Europa hat einen bedeutenden Meilenstein in der Energiewende erreicht: Die installierte Kapazität für Energiespeicher überschreitet diesen Monat voraussichtlich 100 Gigawatt (GW). Diese Entwicklung unterstreicht die wachsende Bedeutung von Speichertechnologien für die Integration erneuerbarer Energien und die Stabilität der Stromnetze auf dem Kontinent.
Wichtige Erkenntnisse
- Europa überschreitet 100 GW kumulative Energiespeicher-Kapazität.
- Pumpspeicherwerke dominieren weiterhin, doch elektrochemische Speicher wachsen rasant.
- Deutschland und Italien führen bei der Installation von Heimspeichern.
- Prognosen zeigen ein Wachstum von 115 % bis 2030.
- Speichertechnologien sind entscheidend für die Netzstabilität und Kostensenkung.
Ein Meilenstein für die europäische Energiewende
Anfang November lag die installierte Energiespeicher-Kapazität in der EU, dem Vereinigten Königreich, Norwegen und Schweden bei 99,3 GW. Experten gehen davon aus, dass die 100-GW-Marke noch vor Dezember überschritten wird. Dies ist ein klares Zeichen für das schnelle Wachstum dieses Sektors.
Die Analyse, die von LCP Delta und Energy Storage Europe (ehemals European Association for Storage of Energy, EASE) im Rahmen ihres jährlichen European Market Monitor on Energy Storage (EMMES) veröffentlicht wurde, zeigt die aktuelle Lage und zukünftige Prognosen.
Faktencheck: Energiespeicher in Europa
- Kumulierte Kapazität (Anfang November): 99,3 GW
- Prognose für Dezember: Über 100 GW
- Dominierende Technologie: Pumpspeicher (53,6 GW)
- Zweitgrößte Technologie: Elektrochemische Speicher (44,8 GW)
- Neuanlagen 2024 (alle Technologien): 11,9 GW / 21,1 GWh
Technologische Landschaft und Wachstumstreiber
Die Energiespeicherlandschaft in Europa wird weiterhin von Pumpspeicherkraftwerken (PHES) dominiert. Sie machen 53,6 GW der kumulierten Installationen aus, wobei dieses Jahr 500 MW neue Projekte in Belgien und Österreich in Betrieb genommen wurden.
An zweiter Stelle stehen elektrochemische Speicher mit 44,8 GW. Dieser Sektor verzeichnete in diesem Jahr einen Zuwachs von 4 GW. Hinzu kommen 0,55 GW an großen thermischen Energiespeichern (TES) und 0,35 GW an anderen Technologien.
„Energiespeicherung ist Europas am schnellsten wachsende saubere Technologie und hat das Potenzial, zum Motor der europäischen Wettbewerbsfähigkeit auf internationaler Ebene zu werden.“
Jacopo Tosoni, Leiter der Politikabteilung bei Energy Storage Europe
Die Rolle von Batteriespeichersystemen (BESS)
Besonders die Batteriespeichersysteme (BESS) zeigen ein aggressives Wachstum. Zwischen 2020 und 2030 werden voraussichtlich weitere 128 GW / 300 GWh an elektrochemischen Speichern in die europäischen Netze integriert. Die jährliche Installationsrate wird bis Ende des Jahrzehnts auf 20 GW bis 25 GW ansteigen.
Der Höhepunkt der Installationen wird für 2026 erwartet, mit über 15 GW an neuen Anlagen. Dies ist auf Förderprogramme in einzelnen Ländern und das EU-Programm für Aufbau- und Resilienzfazilitäten zurückzuführen. Nach einem leichten Rückgang im Jahr 2027 wird dieses Niveau voraussichtlich auch in den Jahren 2028, 2029 und 2030 wieder erreicht.
Dezentrale Speicher versus Großanlagen
Im Gegensatz zu den USA, wo große netzgekoppelte Anlagen (Front-of-the-Meter, FTM) oft den Markt dominieren, übertreffen in Europa die dezentralen, kundennahen Installationen (Behind-the-Meter, BTM) weiterhin die FTM-Anlagen. Bis Anfang November erreichten BTM-Installationen 27,8 GW, während FTM bei 17 GW lagen.
Im laufenden Jahr wurden 7,3 GW BTM-Kapazität und 4,1 GW FTM-Kapazität hinzugefügt. Obwohl die Gigawatt-Stunden-Kapazitäten sehr ähnlich sind – 11 GWh FTM gegenüber 10,6 GWh BTM in den ersten zehn Monaten des Jahres – zeigt dies die Stärke des dezentralen Marktes.
Hintergrund: BTM und FTM Speicher
Behind-the-Meter (BTM)-Speicher sind Anlagen, die direkt beim Endverbraucher installiert werden, wie z.B. Heimspeicher oder Batteriesysteme in Unternehmen. Sie dienen oft der Eigenverbrauchsoptimierung oder der Notstromversorgung.
Front-of-the-Meter (FTM)-Speicher sind große, netzgekoppelte Anlagen, die direkt am Stromnetz angeschlossen sind und der Netzstabilisierung, der Bereitstellung von Systemdienstleistungen oder der Glättung von erneuerbaren Energiequellen dienen.
Wachstum im Heimspeicher-Segment
Das Segment der Heimspeicher hat aufgrund von Förderprogrammen und steigenden Strompreisen ein erhebliches Wachstum erfahren. Europa zählt mittlerweile 18 Millionen Solardächer und vier Millionen Haushalte mit Batteriesystemen. Deutschland führt mit 2,1 Millionen installierten Heimspeichern, gefolgt von Italien (780.000) und dem Vereinigten Königreich (280.000). Diese Länder sind auch führend bei der Einführung von privaten Solar-PV-Anlagen.
Obwohl höhere Kreditkosten und Lebenshaltungskosten die Nachfrage im Jahr 2024 gedämpft haben, sehen Experten die Unsicherheit bei den Strompreisen als Haupttreiber für Aktivitäten bis 2030. Ab 2027 wird eine Erholung des privaten Solarmarktes erwartet, was auch die Heimspeicherzahlen wieder ansteigen lassen sollte.
Gewerbliche und industrielle Speicher (C&I)
Das C&I-Segment (Gewerbe und Industrie) war bisher das langsamste Wachstumssegment, zeigt aber in den letzten Monaten eine stetige Entwicklung. Für dieses Jahr werden Installationen zwischen 500 MW und 600 MW erwartet, ähnlich wie im Vorjahr.
Experten prognostizieren jedoch, dass das jährliche Installationsvolumen bis 2030 die Gigawatt-Marke überschreiten wird. Dieser Trend wird von Unternehmen angetrieben, die Energiekosten senken, die betriebliche Effizienz verbessern und die Nutzung erneuerbarer Energien maximieren möchten. C&I-Speicher werden zunehmend zu einer Mainstream-Lösung für Unternehmen.
Politische Rahmenbedingungen und zukünftige Aussichten
Die Notwendigkeit einer engagierten Politik ist unbestreitbar. Silvestros Vlachopoulos, Leiter für Energiespeicherung bei LCP Delta, betont die Bedeutung, Investoren und Entwickler weiterhin zu motivieren und die richtigen politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Flexibilität zu gewährleisten, die Europa für seine Ziele bis 2030 benötigt.
Das Erreichen von 100 GW installierter Speicherkapazität ist ein Wendepunkt für den Markt. Es schafft nicht nur mehr Raum für erneuerbare Energien im heutigen Netz, sondern bereitet auch den Boden für ein noch schnelleres Wachstum in den kommenden Jahren. Die Prognose von 115 % Wachstum bis 2030 verdeutlicht das immense Potenzial.
Kosten der Netzüberlastung
Im Jahr 2022 kostete die Neuverteilung von Energie zur Bewältigung von Netzüberlastungen Europa rund 5 Milliarden Euro.
Ohne weitere Flexibilität könnten diese Kosten laut Projektionen der Europäischen Kommission bis 2040 auf 103 Milliarden Euro steigen.
Mehr Speicherkapazität ist keine Option, sondern eine strategische Notwendigkeit.
Jacopo Tosoni von Energy Storage Europe hebt hervor, dass Energiespeicher mit den richtigen politischen Maßnahmen die Nutzung der heimischen grünen Energie maximieren und gleichzeitig die Rechnungen für Haushalte und Industrie senken können. Angesichts der potenziell explodierenden Kosten für die Netzverwaltung ohne ausreichende Flexibilität, ist der Ausbau von Speicherkapazitäten von entscheidender Bedeutung.
Die jüngste EMMES 9.5-Prognose geht davon aus, dass die kumulierte Kapazität bis 2030 215 GW übersteigen wird, wovon etwa 160 GW auf Batteriespeicher entfallen. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass Europa am Anfang einer massiven Expansion im Bereich der Energiespeicherung steht.





