Die europäische Fahrradindustrie verstärkt ihre Bemühungen gegen das illegale Tuning von E-Bikes. Ein neues Positionspapier des Verbandes European Cycling Industries (ECI) legt erstmals europaweit fest, welche technischen Standards zum Schutz vor Manipulationen gelten sollen. Deutsche Verbände unterstützen diese Initiative und fordern strengere Kontrollen.
Wichtige Punkte
- ECI definiert europaweite technische Standards gegen E-Bike-Tuning.
- Deutsche Verbände ZIV und Zukunft Fahrrad unterzeichnen Selbstverpflichtung.
- Ziel ist, Manipulationen technisch zu erschweren und Behörden zu unterstützen.
- Rechtliche Konsequenzen für getunte E-Bikes sind erheblich.
- Forderungen nach Verkaufsverbot für Tuning-Kits und mehr Kontrollen.
Neue Standards für Manipulationsschutz
Das ECI-Positionspapier mit dem Titel „Anti-Tampering in Electrically Power Assisted Cycles“ ist ein wichtiger Schritt. Es soll Herstellern klare Richtlinien für die Entwicklung manipulationssicherer Pedelecs geben. Gleichzeitig erhalten Marktüberwachungsbehörden ein Werkzeug, um legale E-Bikes von getunten Fahrzeugen zu unterscheiden.
Burkhard Stork, Geschäftsführer des ZIV, erklärt die Bedeutung:
„Hier wird eine wichtige Lücke geschlossen, die nicht nur für die Fahrradwirtschaft, sondern auch für die Marktaufsicht eine genauere Orientierung gibt.“Ein manipuliertes Pedelec verliert seinen Status als EPAC (Electrically Power Assisted Cycle) und damit seine Zulassung.
Wasilis von Rauch, Geschäftsführer von Zukunft Fahrrad, betont die Verantwortungsübernahme der Branche. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass die Zahl der E-Bikes in Deutschland stetig steigt. Schätzungen gehen von über 17 Millionen E-Bikes im Land aus.
Technische Anforderungen und Schutzmaßnahmen
Der Manipulationsschutz soll das gesamte Antriebssystem eines Pedelecs umfassen. Dazu gehören Motor, Steuergerät, Geschwindigkeits- und Drehmomentsensor, Verkabelung, Firmware, Display und Konfigurationssoftware. Systeme müssen erkennen oder verhindern, dass die gesetzlich vorgeschriebene Abschaltung der Motorunterstützung bei 25 km/h umgangen wird.
Faktencheck Tuning
- Firmware und Konfigurationsparameter sollen durch Authentifizierung und Zugriffsbeschränkungen vor unbefugten Änderungen geschützt werden.
- Hersteller müssen dokumentieren, welche Schutzmaßnahmen sie implementiert haben.
- Einzelne Hersteller wie Bosch nutzen bereits sensorbasierte Erkennung während der Fahrt und schalten das System bei Manipulation in einen Notlaufmodus.
Die technische Grundlage bildet die Norm EN 15194:2017. Diese enthält bereits Anforderungen an den Manipulationsschutz. Zusätzlich befasst sich die technische Spezifikation CEN/TS 17831:2023 gezielt mit Anti-Tampering-Maßnahmen.
Die neue europäische Initiative geht über frühere deutsche Selbstverpflichtungen hinaus. Der ZIV hatte bereits 2016 eine solche Selbstverpflichtung verabschiedet. Die neue Version hat einen europäischen Geltungsbereich und definiert konkrete technische Kriterien. Sie soll Behörden bei der Marktüberwachung unterstützen und umfasst nicht nur getuntes Zubehör, sondern auch leicht manipulierbare Systeme.
Forderungen an Politik und Behörden
Die Verbände richten klare Forderungen an die EU und die Mitgliedstaaten. Sie verlangen ein konsequentes Vorgehen gegen den unkontrollierten Handel mit Tuning-Kits. Zudem sollen Polizei, Zoll und Marktüberwachung verstärkt Kontrollen durchführen. Auch Online-Marktplätze sollen stärker in die Verantwortung genommen werden.
Hintergrund: Rechtslage und Kontrolle
Ein EU-weites Verkaufsverbot für Tuning-Kits existiert bisher nicht. Die ab dem 13. Dezember 2024 geltende General Product Safety Regulation fordert zwar einen verantwortlichen Wirtschaftsakteur in der EU für jedes Produkt. Bei anonymen Anbietern außerhalb der EU bleiben jedoch erhebliche Probleme bei der Durchsetzung bestehen.
Marktüberwachungsbehörden können Angebote zwar entfernen lassen und Testkäufe durchführen. Es ist jedoch nicht immer sichergestellt, dass die Verkäufer dabei identifizierbar sind. Für eine wirksame Erkennung von Manipulationen im Alltag benötigen Behörden herstellerübergreifende Prüfverfahren, standardisierte Diagnosegeräte und geschulte Sachverständige.
Das ECI spricht von „state-of-the-art tools and methods“. Damit sollen Behörden nicht konforme Pedelecs identifizieren können. Eine konkrete Zusage für einheitliche Diagnosesoftware oder ein verpflichtendes Schulungsprogramm gibt es bisher nicht. Sichtprüfungen, Funktionsprüfungen auf Testständen und das Auslesen von Hersteller-Diagnoseschnittstellen sind zwar möglich, stoßen aber an Grenzen. Diagnosezugänge und Datenformate unterscheiden sich je nach Hersteller. Außerdem können bestimmte Tuning-Kits nach einem Unfall leicht entfernt werden.
Unklare Datenlage und rechtliche Folgen
Die genaue Anzahl manipulierter E-Bikes ist unklar. Branchenschätzungen von fünf bis zehn Prozent tatsächlich manipulierter E-Bikes in Deutschland kursieren. Diese sind jedoch nicht amtlich belegt. Bezogen auf den Bestand von über 17 Millionen E-Bikes wären das hochgerechnet 850.000 bis 1,7 Millionen Fahrzeuge.
Auch einen statistisch belegten Zusammenhang zwischen Tuning und Unfällen gibt es bisher nicht. Der ADFC weist darauf hin, dass keine entsprechenden Studien bekannt sind. Im Jahr 2025 starben laut Destatis 217 Pedelec-Nutzende im Straßenverkehr. Amtliche Unfallstatistiken unterscheiden jedoch nicht zwischen legalen und manipulierten Fahrzeugen.
Konsequenzen bei Manipulation
Rechtlich ist die Lage eindeutig: Wer ein Pedelec so verändert, dass die Motorunterstützung nicht mehr bei 25 km/h endet, macht daraus ein Kraftfahrzeug. Dies hat weitreichende Konsequenzen:
- Bußgeld: Ohne Betriebserlaubnis droht ein Bußgeld ab 70 Euro.
- Versicherungsschutz: Das Fahren ohne Haftpflichtversicherung kann dazu führen, dass die Regulierung im Schadensfall verweigert wird (§ 30 Absatz 1 Pflichtversicherungsgesetz).
- Garantie und Gewährleistung: Herstellergarantie und Gewährleistungsansprüche entfallen.
Die beiden deutschen Verbände ZIV und Zukunft Fahrrad, die ab 2027 zu einem gemeinsamen Branchenverband fusionieren wollen, setzen auf Aufklärung der Verbraucher und die Förderung europäischer Regulierungen. Sie wollen so die Sicherheit im E-Bike-Verkehr erhöhen.





