Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer wichtigen Entscheidung: Soll sie auf die aktuell leicht unter dem Zielwert liegende Inflationsrate reagieren oder weiterhin eine „Politik der ruhigen Hand“ beibehalten? Der EZB-Rat verfolgt seit Längerem das Ziel einer Inflationsrate von 2 Prozent, um Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten. Jüngste Daten zeigen eine Rate von 1,7 Prozent im Januar 2026, was Fragen zur künftigen geldpolitischen Ausrichtung aufwirft.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Inflation im Euroraum liegt mit 1,7 Prozent leicht unter dem EZB-Ziel von 2 Prozent.
- Die EZB legt Wert auf mittelfristige Preisstabilität und nicht auf kurzfristige Schwankungen.
- Langfristige Inflationserwartungen sind stabil bei 2 Prozent verankert.
- Die Kerninflation, ohne Energie und Nahrungsmittel, zeigt einen moderaten Rückgang.
- Die geldpolitische Transmission funktioniert wie erwartet.
Das 2-Prozent-Ziel der EZB
Das primäre Ziel der Zentralbanken im Euroraum ist die Gewährleistung von Preisstabilität. Dies ist in den Europäischen Verträgen festgeschrieben. Der EZB-Rat hat dieses Ziel im Jahr 2025 konkretisiert und bestätigt: Eine mittelfristige Inflationsrate von 2 Prozent gilt als optimal, um Preisstabilität zu sichern. Dieses Ziel wird als symmetrisch betrachtet, was bedeutet, dass sowohl negative als auch positive Abweichungen unerwünscht sind.
Die Geldpolitik wirkt nicht sofort. Ähnlich einer Fußbodenheizung, die Zeit braucht, um einen Raum zu erwärmen, entfalten Zinsänderungen ihre volle Wirkung erst nach etwa zwölf bis achtzehn Monaten. Kurzfristige Inflationsschwankungen, insbesondere solche, die durch externe Faktoren wie Energie- oder Nahrungsmittelpreise verursacht werden, führen daher nicht automatisch zu einer sofortigen Reaktion der EZB.
Faktencheck Inflation
- Zielwert: 2 Prozent mittelfristig
- Januar 2026: 1,7 Prozent (erste Schätzung)
- Dezember 2020: -0,3 Prozent
- Oktober 2022: 10,6 Prozent (Höhepunkt des Anstiegs)
Geldpolitische Instrumente und ihre Anwendung
Die Leitzinsen sind das wichtigste Instrument des Eurosystems zur Steuerung der Geldpolitik. Der Einlagesatz, der derzeit bei 2 Prozent liegt, spielt hierbei eine zentrale Rolle. Bei ihren Zinsentscheidungen berücksichtigt die EZB drei Hauptfaktoren:
- Die Einschätzung der Inflationsaussichten auf Basis verfügbarer Wirtschafts- und Finanzdaten.
- Die Entwicklung der zugrunde liegenden Inflation.
- Die Stärke der geldpolitischen Transmission.
Die Inflationsaussichten basieren auf umfangreichen gesamtwirtschaftlichen Projektionen. Dabei werden nicht nur Punktprognosen erstellt, sondern auch Risikoszenarien analysiert, um mögliche zukünftige Entwicklungen abzubilden.
"Wir drehen nicht bei jeder Laune des Wetters am Regler, sondern steuern vorausschauend – mit Blick auf das Ganze und die mittlere Frist."
Was ist die zugrunde liegende Inflation?
Die zugrunde liegende Inflation misst den dauerhaften Inflationsdruck, der über vorübergehende Schwankungen hinausgeht. Ein wichtiges Maß hierfür ist die Kerninflation, die Energie- und Nahrungsmittelpreise ausschließt. Diese Komponenten sind oft sehr volatil und würden die Einschätzung des langfristigen Trends verzerren.
Aktuelle Entwicklung und Ausblick
Nach einem starken Inflationsschub, der von minus 0,3 Prozent im Dezember 2020 auf einen Höhepunkt von 10,6 Prozent im Oktober 2022 anstieg, hat die EZB entschlossen reagiert. Zwischen Juli 2022 und September 2023 wurden die Leitzinsen zehn Mal angehoben, wobei der Einlagesatz von minus 0,5 Prozent auf 4 Prozent stieg. Diese Maßnahmen trugen maßgeblich dazu bei, die Inflationsrate wieder in die Nähe des Zielwerts zu bringen.
Die Projektionen der Eurosystem-Fachleute vom Dezember 2025 prognostizieren eine Inflationsrate von 1,9 Prozent für 2026 und 1,8 Prozent für 2027, bevor sie 2028 wieder auf 2 Prozent steigt. Dies bedeutet, dass die 2-Prozent-Marke in den kommenden beiden Jahren leicht unterschritten werden könnte, aber mittelfristig das Ziel erreicht wird.
Die Rolle der Kerninflation
Die Kerninflationsrate lag im Dezember 2025 bei 2,3 Prozent und sank im Januar 2026 auf 2,2 Prozent. Die Prognosen deuten darauf hin, dass sie 2027 auf 1,9 Prozent fallen und 2028 wieder auf 2,0 Prozent steigen wird. Dies bestätigt die Einschätzung, dass Preisstabilität mittelfristig gewährleistet ist.
Besonders der Dienstleistungssektor zeigt weiterhin einen starken Preisauftrieb, der vor allem durch hohe Lohnsteigerungen angetrieben wird. Die Prognosen gehen von einem Lohnwachstum von rund 3 Prozent in den kommenden Jahren aus.
Wichtige Inflationswerte
- Kerninflation Dez. 2025: 2,3 Prozent
- Kerninflation Jan. 2026: 2,2 Prozent
- Prognose Kerninflation 2028: 2,0 Prozent
- Prognose Lohnwachstum: ca. 3 Prozent
Stärke der geldpolitischen Transmission
Die Bundesbank analysiert regelmäßig die Wirkung der geldpolitischen Maßnahmen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich sowohl Zinserhöhungen als auch Zinssenkungen weitestgehend im Einklang mit historischen Mustern auf die Finanzierungsbedingungen von Unternehmen und Haushalten übertragen haben. Es gibt derzeit keinen Grund, von einer grundlegend veränderten geldpolitischen Transmission auszugehen.
Dies bedeutet, dass die von der EZB vorgenommenen Zinsanpassungen die gewünschte Wirkung auf die Wirtschaft entfalten und somit ein wichtiges Kriterium für die Effektivität der Geldpolitik erfüllt ist.
Fazit: Eine ruhige Hand ist gefragt
Angesichts der aktuellen Daten und Prognosen spricht vieles dafür, dass das derzeitige Zinsniveau angemessen ist. Die leichte Unterschreitung des Inflationsziels ist kurzfristig und gering. Mittelfristig wird die Inflation voraussichtlich wieder bei 2 Prozent liegen, und die langfristigen Inflationserwartungen sind fest verankert.
Die Politik der ruhigen Hand, die seit Sommer 2025 verfolgt wird, hat sich bewährt. Auch wenn die Inflationsrate in den kommenden Quartalen etwas unter dem Zielwert liegen könnte, besteht derzeit kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Die EZB wird die Daten weiterhin aufmerksam beobachten und ist bereit, ihre geldpolitische Ausrichtung bei Bedarf anzupassen.





