus dem Jahr 2026 zeigte, dass viele Ashwagandha-Produkte unterschiedliche Pflanzenteile enthalten – von getrockneten Blüten und Kraut bis hin zu standardisierten Wurzelextrakten. Da Nahrungsergänzungsmittel keine Arzneimittel sind, dürfen sie keine medizinischen Wirkungen haben. Krankheitsbezogene Aussagen, wie die Linderung von Kopfschmerzen oder Depressionen, sind für Lebensmittel grundsätzlich verboten. Verlässliche Studien zur tatsächlichen Wirkung fehlen oft.
„Viele der beworbenen Effekte basieren eher auf Marketing als auf wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen“, erklärt eine Sprecherin der Verbraucherzentralen.
Die problematischen Inhaltsstoffe: Withanolide und Alkaloide
Die Hauptwirkstoffe in Ashwagandha sind sogenannte Withanolide und verschiedene Alkaloide. Withanolide sind Steroidlactone, deren genaue Wirkmechanismen im menschlichen Körper noch nicht vollständig erforscht sind. Es ist unklar, ob sie beispielsweise in Hormone umgewandelt werden oder an Hormonrezeptoren binden können.
Alkaloide wie Solanin kommen auch in anderen Nachtschattengewächsen wie Kartoffeln vor. Tropanalkaloide können ebenfalls in Lebensmitteln vorkommen, beispielsweise durch Verunreinigungen in Getreide. Eine der am besten untersuchten Substanzen dieser Gruppe ist Atropin, welches in höheren Dosen toxisch wirken kann.
Gesundheitsrisiken und Warnhinweise
Die potenziellen Risiken von Ashwagandha sind vielfältig und werden von Experten zunehmend kritisch betrachtet. Besonders hervorzuheben sind die möglichen Auswirkungen auf wichtige Körpersysteme:
- Immunsystem: Ashwagandha kann das Immunsystem beeinflussen.
- Hormonhaushalt: Es kann den Testosteronspiegel und die Schilddrüsenhormone beeinflussen, was Auswirkungen auf die männliche Fruchtbarkeit haben kann.
- Nervensystem: Die Hemmung der Acetylcholinesterase, eines Enzyms, das Nervensignale reguliert, kann Nerven dauerhaft reizen. Dies wird zwar therapeutisch bei Krankheiten wie Alzheimer genutzt, kann aber auch toxische Effekte haben.
Europäische Prüfungen und nationale Regelungen
Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) prüft derzeit gemeinsam mit den EU-Mitgliedstaaten die Risiken von Ashwagandha. Die Situation innerhalb Europas ist uneinheitlich:
- Dänemark: Ashwagandha ist verboten.
- Polen: Es gelten Höchstmengen für den Gehalt an Withanoliden.
- Frankreich: Es sind Warnhinweise vorgeschrieben.
In Deutschland liegt die Verantwortung für die Sicherheit von Ashwagandha-Nahrungsergänzungsmitteln allein beim Hersteller. Eine behördliche Prüfung vor der Markteinführung findet nicht statt.
Leberschäden: Ein ernstes Anliegen
Besonders besorgniserregend sind Berichte über mögliche Leberschäden nach der Einnahme von Ashwagandha. Symptome wie Müdigkeit, Schwäche, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, Juckreiz, dunkler Urin und Gelbsucht wurden gemeldet. Diese Beschwerden traten teilweise schon nach einer Woche, manchmal aber auch erst nach Monaten auf. In einem dokumentierten Fall führte die Einnahme sogar zu akutem Leberversagen, das eine Lebertransplantation erforderlich machte.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat in einer Mitteilung vom 10. September 2024 auf mögliche Gesundheitsrisiken durch Schlafbeeren-Präparate hingewiesen.
Für wen ist Ashwagandha tabu?
Aufgrund der potenziellen Risiken gibt es klare Empfehlungen, wer Ashwagandha-Produkte meiden sollte:
- Kinder, Schwangere und Stillende: Für diese Gruppen wird die Einnahme grundsätzlich nicht empfohlen. In einer sehr frühen Schwangerschaft könnte Ashwagandha das Risiko einer Fehlgeburt erhöhen.
- Personen mit Lebererkrankungen: Angesichts der Berichte über Leberschäden sollten Betroffene Ashwagandha unbedingt meiden.
- Menschen mit Schilddrüsen- oder Herzerkrankungen: Auch hier wird in Ländern wie Frankreich von der Einnahme abgeraten.
- Personen mit Diabetes: Ashwagandha könnte den Blutzucker zu stark senken.
- Frauen mit Kinderwunsch: Auch hier wird zur Vorsicht geraten.
Wechselwirkungen mit Medikamenten
Ashwagandha kann Wechselwirkungen mit verschiedenen Medikamenten haben. Besonders vorsichtig sollten Personen sein, die folgende Arzneimittel einnehmen:
- Beruhigungsmittel
- Schlafmittel
- Antiepileptika
Es ist entscheidend, vor der Einnahme von Ashwagandha-Nahrungsergänzungsmitteln einen Arzt oder Apotheker zu konsultieren, insbesondere wenn bereits Medikamente eingenommen werden.
Worauf Sie beim Kauf achten sollten
Wenn Sie dennoch Ashwagandha-Produkte in Betracht ziehen, sollten Sie auf einige Punkte achten:
- Warnhinweise: Kaufen Sie keine Produkte ohne den vom Bundesinstitut für Risikobewertung empfohlenen Warnhinweis. Das Fehlen dieses Hinweises deutet auf einen unseriösen Hersteller hin.
- Inhaltsstoffe: Die Zutatenliste sollte klar angeben, welche Pflanzenteile enthalten sind. Eine Angabe wie „Ashwagandha-Pulver“ ist zu ungenau.
- Dosierung: Die empfohlene Tagesdosis sollte maximal drei Gramm Ashwagandha oder maximal 10 Milligramm Withanolide betragen.
Angesichts der unklaren Studienlage und der potenziellen Risiken ist es ratsam, vor der Einnahme von Ashwagandha-Produkten ärztlichen Rat einzuholen. Die vermeintlichen Vorteile sollten sorgfältig gegen die möglichen Gesundheitsrisiken abgewogen werden.





