Der österreichische Motorradhersteller KTM steht erneut im Fokus der Öffentlichkeit. Eine internationale Recherche unter der Leitung der NGO Climate Whistleblowers wirft dem Unternehmen vor, Sportenduros der EXC-Baureihe mit mehr Leistung als erlaubt zu verkaufen. Dies würde zu erhöhten Abgas- und Geräuschemissionen führen und die Straßenzulassung der Maschinen infrage stellen. KTM weist die Vorwürfe zurück und betont, dass die Motorräder gedrosselt an die Händler ausgeliefert werden.
Wichtige Punkte
- KTM wird vorgeworfen, Sportenduros mit zu hoher Leistung zu verkaufen.
- Internationale Medien recherchierten die Anschuldigungen der NGO Climate Whistleblowers.
- KTM bestreitet die Vorwürfe und verweist auf die Auslieferung gedrosselter Modelle.
- Händler sollen entdrosselte Motorräder mit Papieren der gedrosselten Version verkauft haben.
- Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat einen Antrag auf behördliches Einschreiten beim KBA gestellt.
Die Vorwürfe: Mehr Leistung als erlaubt?
Die Anschuldigungen sind ernst: KTM soll seine Sportenduros der EXC-Reihe mit einer Leistung auf den Markt bringen, die über der homologierten Spezifikation liegt. Dies bedeutet, dass die Motorräder im ungedrosselten Zustand höhere Abgas- und Geräuschemissionen aufweisen, als es die Straßenzulassung erlaubt. Die Recherche wurde von der in Paris ansässigen NGO Climate Whistleblowers koordiniert und von namhaften Medien wie dem Spiegel, Le Monde, El País, dem ZDF und dem ORF in sechs europäischen Ländern veröffentlicht.
KTM ist der größte Hersteller von Enduros, aber die Problematik betrifft potenziell alle Hersteller von Wettbewerbsenduros. Die FIM, die oberste Motorradsportbehörde, verlangt für viele Enduro-Wettbewerbe eine Straßenzulassung. Dies ist notwendig, da Streckenabschnitte oft über öffentliche Straßen führen. Für eine solche Zulassung müssen die Motorräder jedoch stark gedrosselt sein, um die gesetzlichen Emissions- und Lärmvorschriften einzuhalten.
Faktencheck: Drosselung
Um eine Straßenzulassung zu erhalten, müssen Sportenduros oft um zwei Drittel oder mehr ihrer ursprünglichen Leistung gedrosselt werden. Ein Beispiel sind Motorräder für den A2-Führerschein, die von bis zu 95 PS (70 kW) auf 48 PS (35 kW) reduziert werden.
KTMs Stellungnahme und die Rolle der Händler
KTM hat die Vorwürfe in einer Stellungnahme klar zurückgewiesen. Das Unternehmen erklärt, dass es die für den Wettbewerb konzipierten Modelle nur im gedrosselten Zustand, entsprechend der Homologation, an die Händler ausliefert. Die Verantwortung für eine mögliche Entdrosselung läge demnach bei den Händlern oder den Käufern selbst.
Die Recherchen der Journalisten deuten darauf hin, dass Händler auf Wunsch der Kunden die Entdrosselung der Sportenduros vornehmen. Dabei sollen die Kunden darauf hingewiesen werden, dass durch die Entdrosselung die Straßenzulassung erlischt und das Fahrzeug nicht mehr im öffentlichen Straßenverkehr genutzt werden darf. Dies lassen sich die Händler laut Berichten sogar schriftlich bestätigen.
„Die Händler weisen darauf hin, dass durch die Entdrosselung die Straßenzulassung erlischt und das Fahrzeug nicht mehr im öffentlichen Straßenverkehr verwendet werden darf.“
Konsequenzen für Fahrer
Wer ein leistungsgesteigertes Fahrzeug ohne entsprechende Eintragung bei einer Prüforganisation wie dem TÜV im Straßenverkehr bewegt, handelt illegal. Dies kann strafrechtliche Folgen haben und zum Verlust des Versicherungsschutzes führen. Climate Whistleblowers möchte jedoch den Hersteller für die Taten seiner Kunden haftbar machen, möglicherweise im Sinne der Beihilfe oder Mittäterschaft.
Einschreiten der Deutschen Umwelthilfe
Im Zuge der Berichterstattung hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) am 8. Juni beim Kraftfahrtbundesamt (KBA) einen Antrag auf behördliches Einschreiten gegen KTM gestellt. Die DUH wirft dem österreichischen Motorradhersteller vor, eine Typgenehmigung für eine stark gedrosselte Variante seiner Enduro-Krafträder zu beantragen, obwohl diese Praxis nicht strafbar ist und auch von vielen anderen Herstellern angewendet wird.
Hintergrund: Homologation
Die Homologation ist ein Verfahren, bei dem ein Fahrzeugtyp auf seine Konformität mit nationalen und internationalen Vorschriften geprüft wird. Nur wenn alle Anforderungen erfüllt sind, erhält das Fahrzeug eine Typgenehmigung und darf in den Verkehr gebracht werden.
Die Rolle des ICCT und die Zweitakt-Debatte
Das International Council on Clean Transportation (ICCT) beauftragte die „Faculty of Engineering“ der Tschechischen Universität für Lebenswissenschaften Prag mit der Untersuchung einer ungedrosselten KTM 300 EXC. Die Ergebnisse waren alarmierend: Die Maschine soll so viel Kohlenmonoxid ausgestoßen haben wie eine „tonnenschwere alte Diesellok“.
Kritiker bemängeln, dass in dieser Berichterstattung oft nicht erwähnt wird, dass die KTM 300 EXC ein Zweitaktmotor ist. Zweitaktmotoren stoßen konstruktionsbedingt höhere Kohlenmonoxidwerte aus als Viertakter. Der Eindruck, dass dies auf alle EXC-Modelle zutreffen würde, obwohl die meisten davon Viertakter sind, könnte irreführend sein.
Die Debatte um KTMs Sportenduros zeigt die Komplexität der Vorschriften für Wettbewerbsfahrzeuge, die auch eine Straßenzulassung benötigen. Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen der Antrag der DUH und die weiteren Ermittlungen für den Hersteller und die Branche haben werden.





