Weihrauchextrakte werden seit Langem in der traditionellen Medizin verwendet und finden heute auch als Nahrungsergänzungsmittel breite Anwendung. Die beworbenen Wirkungen reichen von der Linderung von Gelenkschmerzen bis hin zur Krebsprävention. Doch wie fundiert sind diese Versprechen wissenschaftlich? Eine genaue Betrachtung der aktuellen Forschungsergebnisse und Expertenmeinungen zeigt, dass Vorsicht geboten ist.
Wichtige Erkenntnisse
- Weihrauchextrakte sind in Deutschland nur als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, nicht als zugelassene Arzneimittel.
- Die entzündungshemmende Wirkung wurde hauptsächlich in Tierversuchen untersucht; Studien am Menschen sind oft klein und nicht ausreichend aussagekräftig.
- Es gibt keine standardisierten Produkte, was Dosierung und Inhaltsstoffe betrifft.
- Wechselwirkungen mit Medikamenten und Nebenwirkungen sind möglich.
- Krankenkassen übernehmen die Kosten für Weihrauch-Nahrungsergänzungsmittel in der Regel nicht.
Traditionelle Anwendung trifft auf moderne Skepsis
Weihrauch, insbesondere das Harz des indischen Weihrauchbaums (Boswellia serrata), hat eine lange Geschichte in der ayurvedischen und europäischen Volksmedizin. Traditionell wurde es für religiöse Zeremonien und zur Behandlung verschiedener Beschwerden eingesetzt. Heute wird es oft als Nahrungsergänzungsmittel beworben, das bei Gelenkentzündungen, Multipler Sklerose, Asthma und sogar Krebs helfen soll.
Die Hauptwirkstoffe in Weihrauchextrakten sind die sogenannten Boswelliasäuren. Ihnen wird eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben. Diese Annahme stützt sich jedoch überwiegend auf Labor- und Tierversuche. Die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf den Menschen ist oft begrenzt.
Faktencheck Weihrauch
- Herkunft: Indischer Weihrauch (Boswellia serrata) hauptsächlich aus Ostindien, Afrikanischer Weihrauch (Boswellia carterii) aus Somalia, Äthiopien, Sudan, Oman, Jemen.
- Gewinnung: Harz wird nach Verletzung des Baumes abgeschabt und getrocknet.
- Wirkstoffe: Hauptsächlich verschiedene Boswelliasäuren (z.B. Alpha- und Beta-Boswelliasäure) und ätherische Öle.
Wissenschaftliche Studien: Mangelnde Beweislage
Trotz der weit verbreiteten Werbung mangelt es an robusten klinischen Studien, die eine therapeutische Wirksamkeit von Weihrauchextrakten beim Menschen eindeutig belegen. Viele der vorhandenen Studien, insbesondere zu Gelenkerkrankungen wie Arthrose, weisen eine geringe Teilnehmerzahl auf und sind methodisch oft nicht ausreichend aussagekräftig. Zwar gibt es Hinweise auf eine mögliche moderate Schmerzlinderung bei abgenutzten Gelenken, doch reicht dies nicht aus, um eine sichere Wirkung oder eine standardisierte Dosierung zu empfehlen.
„Die Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer kann die Verwendung von Weihrauch aufgrund der unzulänglichen klinischen Datenlage nicht empfehlen.“
Dies unterstreicht die Skepsis der medizinischen Fachwelt. Weihrauchpräparate sind in Deutschland nicht als Medikamente zugelassen, mit Ausnahme einiger homöopathischer Mittel. Sie werden stattdessen als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, für die keine Zulassung und kein Wirknachweis erforderlich sind. Dies bedeutet, dass die Produkte auf dem Markt nicht den strengen Anforderungen unterliegen, die an Arzneimittel gestellt werden.
Weihrauch bei Krebs: Forschung im Frühstadium
Auch im Bereich der Krebsforschung gibt es Interesse an Weihrauchextrakten. Erste Studien in Zellkulturen und an Tieren zeigten, dass Boswelliasäuren die Vermehrung von Tumorzellen hemmen können. Das Deutsche Krebsforschungszentrum weist jedoch darauf hin, dass es kaum klinische Studien mit Krebspatienten gibt und das genaue Wirkprinzip noch nicht vollständig verstanden ist. Eine Anwendung bei Krebserkrankungen ist daher noch nicht wissenschaftlich fundiert.
Nahrungsergänzungsmittel vs. Arzneimittel
Nahrungsergänzungsmittel: Sind Lebensmittel. Sie müssen keinen Wirknachweis erbringen und benötigen keine Zulassung. Werbung mit Krankheitsbezug ist verboten.
Arzneimittel: Sind zur Heilung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten bestimmt. Sie müssen einen strengen Wirksamkeits- und Sicherheitsnachweis erbringen und werden zugelassen.
Probleme bei der Produktqualität und Sicherheit
Ein großes Problem auf dem Markt für Weihrauch-Nahrungsergänzungsmittel ist die fehlende Standardisierung. Weder die Art des Extraktes noch die genaue Zusammensetzung oder Dosierung der Inhaltsstoffe sind einheitlich geregelt. Dies führt dazu, dass Produkte verschiedener Anbieter stark variieren und kaum miteinander vergleichbar sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass der tatsächliche Gehalt an Boswelliasäuren oft deutlich unter den beworbenen Angaben liegt, manchmal sogar gänzlich fehlt.
Die Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer betont, dass die in klinischen Studien verwendeten Weihrauch-Spezialextrakte sich von den in Deutschland erhältlichen Nahrungsergänzungsmitteln unterscheiden. Eine Übertragung der Studienergebnisse auf frei verkäufliche Produkte ist somit nicht möglich.
Mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
Die Einnahme von Weihrauchextrakten ist nicht ohne Risiken. Es gibt Hinweise auf unerwünschte Wirkungen wie Übelkeit, Magensäure-Reflux und allergische Reaktionen. Besonders kritisch sind mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Personen, die Blutgerinnungshemmer wie Warfarin einnehmen, sollten Weihrauchprodukte meiden, da die Wirkung der Gerinnungshemmer beeinträchtigt werden könnte.
Die Kosten für Weihrauch-Nahrungsergänzungsmittel werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen. Dies liegt daran, dass es sich nicht um zugelassene Arzneimittel handelt und kein therapeutischer Nutzen wissenschaftlich belegt ist.
Verbraucher sollten zudem bei angeblichen Produkttests und Sterne-Bewertungen im Internet vorsichtig sein, da diese oft Verkaufsinteressen dienen und nicht objektiv sind.
Umweltschutzaspekte und Produktkontamination
Die steigende Nachfrage nach Weihrauchprodukten führt Berichten zufolge häufig zum „Überzapfen“ der Weihrauchbäume, was deren Gesundheit beeinträchtigen und die Bestände gefährden kann. Nachhaltige Erntepraktiken sind hier essenziell.
Ein weiteres Problem ist die mögliche Kontamination von Produkten, insbesondere aus dem asiatischen Raum. Das Europäische Schnellwarnsystem RASFF meldet immer wieder belastete Nahrungsergänzungsmittel. In der Vergangenheit gab es Fälle von unzulässiger Begasung mit Ethylenoxid. Ayurvedische Nahrungsergänzungsmittel können zudem – teilweise absichtlich aus traditioneller Herstellungspraxis – Schwermetalle wie Blei, Quecksilber und Arsen enthalten. Solche Belastungen stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar.
- Regelmäßige Überprüfung: Achten Sie auf Warnmeldungen des RASFF.
- Herkunft: Informieren Sie sich über die Herkunft und Herstellung des Produkts.
- Zertifizierungen: Bevorzugen Sie Produkte mit unabhängigen Qualitätszertifikaten.
Angesichts der unklaren Studienlage, der fehlenden Standardisierung und der potenziellen Risiken ist es ratsam, vor der Einnahme von Weihrauch-Nahrungsergänzungsmitteln immer einen Arzt oder Apotheker zu konsultieren, besonders wenn bereits Medikamente eingenommen werden oder Vorerkrankungen bestehen. Eine selbstständige Behandlung von Beschwerden mit Weihrauchprodukten, insbesondere bei Kindern, wird nicht empfohlen.





