Jedes Jahr gehen erhebliche Mengen an Lebensmitteln bereits vor dem Erreichen des Verbrauchers verloren. Diese Verschwendung findet nicht nur in Haushalten oder im Handel statt, sondern beginnt schon auf den Feldern und in den Ställen. Experten schätzen, dass allein in der EU rund 25 Prozent der Obst-, Gemüse- und Kartoffelernte nicht vermarktet werden. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von optischen Mängeln über Überproduktion bis hin zu den Folgen des Klimawandels.
Wichtige Erkenntnisse
- Erhebliche Verluste bei Obst, Gemüse und Kartoffeln bereits im Anbau.
- Qualitätsstandards des Handels führen zum Aussortieren genießbarer Produkte.
- Überproduktion und niedrige Marktpreise tragen zur Verschwendung bei.
- Klimawandel und extreme Wetterereignisse verschärfen das Problem.
- Bioprodukte sind aufgrund des Verzichts auf synthetische Pestizide oft stärker betroffen.
Verluste auf dem Feld: Eine unterschätzte Herausforderung
Die Diskussion über Lebensmittelverschwendung konzentriert sich oft auf die Endverbraucher oder den Einzelhandel. Doch die Realität zeigt, dass ein großer Teil der Ressourcen bereits vor der Verarbeitung oder dem Verkauf verloren geht. Pflanzliche Produkte gelten erst nach der Ernte als Lebensmittel, tierische erst nach der Schlachtung. Verluste, die davor entstehen, werden meist nicht statistisch erfasst.
Diese frühen Verluste haben jedoch schwerwiegende Folgen für Klima und Umwelt. Die Produktion von Lebensmitteln verbraucht Land, Wasser und Energie. Wenn ein Produkt gar nicht erst in den Handel gelangt, waren all diese Ressourcen umsonst.
Faktencheck: Ernteverluste in der EU
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt die Ausfälle bei der Ernte und Sortierung in der EU auf etwa 25 Prozent bei Obst, Gemüse und Kartoffeln.
Warum gute Produkte aussortiert werden
Ein Hauptgrund für die hohen Verluste sind die strengen Qualitätsanforderungen von Handel, Herstellern und der EU. Diese Kriterien beziehen sich oft nicht auf den Nährwert oder den Geschmack, sondern primär auf äußere Merkmale wie Größe, Form, Krümmung, Gleichmäßigkeit und Farbe. Dies führt dazu, dass optisch "unperfekte" Produkte aussortiert werden, obwohl sie einwandfrei genießbar sind.
Manche Verbraucher erwarten ebenfalls makelloses Obst und Gemüse. Dies verstärkt den Druck auf den Handel, nur Produkte mit perfektem Aussehen anzubieten.
"Selbst Lebensmittel, die nur geringe Abweichungen in Größe oder Farbe aufweisen, finden meist keine Abnehmer. Dabei besitzt der größte Teil der aussortierten Lebensmittel eine gute Qualität und einen hohen Genusswert."
Beispiele für aussortierte Produkte
- Äpfel mit kleinen Macken werden nicht vom Handel angenommen.
- Krumme oder zu lange Möhren passen nicht in Standardverpackungen.
- Überangebote von Obst und Gemüse, für die es keine Abnehmer gibt.
Hintergrund: Studie in Nordrhein-Westfalen
Eine Stichprobe des Landesumweltamtes NRW im konventionellen Obst- und Gemüsebau zeigte deutliche Verluste bezogen auf die Erntemengen:
- 25 Prozent der Kartoffeln
- 21 Prozent der Möhren
- 16 Prozent des Spargels
- 5 Prozent der Erdbeeren
- 3 Prozent der Äpfel (oft zur Saftherstellung genutzt)
Besondere Herausforderungen im Bio-Anbau
Im ökologischen Landbau sind die Verluste oft sogar noch höher als im konventionellen Anbau. Der Verzicht auf synthetische Pestizide kann leichter zu Schorfbildungen oder Schädlingsbefall führen. Dies bedeutet, dass bei Bioprodukten häufig noch stärker aussortiert wird, um den optischen Standards gerecht zu werden, auch wenn die inneren Werte unbeeinträchtigt sind.
Logistik, Überangebot und Klimawandel
Empfindliches Obst und Gemüse wie Erdbeeren oder Blattsalate sind leicht verderblich. Sie benötigen einen behutsamen Umgang, schnellen Transport und zügigen Verkauf. Lange Transportwege und die Lagerung in den Zentralen großer Handelskonzerne erhöhen das Risiko, dass Lebensmittel nicht frisch und unversehrt bei den Kunden ankommen.
Das Bestreben, stets alle Produkte frisch verfügbar zu haben, führt zu einem übermäßigen Angebot und einer Überproduktion. Am Ende werden viele genießbare Lebensmittel vernichtet, weil die Nachfrage nicht ausreicht.
Der Klimawandel verschärft die Situation zusätzlich. Extreme Wetterereignisse wie Dürren, Überschwemmungen oder Hagel können ganze Ernten vernichten oder stark beschädigen, was ebenfalls zu erheblichen Verlusten führt.
Wirtschaftliche Aspekte der Verschwendung
Wenn es gute Ernten und ein hohes Marktangebot gibt, fallen oft die Marktpreise. Landwirte erlösen dann zu wenig für ihre Arbeit und ihre Produkte. In solchen Fällen kann es wirtschaftlicher sein, die Ernte einfach unterzupflügen, anstatt sie zu ernten und zu versuchen, sie zu verkaufen.
Eine bessere Alternative zur Vernichtung ist die Nutzung von Lebensmittelabfällen als Tierfutter, die Kompostierung oder die Verwendung in Biogasanlagen zur Energiegewinnung. Auch wenn diese Wege besser sind als die reine Entsorgung, stellen sie eine große Entwertung der aufwendig produzierten Lebensmittel dar.
Die Problematik der Lebensmittelverschwendung ist komplex. Sie erfordert ein Umdenken bei allen Beteiligten – von den Landwirten über den Handel bis hin zu den Verbrauchern. Es geht darum, den Wert von Lebensmitteln wieder stärker zu schätzen und Praktiken zu entwickeln, die Verluste minimieren und Ressourcen schonen.





