Boston Dynamics hat auf der CES 2026 in Las Vegas die Serienversion seines humanoiden Roboters Atlas vorgestellt. Dieses Ereignis markiert einen wichtigen Schritt von der Forschung zum kommerziellen Einsatz. Der voll-elektrische Atlas, entwickelt unter dem Dach der Hyundai Motor Group (HMG), soll nun in großem Maßstab in industriellen Umgebungen eingesetzt werden.
Wichtige Erkenntnisse
- Boston Dynamics hat die serienreife Version des Atlas-Roboters auf der CES 2026 präsentiert.
- Der Roboter ist rein elektrisch und für industrielle Aufgaben konzipiert, nicht für menschliche Nachahmung.
- Hyundai Motor Group plant den Einsatz von Atlas-Robotern in ihren Werken ab 2028.
- Google DeepMind integriert seine Gemini Robotics Modelle in die Atlas-Plattform.
- Eine neue Fabrik mit einer Kapazität von 30.000 Einheiten pro Jahr ist geplant.
Vom Labor in die Fabrik: Eine neue Ära für Atlas
Jahrelang war Boston Dynamics bekannt für spektakuläre Videos von Robotern, die Parkour betreiben oder Rückwärtssaltos schlagen. Auf der CES 2026 wurde nun deutlich, dass sich der Fokus des Unternehmens verschoben hat. Unter dem Motto "Partnering Human Progress" enthüllten Hyundai Motor Group und Boston Dynamics die offizielle Produktionsversion des Atlas. Dies bedeutet einen Übergang von einem Forschungsprojekt zu einem Werkzeug für die Industrie.
Die Entscheidung, den Atlas in Serie zu produzieren, zeigt, dass Hyundai die massive Fertigungsinfrastruktur nutzen will. Ziel ist es, Roboter in einem Umfang einzusetzen, der bisher Fahrzeugen vorbehalten war. Dieser Schritt unterstreicht das Engagement beider Unternehmen, die Robotik in die industrielle Praxis zu integrieren.
Das "außerirdische" Design und seine Funktion
Das auffälligste Merkmal des Produktions-Atlas ist sein bewusst nicht-menschliches Aussehen. Während andere Hersteller Roboter entwickeln, die Menschen ähneln, um die Fernsteuerung zu erleichtern, setzt Boston Dynamics auf eine "außerirdische" oder "superhumanoide" Ästhetik. Das Team erklärte auf der CES, dass der kreisförmige Kopf und das "Gesicht" des Roboters signalisieren sollen, dass Atlas ein hilfreicher Roboter ist und keine Person.
Der Roboter verfügt über nach innen gebogene Beine und Gelenke, die eine kontinuierliche 360-Grad-Rotation ermöglichen. Mario Bollini, Produktmanagement-Leiter für Atlas, betonte, dass die humanoide Form im Wesentlichen ein Softwareproblem sei. Durch die Entkopplung der Hardware von menschlichen Skelettgrenzen kann Atlas seinen Oberkörper drehen oder seine Beine umkehren, um auch in engen Fabrikumgebungen zu navigieren.
Atlas in Zahlen
- Größe: 1,9 Meter
- Gewicht: 90 Kilogramm
- Freiheitsgrade: 56
- Tragfähigkeit: 50 kg (momentan), 30 kg (dauerhaft)
- Akkulaufzeit: ca. 4 Stunden (über zwei selbstwechselnde Akkus)
- Widerstandsfähigkeit: IP67-zertifiziert (wasserfest), Betrieb von -20°C bis 40°C
Zach Jackowski, Vizepräsident von Atlas, erläuterte, dass das "Aufstehen" des Roboters, das übernatürlich wirken mag, die stabilste und effizienteste Methode für die Maschine ist, sich vom Boden zu erheben. Für den Dauerbetrieb ist Atlas darauf ausgelegt, autonom zu einer Ladestation zu fahren und seine Batterien ohne menschliches Eingreifen zu wechseln.
Robustheit und Wartungsfreundlichkeit
Die Hardware des Atlas ist auf Langlebigkeit und einfache Wartung ausgelegt. Laut Bollini verwendet der Roboter nur zwei einzigartige Aktuatordesigns. Dies minimiert die Komplexität der Lieferkette. Ein Techniker kann ein Glied in weniger als fünf Minuten austauschen. Diese modulare Bauweise ist entscheidend für den industriellen Einsatz, wo Ausfallzeiten minimiert werden müssen.
Die Hände des Atlas spiegeln ebenfalls die Philosophie "Funktion vor Form" wider. Während frühere Analysen von einem Drei-Finger-Greifer ausgingen, der mechanische Fehler minimieren sollte, verfügt die jetzt präsentierte Version über einen Vier-Finger-Greifer. Dieser besteht aus drei Fingern und einem gegenüberliegenden Daumen. Diese Konfiguration soll die optimale Balance für Zuverlässigkeit bei anspruchsvollen industriellen Aufgaben bieten, wie dem Sortieren von Teilen oder der Maschinenbedienung. Die Finger und Handflächen sind zudem mit taktilen Sensoren ausgestattet.
Die Intelligenz hinter Atlas: System 1 / System 2 und Gemini-Integration
Die Steuerung des Atlas hat sich stark weiterentwickelt. Statt einer klassischen Schichtenarchitektur nutzt das neue System eine Aufteilung in System 1 und System 2. System 1, das "Kleinhirn", übernimmt hochfrequente Balance- und Motordrehmomente. System 2, das "Gehirn", verarbeitet visuelle Daten für die abstrakte Aufgabenplanung.
Ein Höhepunkt der CES-Ankündigung war die Vertiefung der Partnerschaft mit Google DeepMind. Nach der Einstellung des ehemaligen CTO Aaron Saunders integriert DeepMind seine Gemini Robotics Modelle in die Atlas-Plattform. Demis Hassabis, CEO von DeepMind, bestätigte, dass die ersten Atlas-Flotten in den kommenden Monaten an Google und Hyundai ausgeliefert werden. Sie sollen als ultimative Testumgebungen für "Physische KI" dienen.
„Wir können es kaum erwarten, unsere Hände an die großartigen neuen Atlas-Roboter von Boston Dynamics zu bekommen und sie mit unseren hochmodernen Gemini Robotics Modellen zu kombinieren!“
Der Fahrplan zu 30.000 Einheiten und die Rolle von Hyundai
Hyundai ist nicht nur Mutterkonzern, sondern auch der erste und größte Kunde für den Atlas. Der Konzern kündigte an, dass Atlas bis 2028 im Hyundai Motor Group Metaplant America (HMGMA) in Georgia für Sequenzierungsaufgaben eingesetzt wird. Das Herzstück dieser Bereitstellung ist das neu angekündigte Robot Metaplant Application Center (RMAC).
RMAC: Die Datenfabrik für humanoide Roboter
Das RMAC wird als "Datenfabrik" beschrieben. Es soll den weltweit umfassendsten Datensatz für das Training humanoider Fertigungsfähigkeiten aufbauen. Dieses Zentrum wird der Motor für den Einsatz von Zehntausenden Robotern in HMG-Anlagen weltweit sein.
Um dies zu unterstützen, bauen HMG und Boston Dynamics eine neue Roboterfabrik. Diese soll jährlich 30.000 Atlas-Roboter produzieren können. Während die Produktion für 2026 bereits vollständig für interne HMG- und Google DeepMind-Pilotprojekte verplant ist, plant das Unternehmen, 2027 Bestellungen für weitere Early Adopters zu öffnen.
Interessanterweise gaben die Teams auf der CES zu, dass der auf der Bühne vorgeführte Roboter ein Forschungsprototyp war. Dieser wurde von einem Field Applications Engineer (FAE) gesteuert, um den öffentlichen Auftritt "einfach zu halten". Die eigentlichen Produktionseinheiten waren angeblich zu wertvoll, um sie "den Ingenieuren aus den Händen zu reißen". Dennoch wurde der autonome Materialtransport bereits in Feldtests bei HMGMA erfolgreich erprobt.
Realitätscheck für die "Phase Eins" der Robotik
Trotz der beeindruckenden Präsentation auf der CES bleiben die Führungskräfte von Boston Dynamics realistisch. Sie erkennen an, dass die Branche sich noch in Phase Eins befindet. Diese Phase ist geprägt von der mühsamen Aufgabe, die Zuverlässigkeit der Hardware zu beweisen. Die "industrielle Revolution", die Atlas verspricht, hängt davon ab, ob diese "außerirdischen" Maschinen das Moravec'sche Paradoxon der realen Welt bewältigen können.
Das bedeutet, sie müssen "langweilige und sich wiederholende" manuelle Arbeiten mit der gleichen Zuverlässigkeit von 99,9 % ausführen wie die starre Automatisierung, die sie ersetzen sollen. Bis 2028, wenn die erste Fabrik mit einer Kapazität von 30.000 Einheiten in Betrieb geht, wird sich zeigen, ob die humanoide Mission tatsächlich in Phase Zwei übergegangen ist. Der Erfolg von Atlas könnte ein Wendepunkt für die industrielle Automatisierung sein und die Art und Weise, wie wir über menschliche und robotische Arbeit denken, grundlegend verändern.




