Nahrungsergänzungsmittel mit Rhodiola Rosea, auch bekannt als Rosenwurz, werden oft als natürliche Lösung gegen Müdigkeit und Erschöpfung in stressigen Phasen beworben. Doch die wissenschaftliche Evidenz für diese Produkte ist begrenzt, und Verbraucher sollten Vorsicht walten lassen. Eine genaue Betrachtung der Fakten zeigt, dass die Versprechen der Hersteller oft nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen.
Wichtige Erkenntnisse
- Werbeaussagen für Rhodiola-Nahrungsergänzungsmittel sind nicht auf pflanzliche Arzneimittel übertragbar.
- Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat keine Verringerung geistiger Müdigkeit durch Rhodiola-Extrakt bestätigt.
- Rhodiola-Extrakte in Nahrungsergänzungsmitteln sind oft nicht standardisiert und können sich stark unterscheiden.
- Mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit Medikamenten sind nicht auszuschließen.
Was ist Rhodiola Rosea und wofür wird es beworben?
Rhodiola Rosea, auch Rosenwurz genannt, ist eine Pflanze, die traditionell in Ländern wie Russland, Schweden und China zur Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit eingesetzt wird. Extrakte aus der Wurzel werden heute in hochpreisigen Nahrungsergänzungsmitteln angeboten, oft ergänzt durch B-Vitamine oder Magnesium.
Die Hersteller versprechen vielfältige Wirkungen: Steigerung der Leistung, Erhöhung der Stressresistenz, Verbesserung der Stimmung und Hilfe bei depressiven Verstimmungen oder Angstzuständen. Auch eine Förderung der sportlichen Leistungsfähigkeit wird häufig genannt. Diese Produkte sind hauptsächlich in Online-Shops erhältlich.
Wissenswertes über Rhodiola Rosea
- Herkunft: Die mehrjährige Pflanze wächst im nördlichen Polarkreis und in höheren Bergregionen Europas, Asiens und Nordamerikas.
- Name: Die geschnittene Wurzel duftet nach Rosen, daher der Name Rosenwurz.
- Inhaltsstoffe: Rosavine (Rosavin, Rosarin, Rosin) und Salidrosid gelten als die wirksamen Hauptinhaltsstoffe.
Werbeaussagen und wissenschaftliche Prüfung
Gesundheitsbezogene Angaben für Lebensmittel sind in der EU streng reguliert. Sie müssen wissenschaftlich belegt und von der Europäischen Kommission zugelassen sein. Für Rhodiola Rosea L.-Extrakt wurde die Angabe "trägt zur Verringerung von Müdigkeit in Stresssituationen bei" von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) geprüft.
Die EFSA kam zu dem Schluss, dass kein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen der Aufnahme dieses Extraktes und der Verringerung geistiger Müdigkeit besteht.
Diese Aussage ist damit irreführend und verboten. Wenn in Rhodiola-Produkten dennoch positive Effekte auf die Psyche oder das Nervensystem beworben werden, beziehen sich diese meist auf zugesetzte Vitamine, wie B1 und B6. Für diese Vitamine sind entsprechende gesundheitsbezogene Angaben wie "trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei" oder "trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei" zugelassen.
Unterschied zu pflanzlichen Arzneimitteln
Es ist wichtig, Nahrungsergänzungsmittel von pflanzlichen Arzneimitteln zu unterscheiden. Rhodiola Rosea ist in einigen Ländern, darunter Großbritannien, Österreich und Schweden, als pflanzliches Arzneimittel zugelassen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat 2024 eine Pflanzenmonografie für den Wurzelstock des Rosenwurz als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung von Stresssymptomen wie Müdigkeit und Erschöpfung veröffentlicht.
Traditionelle Anwendung vs. Wissenschaftlicher Beleg
Die Einstufung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel bedeutet, dass die Wirkung auf langjähriger traditioneller Anwendung beruht, nicht auf einem umfassenden Wirksamkeitsnachweis durch klinische Studien. Selbst hier ist die klinische Wirksamkeit nur begrenzt verlässlich. Bei Nahrungsergänzungsmitteln, deren Extrakte nicht standardisiert sind, kann daher kein vergleichbarer gesundheitlicher Nutzen erwartet werden.
Sicherheit und mögliche Risiken
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat bisher kein Gefährdungspotenzial bei Tagesdosen von 100 bis 1.800 mg Extrakt aus den verfügbaren Humanstudien abgeleitet. Trotzdem gibt es klare Empfehlungen, wer Rhodiola-Extrakte meiden sollte.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Sollten Rhodiola-Extrakte nicht verzehren.
- Kinder und Jugendliche: Unter 18 Jahren wird die Einnahme nicht empfohlen.
- Leber- und Nierenfunktion: Bei eingeschränkter Funktion ist besondere Vorsicht geboten, da keine ausreichenden Erfahrungen vorliegen.
Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
Obwohl die Verträglichkeit einer bestimmten Dosis und die Einnahme über längere Zeiträume noch nicht ausreichend geklärt sind, wurden in Studien unerwünschte Wirkungen beobachtet:
- Magen-Darm-Beschwerden
- Mundtrockenheit
- Benommenheit
Besonders kritisch sind mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten. Die gleichzeitige Einnahme von Rhodiola und Antidepressiva kann zu Herzrhythmusstörungen führen. Rhodiola kann zudem den Blutdruck senken, was bei Personen mit niedrigem Blutdruck oder jenen, die blutdrucksenkende Medikamente einnehmen, zu Kreislaufproblemen und Schwindel führen kann. Auch eine Hypoglykämie (Unterzuckerung) ist möglich, insbesondere bei Diabetikern, die antihyperglykämische Medikamente einnehmen.
Gefahr durch Verunreinigungen
Ein Rückruf eines Rhodiola-Produkts durch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) im Jahr 2024 zeigte eine weitere Gefahr auf. Das Produkt, das auch in Deutschland online vertrieben wurde, enthielt neben korrekt deklariertem Rhodiola auch die verschreibungspflichtige Arzneisubstanz Nortadalafil, die nicht gekennzeichnet war und hochgradig gesundheitsgefährdend sein kann.
Alternative Wege zu mehr Wohlbefinden
Anstatt auf Nahrungsergänzungsmittel mit ungesicherter Wirkung und potenziellen Risiken zu setzen, gibt es bewährte Methoden, um Konzentration, Gedächtnis und Wohlbefinden zu fördern. Die Verbraucherzentralen geben hierzu klare Empfehlungen:
- Bewegung an der frischen Luft: Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert die Durchblutung und fördert die geistige Klarheit.
- Gehirnjogging: Sudoku, umgekehrte Texte lesen oder Gedächtnisspiele halten das Gehirn fit.
- Entspannungsübungen: Kurze Streck- oder Gähnübungen können zwischendurch helfen, Verspannungen zu lösen und die Konzentration zu steigern.
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Genug Wasser zu trinken ist entscheidend für die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit.
Diese einfachen Maßnahmen sind kostenlos, haben keine Nebenwirkungen und sind wissenschaftlich erwiesen, um die geistige und körperliche Verfassung zu verbessern. Sie bieten eine sichere und effektive Alternative zu umstrittenen Nahrungsergänzungsmitteln.





