Melatonin-Produkte werden oft als unbedenkliche Einschlafhilfen beworben. Doch neue Erkenntnisse und Warnungen von Verbraucherzentralen zeigen, dass die Einnahme dieses Hormons Risiken birgt. Besonders Kinder und Jugendliche sind gefährdet. Eine unkontrollierte Anwendung kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben, die weit über eine einfache Müdigkeit hinausgehen.
Wichtige Erkenntnisse
- Melatonin-Produkte sind oft als Nahrungsergänzungsmittel klassifiziert, obwohl sie hormonell wirken.
- Die tatsächliche Verkürzung der Einschlafzeit ist meist gering, etwa 10 bis 20 Minuten.
- Es gibt keine gesetzlichen Höchstmengen für Melatonin in Nahrungsergänzungsmitteln, was zu extrem hohen Dosierungen führt.
- Mögliche Nebenwirkungen umfassen Tagesmüdigkeit, Schwindel und Wechselwirkungen mit Medikamenten.
- Für Kinder, Schwangere und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sind Melatonin-Produkte ungeeignet.
Was ist Melatonin und wie wirkt es?
Melatonin ist ein natürliches Hormon, das unser Körper selbst produziert. Es spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Wenn es dunkel wird, steigt der Melatoninspiegel an und signalisiert dem Körper, dass es Zeit zum Schlafen ist. In den letzten Jahren sind zahlreiche Produkte mit synthetischem Melatonin auf den Markt gekommen, die als Sprays, Tropfen, Kapseln oder sogar Gummibärchen erhältlich sind. Sie alle versprechen, das Einschlafen zu erleichtern.
Faktencheck: Melatonin
Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das unseren Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert. Es wird oft als 'Schlafhormon' bezeichnet, da es dem Körper signalisiert, wann es Zeit zum Schlafen ist.
Viele dieser Produkte werden als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Dies bedeutet, dass sie rechtlich als Lebensmittel eingestuft sind. Im Gegensatz zu Medikamenten unterliegen sie keiner behördlichen Prüfung vor dem Verkauf. Hersteller müssen weder die Wirksamkeit umfassend nachweisen noch alle möglichen Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen detailliert angeben. Sie müssen lediglich darauf achten, dass ihre Werbung nicht irreführend ist.
Die rechtliche Grauzone
Für Melatonin gibt es eine zugelassene gesundheitsbezogene Aussage: „Melatonin trägt dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen.“ Diese Aussage ist nur zulässig, wenn ein Produkt 1 Milligramm Melatonin pro empfohlener Portion enthält und der Hinweis erfolgt, dass die Wirkung kurz vor dem Schlafengehen eintritt. Andere Formulierungen, wie „sanfter Schlafhelfer“, sind gerichtlich untersagt worden.
Hintergrund: Melatonin als Arzneimittel
In Deutschland ist Melatonin auch als verschreibungspflichtiges Medikament erhältlich. Es ist zur kurzfristigen Behandlung bestimmter Schlafstörungen bei Personen über 55 Jahren zugelassen. Die übliche Dosierung beträgt hier 2 Milligramm pro Tag.
Trotz dieser Regelungen nutzen Hersteller oft Produktnamen oder Aufmachungen, die den Eindruck eines Arzneimittels erwecken. Behörden wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stufen Präparate mit mehr als 0,5 Milligramm Melatonin pro Tagesdosis seit Jahrzehnten als zulassungspflichtige Arzneimittel ein. Gerichte haben jedoch unterschiedlich entschieden, wodurch eine rechtliche Grauzone entstanden ist.
Begrenzte Wirksamkeit und hohe Dosierungen
Untersuchungen zeigen, dass die tatsächliche Wirkung von Melatonin als Einschlafhilfe begrenzt ist. Laut einem Test der Stiftung Warentest verkürzt sich die Einschlafzeit im Durchschnitt nur um etwa 10 bis 20 Minuten. Dies steht oft in keinem Verhältnis zu den beworbenen Versprechen und den potenziellen Risiken.
Die fehlenden gesetzlichen Höchstmengen für Melatonin in Nahrungsergänzungsmitteln sind ein großes Problem. Viele Produkte auf dem Markt enthalten Dosierungen zwischen 0,5 und 1,5 Milligramm pro Tag. Es gibt jedoch auch Präparate, die bis zu 10 Milligramm täglich enthalten – ein Vielfaches der Menge, die in verschreibungspflichtigen Medikamenten zu finden ist. Die Verantwortung für die Sicherheit dieser hochdosierten Produkte liegt allein bei den Herstellern.
„Melatonin-Produkte können zwar kurzfristig beim Einschlafen helfen, sie sind jedoch kein harmloser Schlaftrick, sondern greifen in den Hormonhaushalt ein.“
Melatonin in Lebensmitteln: Ein Mythos?
Melatonin kommt zwar in geringen Mengen in einigen Lebensmitteln wie Walnüssen oder Bananen vor. Die Mengen sind jedoch so verschwindend gering, dass unrealistisch große Portionen verzehrt werden müssten, um ähnliche Dosen wie in Nahrungsergänzungsmitteln zu erreichen. Ein Gutachten aus dem Jahr 2017 konnte beispielsweise bei Pistazien, die oft als melatoninreich beworben werden, selbst bei einer Nachweisgrenze von 55 Nanogramm pro Gramm kein Melatonin feststellen. Seriöse Übersichtstabellen zum Melatonin-Gehalt in Lebensmitteln existieren den Verbraucherzentralen zufolge nicht.
Risiken und Nebenwirkungen: Was Sie wissen sollten
Die Einnahme von Melatonin kann verschiedene Nebenwirkungen verursachen. Dazu gehören:
- Tagesmüdigkeit und Erschöpfung
- Benommenheit
- Kopfschmerzen
- Schwindel oder Übelkeit
- Vermehrtes Schwitzen
Besonders kritisch sind mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten. Melatonin kann die Wirkung von Blutverdünnern beeinflussen oder mit hormonhaltigen Präparaten wie der Antibabypille interagieren. Nach der Einnahme kann die Reaktionsfähigkeit eingeschränkt sein. Es wird dringend davon abgeraten, Auto zu fahren oder Maschinen zu bedienen, wenn Sie ein melatoninhaltiges Produkt eingenommen haben.
Öko-Test warnt
Im Oktober 2025 bewertete Öko-Test Melatonin-Sprays. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis aller geprüften Produkte wurde als unzureichend eingestuft.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist auf eine Reihe von Gesundheitsrisiken hin, die Verbraucher vor der Anwendung von Melatonin-Produkten kennen sollten. Die langfristigen Folgen einer unkontrollierten Einnahme sind noch nicht vollständig erforscht.
Besondere Risikogruppen: Wer sollte Melatonin meiden?
Bestimmte Personengruppen sollten Melatonin nur nach ärztlicher Rücksprache einnehmen oder gänzlich darauf verzichten. Hierzu gehören:
- Kinder und Jugendliche: Melatonin kann den Beginn der Pubertät beeinflussen. Es gibt Berichte aus den USA über Todesfälle bei Kleinkindern in Verbindung mit Melatonin-Überdosierungen. Die Stiftung Warentest warnte im Juni 2025 vor Melatonin-Mitteln für Kinder, da diese den Schlaf-Wach-Rhythmus erheblich stören können.
- Schwangere und Stillende: Die Auswirkungen auf das ungeborene Kind oder den Säugling sind nicht ausreichend erforscht.
- Frauen mit Kinderwunsch: Melatonin kann hormonelle Prozesse beeinflussen.
- Menschen mit hormonabhängigen Krebserkrankungen: Die Einnahme könnte den Krankheitsverlauf ungünstig beeinflussen.
- Personen mit Leber- oder Nierenproblemen: Der Abbau von Melatonin im Körper könnte beeinträchtigt sein.
- Menschen mit Autoimmunerkrankungen oder Epilepsie: Hier sind besondere Vorsicht und ärztliche Aufsicht geboten.
Neueste Studien zeigen zudem, dass Erwachsene, die langfristig Melatonin gegen Schlafstörungen einnehmen, deutlich häufiger an Herzinsuffizienz erkranken. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer vorsichtigen und kontrollierten Anwendung.
Empfehlungen für Verbraucher
Auch gesunde Erwachsene sollten melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel nicht unkontrolliert und nicht über einen längeren Zeitraum einnehmen. Der individuelle Abbau des Hormons im Körper kann variieren, was zu unerwartet hohen Melatoninspiegeln führen kann.
Personen mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes sollten vor der Einnahme ärztlichen Rat einholen und gegebenenfalls während der Anwendung überwacht werden. Das Alter und genetische Faktoren beeinflussen ebenfalls, wie schnell der Körper Melatonin abbaut, was zu länger erhöhten Spiegeln führen kann.
Bei Schlafproblemen ist es ratsam, zunächst mit der Ärztin, dem Arzt oder in der Apotheke zu sprechen. Oft helfen nicht-medikamentöse Maßnahmen effektiver und ohne Risiken. Dazu gehören feste Schlafzeiten, das Vermeiden von Bildschirmlicht am Abend, eine ruhige Schlafumgebung und Entspannungsrituale vor dem Schlafengehen. Melatonin-Produkte sind keine harmlose Abkürzung zu besserem Schlaf, sondern ein Eingriff in den Hormonhaushalt, der mit Bedacht erfolgen sollte.





