In Österreich wurde ein wegweisendes Projekt gestartet, das Elektrofahrzeug-Schnellladestationen in die Regulierung des Stromnetzes einbindet. Diese innovative Dual-Use-Strategie könnte die Energielandschaft revolutionieren und neue Einnahmequellen für Betreiber schaffen. Die Technologie ermöglicht es, überschüssige Kapazitäten von Ladesäulen zur Stabilisierung des Netzes zu nutzen.
Wichtige Erkenntnisse
- Salzburg AG und ADS-TEC Energy integrieren E-Ladesäulen in den Regelenergiemarkt.
- Die ChargePost-Technologie kann Frequenz- und Spannungsschwankungen ausgleichen.
- Ladesäulen bieten drei Einnahmequellen: Laden, Netzdienstleistungen, Werbung.
- Das Modell ist europaweit übertragbar, erfordert jedoch lokale Marktqualifikation.
- KI-basierte Modelle optimieren den Einsatz zwischen Laden und Netzdienstleistungen.
Revolutionäre Integration in den Regelenergiemarkt
Die Salzburg AG und der Technologieanbieter ADS-TEC Energy haben kürzlich die Vorausscheidung von Schnellladetechnologie für die Teilnahme an der Netzbilanzierung bekannt gegeben. Dies markiert einen wichtigen Schritt in der Nutzung von Elektrofahrzeug-Ladeinfrastruktur über ihre primäre Funktion hinaus. Der ADS-TEC ChargePost Schnelllader ist nun qualifiziert, am virtuellen Kraftwerk (VPP) der Salzburg AG teilzunehmen.
Im Rahmen dieses VPP-Pools werden die Ladesäulen gemeinsam mit anderen Anlagen, wie kleinen Wasserkraftwerken, positive und negative Reserven für den Regelenergiemarkt bereitstellen. Dies hilft, Schwankungen in Frequenz und Spannung des Stromnetzes auszugleichen. Österreichs Regelenergiemärkte umfassen Dienste wie die Frequenz-Wiederherstellungsreserve (FCR), die automatische Frequenz-Wiederherstellungsreserve (aFRR) und die manuelle Frequenz-Wiederherstellungsreserve (mFRR).
„Mit dem weiteren Ausbau batteriebestückter Ladestationen will das Unternehmen einen zusätzlichen Batteriepool mit einer eigenen Betriebsstrategie aufbauen“, erklärte ein Sprecher der Salzburg AG.
Faktencheck
- Die Salzburg AG betreibt ihr virtuelles Kraftwerk bereits seit 2013 mit Wasserkraftanlagen.
- Der ChargePost von ADS-TEC Energy verfügt über eine Kapazität von 201 kWh pro Einheit.
- Standorte für neue Ladesäulen werden mittels KI-basierter Rücktests ermittelt, um den ROI zu optimieren.
Drei Einnahmequellen für Ladesäulenbetreiber
Die Integration der ChargePost-Ladesäulen in den Regelenergiemarkt eröffnet Betreibern neue wirtschaftliche Perspektiven. Die All-in-One-Lösung von ADS-TEC Energy bietet nun drei verschiedene Einnahmequellen:
- Die primäre Funktion des Ladens von Elektrofahrzeugen.
- Die Bereitstellung von Netzdienstleistungen (Regelenergie).
- Digitale Bildschirmwerbung an den Fassaden der Einheiten.
Diese Mehrfachnutzung macht die Investition in Ladeinfrastruktur attraktiver und trägt zur schnelleren Amortisation bei. Sascha König, Director of Product Marketing für Ladeinfrastruktur bei ADS-TEC Energy, betonte die Übertragbarkeit des Konzepts.
„Technisch sind Dual-Use-Setups wie dieses vollständig auf andere Regionen übertragbar“, so Sascha König. „Der Schlüsselfaktor ist der Marktzugang: Systeme müssen in jedem Land für die Teilnahme an den Regelenergiediensten präqualifiziert werden, bevor solche Anwendungen skaliert werden können.“
Hintergrund: Virtuelle Kraftwerke
Ein virtuelles Kraftwerk (VPP) ist ein Verbund dezentraler Energieerzeugungsanlagen und steuerbarer Verbraucher, die über eine zentrale Steuerungseinheit miteinander verbunden sind. Es fungiert wie ein einziges Kraftwerk und kann Energie liefern oder abnehmen, um das Stromnetz zu stabilisieren. Dies umfasst oft erneuerbare Energien, Speicher und nun auch Ladesäulen.
Herausforderungen und Optimierung des Betriebs
Die Dual-Use-Strategie birgt auch Herausforderungen. Eine davon ist die optimale Abstimmung des Betriebs der Systeme zwischen den verschiedenen Anwendungen. Das System muss entscheiden, ob es gerade Fahrzeuge lädt oder Regelenergie für das Netz bereitstellt. Dies ist eine ähnliche Aufgabe, wie sie auch Anbieter von VPPs haben, die Heimspeichersysteme oder Vehicle-to-Grid (V2G) Laden für Netzdienstleistungen nutzen wollen.
Die Salzburg AG setzt auf prädiktive Modelle, um ein optimales Gleichgewicht zwischen dem Laden von Elektrofahrzeugen und der Einspeisung für Regelenergiedienste zu gewährleisten. Es ist technisch möglich, Fahrzeuge gleichzeitig zu laden und Energie ins Netz einzuspeisen, allerdings werden Ladepunkte während eines Einspeiseaufrufs aus Sicherheitsgründen derzeit nicht für das Laden freigegeben. Die Salzburg AG sammelt noch Daten zu diesem Betriebsmodus.
Die Integration von aggregierten VPP-Ressourcen wird durch die Energiespeicher- und VPP-Optimierungsplattform Powerhive der Salzburg AG ermöglicht. Diese Plattform ist entscheidend für die effiziente Verwaltung und Steuerung der verteilten Anlagen.
Expansion und Finanzielle Entwicklung von ADS-TEC Energy
ADS-TEC Energy, ein 2010 gegründeter Ableger der ADS-TEC Group, ist nicht nur im Bereich E-Mobilität tätig, sondern entwickelt auch Batteriespeichersysteme (BESS). Das Unternehmen hat in den letzten Monaten Aufträge für EV-Ladegeräte in Deutschland und Belgien erhalten und ist seit Mai auch auf dem österreichischen Markt präsent. Das Unternehmen hat zudem eine Niederlassung in den USA.
Finanzielle Highlights H1 2025
- Umsatz H1 2025: 14,6 Millionen Euro.
- Serviceumsatz H1 2025: 4,6 Millionen Euro (fast Verdreifachung gegenüber H1 2024).
- Bruttoverlust H1 2025: 6,7 Millionen Euro (deutliche Verbesserung gegenüber 15,7 Millionen Euro in H1 2024).
- Finanzierung im Mai: 50 Millionen US-Dollar von institutionellen Investoren.
- Bargeldbestand Ende H1 2025: 37,9 Millionen Euro.
Im September gab ADS-TEC Energy bekannt, ein stationäres BESS-Projekt mit einer Kapazität von 1 GW/2 GWh in Süddeutschland zu planen. Dieses Projekt soll mit einer großen Photovoltaikanlage kombiniert werden. Basierend auf Marktdaten von 2024 könnte das Projekt jährlich über 230 Millionen Euro einbringen. Die lokale Stadtverwaltung hat das Projekt bereits genehmigt und der zuständige Übertragungsnetzbetreiber hat die Netzanbindung formell bestätigt.
Die Halbjahresergebnisse 2025, die im September veröffentlicht wurden, zeigten eine Verbesserung der finanziellen Situation trotz einiger Verzögerungen im traditionellen EV-Ladegeschäft. Das Unternehmen konnte seinen Serviceumsatz fast verdreifachen und den Bruttoverlust deutlich reduzieren. Eine Finanzierungsrunde von 50 Millionen US-Dollar im Mai stärkte die Liquidität des Unternehmens.
Zukunftsaussichten und Skalierbarkeit
Die erfolgreiche Vorausscheidung der ADS-TEC Energy Ladeinfrastruktur in Österreich ist ein wichtiger Indikator für die zukünftige Rolle von Elektrofahrzeug-Ladestationen in der Energiestabilisierung. Während die technische Übertragbarkeit des Dual-Use-Ansatzes gegeben ist, liegt die Skalierbarkeit dieser Projekte maßgeblich an den lokalen Rahmenbedingungen und den jeweiligen Präqualifikationsprozessen in den einzelnen Ländern.
Die Kombination aus Ladeinfrastruktur, Batteriespeichern und der Teilnahme an Regelenergiemärkten bietet ein enormes Potenzial, um die Energiewende voranzutreiben und die Integration erneuerbarer Energien zu erleichtern. Dies könnte auch dazu beitragen, die Wirtschaftlichkeit von Ladestationen zu verbessern und so den Ausbau der Elektromobilität weiter zu beschleunigen.
Die Nutzung von KI-basierten Optimierungsmodellen wird entscheidend sein, um die Effizienz dieser Systeme zu maximieren und die Bedürfnisse von Elektrofahrzeugfahrern sowie die Anforderungen des Stromnetzes gleichzeitig zu erfüllen. Die gesammelten empirischen Daten aus Projekten wie dem der Salzburg AG werden wertvolle Erkenntnisse für die weitere Entwicklung und Implementierung liefern.





