Der US-amerikanische Lidar-Hersteller Luminar Technologies hat Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts beantragt. Das Unternehmen, das auf die Lieferung von Lidar-Systemen für die Automobilindustrie spezialisiert ist, kämpft mit einer Überschuldung von über 488 Millionen US-Dollar aus Anleihen und weiteren 72 Millionen Dollar an Lieferantenforderungen. Diese Entwicklung folgt auf den Rückzug von Volvo, einem der wichtigsten Kunden von Luminar.
Wichtige Erkenntnisse
- Luminar Technologies hat Gläubigerschutz nach US-Insolvenzrecht beantragt.
- Volvo, ein Hauptkunde, hat die Zusammenarbeit beendet und Bestellungen storniert.
- Die Überschuldung beläuft sich auf mindestens 560 Millionen US-Dollar.
- Fehlende Integration in Fahrzeugmodelle und Preisdruck belasten das Geschäft.
- Eine Tochtergesellschaft wird für 110 Millionen Dollar verkauft, das Hauptgeschäft sucht noch Käufer.
Volvos Rückzug und die Folgen für Luminar
Die Partnerschaft mit Volvo galt als Eckpfeiler für Luminar. Im Jahr 2020 sicherten sich die Unternehmen einen kommerziellen Vertrag über die Lieferung von Lidar-Systemen für Verbraucherfahrzeuge. Diese Systeme waren ursprünglich als Standardausstattung für den elektrischen SUV Volvo EX90 vorgesehen.
Luminar investierte erheblich in diese Zusammenarbeit, insgesamt 200 Millionen US-Dollar. Allein 52 Millionen Dollar flossen in den Bau einer spezialisierten Fabrik in Mexiko, um die erwartete Nachfrage zu bedienen. Volvo stellte 2022 sogar die Bestellung von 1,1 Millionen Lidar-Einheiten in Aussicht, kaufte dann aber weniger als 10.000 Stück.
Faktencheck: Lidars in der Automobilindustrie
- Lidar-Systeme (Light Detection and Ranging) messen Entfernungen mittels Laserimpulsen.
- Sie sind entscheidend für fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme und autonomes Fahren.
- Die Technologie ermöglicht eine präzise 3D-Kartierung der Umgebung.
Gescheiterte Kooperationen und strategische Fehlentscheidungen
Die Schwierigkeiten von Luminar beschränken sich nicht nur auf Volvo. Ab 2021 arbeitete das Unternehmen auch mit Polestar, einer Volvo-Tochter, zusammen. Hier sollten Luminar-Lidars als Zusatzausstattung angeboten werden, doch die Software von Polestar konnte die Messdaten nicht verarbeiten, was das Projekt zum Scheitern brachte.
Auch eine Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz zur Entwicklung von Fahrzeugtechnik ab 2022 führte nicht zum Erfolg. Obwohl ein Folgeprojekt vereinbart wurde, kam es nicht zur Umsetzung. Diese wiederholten Rückschläge zeigen ein grundlegendes Problem bei der Integration der Lidar-Technologie in die Fahrzeugsysteme der Hersteller.
Die Gründe für die Zahlungsunfähigkeit
Ein unabhängiger Insolvenzmanager hat die wesentlichen Faktoren für die finanzielle Schieflage von Luminar analysiert. Demnach sind drei Hauptgründe ausschlaggebend:
- Integrationsprobleme der Autohersteller: Mehrere Automobilhersteller hatten Schwierigkeiten, Lidar-Systeme erfolgreich in ihre Fahrzeuge zu integrieren. Dies führte zu einem deutlich kleineren Markt als ursprünglich von Luminar erwartet.
- Verluste pro Einheit: Da das Unternehmen nie die geplanten Stückzahlen verkaufen konnte, machte es mit jedem verkauften Lidar Verlust. Die Fixkosten waren zu hoch für die geringen Absatzzahlen.
- Wachsender Preisdruck: Der Markt wird zunehmend von chinesischen Anbietern dominiert, die aggressiven Preisdruck ausüben. Dies erschwert es westlichen Herstellern, wettbewerbsfähig zu bleiben.
Hintergrund: Luminars Gründung und Technologie
Luminar Technologies wurde 2012 mit dem Ziel gegründet, die Automobilbranche zu beliefern, insbesondere im Bereich selbstfahrender Autos. Das Unternehmen setzte auf Eigenentwicklungen und größere Wellenlängen (1550 Nanometer statt 905 Nanometer) für eine höhere Reichweite und bessere Messresultate.
Der Verkauf von Unternehmensteilen und die Zukunft
Im Angesicht der Insolvenz wird Luminar Semiconductors, eine solvente Tochterfirma, die integrierte Schaltkreise (ASIC) für Lidars entwickelt, verkauft. Ein Photonik-Unternehmen aus New Jersey namens Quantum Computing hat bereits ein Angebot über 110 Millionen US-Dollar unterbreitet. Es bleibt abzuwarten, ob es weitere Interessenten gibt.
Für das Hauptgeschäft von Luminar Technologies gibt es derzeit noch keinen bekannten Käufer. Die Suche gestaltet sich schwierig, da frühere Übernahmegespräche mit externen Parteien im Laufe des Jahres zu keinem Abschluss führten. Dennoch hofft Luminar, den Betrieb unter einem neuen Eigentümer fortführen und die rund 440 Mitarbeiter halten zu können.
„Die Herausforderungen im Lidar-Markt sind komplex. Die Integration in Fahrzeugsysteme und der Wettbewerb sind enorm. Es ist ein Kampf um die Zukunft der Mobilitätstechnologie.“
Auswirkungen auf die deutsche Niederlassung
Luminar Technologies unterhält in München eine Vertriebs- und Kundendienstniederlassung, die Luminar GmbH. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine Informationen darüber, ob diese deutsche Tochter ebenfalls Insolvenz anmelden muss. In den deutschen Insolvenzbekanntmachungen ist bisher kein entsprechender Eintrag zu finden.
Die SPAC-Vergangenheit und anhängige Klagen
Luminar ist ein Beispiel für Unternehmen, die über eine Special Purpose Acquisition Company (SPAC) an die Börse gegangen sind. Diese Abkürzung an die Börse war um 2020 populär, hat aber oft zu Enttäuschungen bei den Aktionären geführt. Ein SPAC sammelt Geld von Investoren, notiert dann selbst an der Börse und verschmilzt innerhalb von zwei Jahren mit einem noch nicht börsennotierten Unternehmen.
Gegen Luminar sind derzeit zwei Sammelklagen, zwei Aktionärsklagen und eine Untersuchung der Kapitalmarktbehörde SEC (Securities Exchange Commission) anhängig. Diese rechtlichen Auseinandersetzungen könnten die Suche nach einem Käufer und die Restrukturierung des Unternehmens zusätzlich erschweren.
Die Zukunft von Luminar und seiner Lidar-Technologie bleibt ungewiss. Der Fall verdeutlicht die enormen Hürden und Risiken in der Entwicklung und Kommerzialisierung von Schlüsseltechnologien für autonomes Fahren.





