Ein neues Forschungsprojekt von Fraunhofer FOKUS und pdm solutions hat einen Prototyp für Fahrerassistenzsysteme (ADAS) entwickelt. Diese Software, genannt SADAS, soll Autofahrer rechtzeitig vor potenziellen Gefahrenbereichen wie Kindergärten oder Schulen warnen, noch bevor diese sichtbar sind.
Wichtige Erkenntnisse
- SADAS-Software warnt Fahrer vor Gefahrenzonen im Straßenraum.
- Kuratierte Verzeichnisdaten dienen als Basis für den „Digitalen Stadtzwilling“.
- Ziel ist eine souveräne Dateninfrastruktur, unabhängig von großen Tech-Plattformen.
- Datenqualität ist eine Herausforderung, die durch Kombination mehrerer Quellen gelöst werden soll.
- Langfristig soll das System auch automatisiertes und autonomes Fahren unterstützen.
SADAS: Frühwarnsystem für mehr Sicherheit
Die Software SADAS (Support for Advanced Driver Assistance Systems) wurde am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) entwickelt. Sie integriert Informationen aus Verzeichnisdaten wie „Das Telefonbuch“, „Das Örtliche“ und „Gelbe Seiten“ in einen „Digitalen Stadtzwilling“.
Dieser Digitale Stadtzwilling ist ein virtuelles Abbild des Straßenraums. Er identifiziert Orte, an denen besonders schutzbedürftige Verkehrsteilnehmer wie Kinder oder Schüler anzutreffen sind. Dazu gehören Kindergärten, Spielplätze und Schulen.
Wussten Sie schon?
Das Projekt SADAS wurde in einem sechsmonatigen Forschungsprojekt von Fraunhofer FOKUS und pdm solutions GmbH entwickelt. Der Prototyp wurde bereits auf dem Branchentreff des Verbands Deutscher Auskunfts- und Verzeichnismedien (VDAV) in Berlin vorgestellt.
Das System gleicht diese Informationen in Echtzeit mit der aktuellen Fahrtroute und Fahrzeugposition ab. Erkennt es eine potenzielle Gefahrenzone, erhält der Fahrer optische oder akustische Signale über das Dashboard. Dies geschieht, bevor die Gefahrensituation im Sichtfeld des Fahrers auftaucht.
In Zukunft könnten diese Warnungen sogar direkt an Bremsassistenten oder automatisierte Fahrfunktionen weitergeleitet werden. Dies würde die Verkehrssicherheit erheblich verbessern, indem es menschliche Reaktionszeiten verkürzt und präventive Maßnahmen ermöglicht.
Digitale Souveränität als Kernziel
Ein zentrales Anliegen des Projekts ist die Schaffung einer souveränen Dateninfrastruktur. Aktuell sind viele Standortdaten in den Kartendiensten großer globaler Tech-Konzerne gebunden. Das Fraunhofer-Projekt möchte davon eine unabhängige Alternative bieten.
„Ein zentrales Ziel ist es, bestehende Datensilos aufzubrechen. Das unterstützt auch digital souveräne Systeme“, erklärt Dr.-Ing. Ilja Radusch, Leiter des Geschäftsbereichs Smart Mobility bei Fraunhofer FOKUS.
Offene, standardbasierte Schnittstellen sollen Städten und Mobilitätsdienstleistern den Zugriff auf den Digitalen Stadtzwilling ermöglichen. Dies verhindert eine Bindung an die geschlossenen Ökosysteme einzelner Plattformanbieter. So muss nicht jeder Datenanbieter von vornherein alle Qualitätsanforderungen erfüllen.
Hintergrund: Digitale Souveränität
Digitale Souveränität bedeutet die Fähigkeit von Staaten, Unternehmen und Bürgern, die Kontrolle über ihre Daten und digitalen Infrastrukturen zu behalten. Sie zielt darauf ab, Abhängigkeiten von einzelnen großen Technologieanbietern zu reduzieren und die eigene Gestaltungsmacht im digitalen Raum zu stärken.
Die Unabhängigkeit von großen US-Plattformen ist ein wiederkehrendes Thema in der deutschen und europäischen Technologiepolitik. Projekte wie SADAS tragen dazu bei, alternative Lösungen zu entwickeln, die den europäischen Datenschutzstandards und Autonomiebestrebungen entsprechen.
Herausforderung Datenqualität und -verfeinerung
Eine der größten Herausforderungen bei der Nutzung von Verzeichnisdaten für Fahrerassistenzsysteme ist die Datenqualität. Für Verzeichnisdienste reicht eine korrekte Postadresse aus. Fahrzeuge benötigen jedoch hochpräzise Geokoordinaten.
Dr. Radusch verdeutlicht dies an einem Beispiel: Schulen oder Spielplätze erstrecken sich oft über ganze Straßenblöcke und grenzen an mehrere Straßen. Würde ein Assistenzsystem pauschal an allen angrenzenden Straßen warnen, käme es schnell zu einem Gewöhnungseffekt. Dies hätte negative Folgen für die Verkehrssicherheit.
Um die Daten für den Einsatz im Fahrzeug zu veredeln, kombiniert Fraunhofer FOKUS mehrere Quellen. Dazu gehören Informationen aus Verkehrsmanagementzentralen, stationäre Sensoren in Ampelanlagen und Sensordaten aus Fahrzeugflotten.
Crowdsourcing und Simulationen ergänzen Daten
- Eidos Road Glancr App: Ein handelsübliches Smartphone an der Windschutzscheibe, beispielsweise in Bussen oder Taxis, soll datenschutzkonform Veränderungen im Straßenraum erfassen. Dies umfasst Baustellen, neue Verkehrszeichen, Straßenschäden oder verfügbare Parkflächen.
- Simulationen: Für seltene oder sicherheitskritische Ereignisse ergänzt das Team Realdaten durch Simulationen in der Open-Source-Umgebung Eclipse MOSAIC.
Diese Kombination aus verschiedenen Datenquellen und Methoden soll die Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Informationen für SADAS sicherstellen. Nur so können präzise und nützliche Warnungen an die Fahrer gesendet werden.
Zukunftsperspektiven: Autonomes Fahren und Telematik
Nach dem erfolgreichen Abschluss des Proof of Concept wollen pdm solutions und Fraunhofer FOKUS ihre Zusammenarbeit fortsetzen. Die datenbasierten Digitalen Stadtzwillinge sollen zukünftig nicht nur Assistenzsysteme ergänzen.
Sie sollen auch für automatisiertes und autonomes Fahren nutzbar werden. Dies würde einen wichtigen Schritt in Richtung vollautomatisierter Mobilität bedeuten. Die präzisen und aktuellen Daten über den Straßenraum sind dafür unerlässlich.
Andere Hersteller setzen bereits auf KI-Plattformen, um Fahrerassistenzsysteme zu integrieren. Ein Beispiel hierfür ist Google Gemini in Volvo-Fahrzeugen, wo die KI Verkehrszeichen und die Umgebung in Echtzeit über Fahrzeugkameras analysiert.
Darüber hinaus sind laut Dr. Radusch klassische Telematik-Services denkbar. Dazu gehören barrierearme Routen zur nächsten Apotheke oder thematische Stadttouren. Dies zeigt das breite Anwendungsspektrum der entwickelten Technologie über die reine Verkehrssicherheit hinaus.
Die Entwicklung von SADAS und ähnlichen Systemen unterstreicht die wachsende Bedeutung von präzisen Geodaten und künstlicher Intelligenz für die Zukunft der Mobilität. Sie verspricht nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch neue Möglichkeiten für personalisierte und effiziente Transportlösungen.





