Der globale Markt für Stablecoins wächst rasant. Im Jahr 2025 erreichte er einen Wert von über 300 Milliarden US-Dollar, ein Anstieg von 50 Prozent. Diese digitalen Währungen, die an traditionelle Währungen wie den US-Dollar gekoppelt sind, versprechen Effizienzgewinne, bergen aber auch Risiken für die Finanzstabilität. Experten fordern nun dringend eine Anpassung der Regulierung in Europa, um die digitale Souveränität zu sichern und das Finanzsystem zu schützen.
Wichtigste Erkenntnisse
- Der Stablecoin-Markt wuchs 2025 um 50 Prozent auf über 300 Milliarden US-Dollar.
- 99 Prozent der Stablecoins sind an den US-Dollar gekoppelt, was Europas finanzielle Souveränität gefährdet.
- Regulatorische Lücken, insbesondere bei global agierenden Emittenten, stellen ein Ansteckungsrisiko dar.
- Die Förderung europäischer Stablecoins und die Entwicklung des digitalen Euro sind entscheidend.
- Abwanderung von Bankeinlagen zu Stablecoin-Emittenten könnte die Kreditvergabe der Banken schwächen.
Stablecoins: Chancen und Risiken im Überblick
Stablecoins sind digitale Vermögenswerte, deren Wert in der Regel im Verhältnis 1:1 an eine Zentralbankwährung gebunden ist. Ihre Stabilität wird durch Reserven in sicheren und liquiden Anlagen wie Staatsanleihen oder Bankeinlagen gewährleistet. Diese Technologie, oft in Verbindung mit der Distributed Ledger Technologie (DLT), ermöglicht effizientere Zahlungs- und Abwicklungsprozesse. Besonders bei grenzüberschreitenden Transaktionen könnten Stablecoins einen erheblichen Mehrwert bieten, da Geld- und Vermögenstransfers automatisiert ablaufen können.
Die DLT speichert Transaktionsdaten dezentral über mehrere Netzwerkteilnehmer. Dies unterscheidet sie von zentralen Datenbanken, wie sie beispielsweise von Banken genutzt werden. Die Tokenisierung von Vermögenswerten auf einer DLT-Umgebung ermöglicht die automatisierte und gleichzeitige Übertragung von Vermögenswerten gegen Zahlung. Dies kann Prozesse beschleunigen und Kosten senken.
Fakten zum Stablecoin-Markt
- Marktwachstum 2025: 50 Prozent
- Gesamtwert 2025: Über 300 Milliarden US-Dollar
- Anteil US-Dollar-gekoppelter Stablecoins: Rund 99 Prozent
Drei Risiken für die Finanzstabilität
Trotz der potenziellen Vorteile bergen Stablecoins, insbesondere wenn sie von Nicht-Banken emittiert werden, erhebliche Risiken für das Finanzsystem. Michael Theurer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, hebt drei zentrale Risikobereiche hervor, die dringend adressiert werden müssen.
1. Ansteckungsrisiken bei Vertrauenskrisen
Ein wesentliches Risiko ist die Möglichkeit von Ansteckungseffekten bei einem Vertrauensverlust. Sollten Zweifel an der Wertstabilität eines Stablecoins aufkommen, könnten viele Inhaber gleichzeitig versuchen, ihre Stablecoins in Fiat-Währung umzutauschen. Eine solche Rückgabewelle könnte Turbulenzen auf den global vernetzten Wertpapier- und Geldmärkten auslösen. Dies hätte wiederum Ansteckungsrisiken für das traditionelle Bankensystem zur Folge.
Die Europäische Union hat mit der Verordnung zur Regulierung der Kryptomärkte (MiCAR) bereits einen Rahmen geschaffen, um diesen Risiken zu begegnen. Angesichts der dynamischen Entwicklung der Märkte muss dieser Rahmen jedoch kontinuierlich überprüft und angepasst werden. Aktuell gibt es noch regulatorische Grauzonen, besonders bei global tätigen Unternehmen, die Stablecoins sowohl in der EU als auch in Drittstaaten emittieren.
"Die Bundesbank setzt sich dafür ein, dass solche Konstellationen als rechtlich unzulässig eingestuft werden, solange die damit verbundenen zusätzlichen Finanzstabilitätsrisiken nicht durch eine Anpassung der MiCAR regulatorisch angemessen adressiert sind."
Problematisch ist, dass eine EU-Einheit eines Stablecoin-Emittenten gemäß MiCAR alle bei ihr zurückgegebenen Stablecoins umtauschen muss, auch solche, die außerhalb der EU emittiert wurden. Unterschiedliche Rücknahmeregeln, etwa bei Gebühren, könnten in einer Krise einen Ansturm auf die nur anteilig vorgehaltenen EU-Reserven auslösen. Dies würde das EU-Finanzsystem erheblich gefährden.
MiCAR: Ein europäischer Regulierungsrahmen
MiCAR (Markets in Crypto-Assets Regulation) ist ein umfassender Regulierungsrahmen der EU für Kryptomärkte. Sie zielt darauf ab, Verbraucher zu schützen, die Finanzstabilität zu gewährleisten und Innovationen im Kryptobereich zu fördern. MiCAR ist die erste ihrer Art weltweit und setzt Standards für die Ausgabe und den Handel von Krypto-Assets, einschließlich Stablecoins.
2. Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern
Ein weiteres Problem ist die derzeitige Dominanz des US-Dollars im Stablecoin-Bereich. Rund 99 Prozent aller Stablecoins sind an den US-Dollar gekoppelt. Dies könnte Europas finanzielle Souveränität weiter schwächen und zu einer erhöhten Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern führen. Um dem entgegenzuwirken, sind wettbewerbsfähige europäische und Euro-denominierte Stablecoins dringend erforderlich.
Gleichzeitig arbeitet die Bundesbank im Rahmen des Eurosystems an der Einführung eines digitalen Zentralbankgeldes. Dieses digitale Euro-System soll eine ausfallsichere Alternative zu Stablecoins für Großbetragszahlungen zwischen Banken bieten. Es könnte die Basis für eine stärkere europäische digitale Souveränität legen.
3. Schwächung der Banken als Finanzierungsquelle
Der Aufstieg von Stablecoins könnte die Rolle der Banken als zentrale Finanzierungsquelle der Wirtschaft beeinträchtigen. Wenn Bankeinlagen in großem Umfang zu Stablecoin-Emittenten abwandern, verlieren die Banken eine wichtige Finanzierungsbasis. Dies könnte ihre Fähigkeit zur Kreditvergabe erheblich einschränken.
Zwar müssen Emittenten ihre Reserven teilweise als Einlagen im Bankensystem halten. Diese Einlagen wären jedoch potenziell teurer, konzentrierter und volatiler als traditionelle Bankeinlagen von Privatkunden. Sie gelten als weniger stabile Großguthaben, die bei Marktturbulenzen schnell abgezogen werden könnten. Entsprechend unterliegen sie in der Bankenregulierung höheren Liquiditätsanforderungen. Eine Folge wäre ein Rückgang der Kreditvergabe durch die betroffenen Banken.
Als Ergänzung zu Stablecoins sollten perspektivisch tokenisierte Bankeinlagen weiterentwickelt werden. Dies sind digitale Abbildungen realer Vermögenswerte. Sie könnten dazu beitragen, Innovation zu ermöglichen und gleichzeitig die Stabilität des Finanzsystems zu sichern.
Fazit: Handlungsbedarf für Europas digitale Zukunft
Um Innovationen zu fördern und gleichzeitig die Stabilität des Finanzsystems zu gewährleisten, ist es entscheidend, regulatorische Lücken konsequent zu schließen. Die Förderung wettbewerbsfähiger europäischer Stablecoins und die zügige Entwicklung des digitalen Euro sind unerlässlich. Nur so kann der Weg für mehr europäische digitale Souveränität geebnet werden und Europa seine Position im globalen Finanzsystem behaupten.
Die Herausforderungen sind komplex, erfordern aber entschlossenes Handeln. Die Zukunft des digitalen Finanzwesens in Europa hängt maßgeblich davon ab, wie schnell und effektiv auf diese Entwicklungen reagiert wird.





