Die Umrüstung bestehender Dieselbusse auf Elektroantrieb könnte die Elektrifizierung der europäischen Busflotte deutlich beschleunigen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass dieser Ansatz nicht nur schneller ist, sondern auch erhebliche Kosten und Emissionen einsparen kann. Damit wäre der Wandel im öffentlichen Nahverkehr 15 Jahre früher abgeschlossen.
Wichtige Erkenntnisse
- 15 Jahre früher: Die Elektrifizierung der europäischen Busflotte könnte durch Retrofit-Lösungen 15 Jahre früher abgeschlossen sein.
- Halbe Kosten, halbe Emissionen: Umrüstung spart rund 50% der Treibhausgasemissionen und Anschaffungskosten im Vergleich zu neuen Elektrobussen.
- Großes CO₂-Einsparpotenzial: Bis zu 300 Millionen Tonnen CO₂ könnten bis 2100 eingespart werden.
- Weniger Rohstoffverbrauch: Der Bedarf an Primärrohstoffen, Energie und Wasser sinkt ebenfalls.
Das Potenzial der Umrüstung
Die Elektrifizierung des öffentlichen Nahverkehrs ist ein zentraler Baustein für den Klimaschutz. Aktuell fahren jedoch nur knapp drei Prozent der Busse in Europa elektrisch. Selbst bei einer Neuzulassung ausschließlich emissionsfreier Busse ab 2035 würde es bis 2057 dauern, bis mehr als 95 Prozent der Flotte elektrisch wäre. Das liegt daran, dass Stadtbusse durchschnittlich 20 Jahre im Einsatz bleiben.
Hier setzt das Konzept des E-Retrofitting an. Dabei werden Motor, Getriebe, Kraftstofftank und Auspuff eines Dieselbusses entfernt. An ihre Stelle treten Batterien, ein Elektromotor und elektrische Hilfsaggregate. Karosserie, Fahrwerk und Innenraum bleiben erhalten. Dieser Ansatz bietet eine schnelle und effiziente Lösung.
„Wenn wir bestehende Busse auf Elektrobetrieb umrüsten, anstatt sie durch neue zu ersetzen, erreichen wir die vollständige Elektrifizierung der Busflotte rund 15 Jahre früher – und sparen dabei erst noch Emissionen und Rohstoffe.“
Standardisierte Kits für schnelle Umbauten
Im Stadtbusbereich gibt es nur wenige Modellreihen in großen Stückzahlen. Dies ermöglicht die Entwicklung standardisierter Retrofit-Kits. Ein einzelner Umbau könnte damit nur wenige Tage dauern. Die ausgebauten Komponenten, hauptsächlich Stahl und Aluminium, lassen sich zudem recyceln.
Faktencheck: Einsparungen durch Retrofit
- CO₂-Äquivalente: Ein E-Retrofit verursacht etwa 58 Tonnen CO₂-Äquivalente weniger pro Fahrzeug als die Produktion eines neuen Batteriebusses.
- Kosten: Die Umbaukosten liegen bei rund der Hälfte des Anschaffungspreises eines neuen Elektrobusses.
- Gesamtkosten Busverkehr: Potenzial für 2,2 bis 3,2 Prozent Einsparungen bis 2100.
- Gesamtes CO₂-Einsparpotenzial Europa: Bis zu 300 Millionen Tonnen CO₂ bis 2100.
Wirtschaftliche und ökologische Vorteile
Eine Lebenszyklusanalyse zeigt, dass ein E-Retrofit gegenüber der Produktion eines neuen Batteriebusses rund die Hälfte der Treibhausgasemissionen verursacht. Das sind pro umgerüstetem Fahrzeug etwa 58 Tonnen CO₂-Äquivalente weniger. Auch die Kosten sind mit etwa der Hälfte des Anschaffungspreises eines neuen Elektrobusses deutlich geringer.
Elektrische Busse haben zudem geringere Betriebskosten als Dieselbusse. Verkehrsunternehmen könnten langfristig sowohl Investitions- als auch Wartungskosten senken. Die Studie beziffert das Einsparpotenzial auf 2,2 bis 3,2 Prozent der gesamten Busverkehrskosten bis zum Jahr 2100.
Massive CO₂-Reduzierung
Hochgerechnet auf die gesamte europäische Busflotte ergibt sich ein Einsparpotenzial von bis zu 300 Millionen Tonnen CO₂ bis zum Jahr 2100. Diese Menge entspricht in etwa den jährlichen Treibhausgasemissionen Spaniens, die bei rund 270 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent liegen. Neben CO₂ würden auch der Bedarf an Primärrohstoffen, der kumulierte Energieeinsatz sowie der Wasserverbrauch und Feinstaubemissionen sinken.
Hintergrund: Die CircEUlar-Studie
Die Ergebnisse stammen aus einer Studie der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Die Untersuchung entstand im Rahmen des EU-Forschungsprojekts CircEUlar. Die Fachpublikation erschien in der Zeitschrift Environmental Research: Infrastructure and Sustainability. Sie beleuchtet die ökologischen und ökonomischen Vorteile der Umrüstung.
Praktische Umsetzung und Herausforderungen
Der Personalbedarf für die Umrüstung ist überschaubar. Bereits rund ein Prozent der heute beschäftigten Kfz-Mechatroniker in Europa könnte jährlich bis zu 75.000 Busse umrüsten. Mit fünf Prozent der Fachkräfte ließe sich die bestehende europäische Dieselbusflotte theoretisch innerhalb von weniger als drei Jahren elektrifizieren. Die frei werdenden Kapazitäten könnten anschließend auf Lastwagen und andere Nutzfahrzeuge ausgeweitet werden.
Erste Projekte laufen bereits
In der Praxis gibt es bereits erste Projekte. In Schwäbisch Hall fährt seit Anfang 2025 ein zehn Jahre alter MAN A 21 Lion's City Linienbus der Transdev-Gruppe, umgebaut auf Elektroantrieb mit Technik von Voith, Orten Electric Trucks und ToZero electric vehicles. In Köln hat Willms Touristik 18 Sightseeing-Busse umgerüstet. Auch in Berlin werden ehemalige BVG-Doppeldecker für touristische Zwecke elektrifiziert.
Obwohl die Vorteile klar sind, bleiben wichtige Fragen offen. Der Aufbau der Ladeinfrastruktur wurde in der Studie nur am Rande behandelt. Auch Fragen zur Zulassung umgerüsteter Fahrzeuge, zu Gewährleistungsansprüchen und zur Standardisierung von Retrofit-Kits sind noch nicht abschließend geklärt. Die tatsächlichen Umbaukosten dürften je nach Fahrzeugplattform, Batteriekonzept und gewünschter Reichweite variieren.
Die wirtschaftliche Bewertung beruht auf Modellannahmen und bisherigen Pilotprojekten. Großflächige Retrofit-Programme existieren bislang kaum. Empa und CircEUlar sehen den Retrofit-Ansatz als zusätzliche Säule der Verkehrswende, die den Kauf neuer Elektrobusse ergänzt. Zulieferer könnten neue Geschäftsfelder für standardisierte Umrüstsätze, Batteriesysteme oder elektrische Achsen erschließen. Gleichzeitig gewinnen Hersteller neuer Elektrobusse Zeit, ihre Fertigungskapazitäten und Lieferketten auszubauen.





