Europa entwickelt sich rasch zu einem wichtigen Akteur in der Produktion humanoider Roboter. Sieben europäische Hersteller produzieren bereits Hardware in fünf Ländern. Das Besondere daran ist die enge Zusammenarbeit mit großen Industrieunternehmen, die nicht nur Kunden sind, sondern auch Zulieferer, Auftragsfertiger und oft sogar Anteilseigner.
Wichtige Erkenntnisse
- Sieben europäische Hersteller bauen humanoide Roboter.
- Industriegrößen wie Schaeffler, Bosch und Renault sind Kunden und Partner.
- Umfangreiche Investitionen von fast 2 Milliarden US-Dollar in den letzten 12 Monaten.
- Deutschland ist mit NEURA Robotics und Agile Robots führend.
- Der europäische Ansatz konzentriert sich auf spezifische industrielle Anwendungen.
Europas einzigartiger Ansatz in der Robotik
Während die USA und China den Markt für humanoide Roboter bisher dominierten, etabliert sich Europa mit einem eigenen Modell. Hier treiben nicht primär Risikokapitalgeber oder Massenproduktion die Entwicklung voran, sondern große Industrieunternehmen. Diese Unternehmen sind an der Entwicklung und Finanzierung der Roboter beteiligt, die sie später selbst einsetzen.
Ein Beispiel dafür ist die Schaeffler AG. Der deutsche Automobilzulieferer hat sich verpflichtet, bis 2035 eine mittlere vierstellige Anzahl von NEURA 4NE1-Einheiten einzusetzen. Gleichzeitig liefert Schaeffler die Aktuatoren für diese Roboter. Solche doppelten Vereinbarungen sind in Europa weit verbreitet und prägen die Branche.
Fakten zur europäischen Robotik
- 7 Hersteller: NEURA Robotics, Agile Robots, Hexagon, Humanoid, Wandercraft, Generative Bionics, UMA.
- 5 Länder: Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Schweden/Schweiz, Italien.
- ~2 Mrd. USD: Gesamtes Eigenkapital, das in den letzten 12 Monaten aufgebracht wurde.
Starke Partnerschaften treiben Innovation voran
Die Zusammenarbeit zwischen Roboterherstellern und großen Industriekonzernen ist ein Markenzeichen des europäischen Ansatzes. Bosch fertigt beispielsweise Roboter für Humanoid für den europäischen Markt und hat in deren Serie A investiert. Renault hält Anteile an Wandercraft und plant den Einsatz von 350 seiner Roboter.
BMW nutzt Hexagons AEON-Roboter in seinem Werk in Leipzig. Siemens, SAP und Fincantieri unterstützen ebenfalls europäische Entwickler mit Fabrik- oder Werftkapazitäten. Diese Art der Finanzierung und Entwicklung unterscheidet sich deutlich von den Modellen in den USA und China.
„Wir glauben nicht daran, einen universellen Roboter zu bauen und zu hoffen, dass Kunden herausfinden, wie sie ihn nutzen können.“
Wandercraft CEO über die Strategie
Deutschland: Zwei Schwergewichte im Fokus
NEURA Robotics, gegründet 2019 in Metzingen, hat sich zu einem der bekanntesten und bestkapitalisierten europäischen Unternehmen entwickelt. Mit rund 1.400 Mitarbeitern bietet NEURA eine breite Palette von Hardware an, darunter Cobot-Arme, mobile Plattformen und den humanoiden Roboter 4NE1. Das Unternehmen hat in einer Serie C bis zu 1,4 Milliarden US-Dollar erhalten, was die Bewertung auf rund 7 Milliarden US-Dollar bringen könnte.
Trotz eines Rückschlags bei einer Live-Demonstration im Juni 2026, bei der ein 4NE1 Gen 3.5 zusammenbrach, plant NEURA die Verfügbarkeit der Gen 3.5 bis Ende 2026. Das Unternehmen hat seine humanoide Forschung und Entwicklung nach Zürich verlagert und Europas größtes physisches KI-Trainingszentrum mit der TUM am Flughafen München eröffnet.
Agile Robots SE, ein 2018 gegründeter Ableger des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, ist mit etwa 3.200 Mitarbeitern das umsatzstärkere Unternehmen. Es hat etwa 1,5 Milliarden US-Dollar eingesammelt und erreichte 2021 den Status eines Unicorns. Der Umsatz lag 2025 bei rund 300 Millionen Euro und wird für 2026 auf etwa das Doppelte geschätzt. Agile Robots hat sich durch Akquisitionen, wie die von Franka Emika und der Automation Engineering Einheit von thyssenkrupp, vergrößert. Der humanoide Roboter Agile ONE wurde im November 2025 vorgestellt und zeichnet sich durch seine fortschrittliche Hand mit Fingerspitzen- und Kraft-Drehmoment-Sensorik aus.
Hintergrund: Europas Roboter-Talentpool
Zürich entwickelt sich zu einem wichtigen Hub für die Robotik-Softwareentwicklung. Das Robotic Systems Lab der ETH Zürich ist eine Quelle für Fachkräfte im Bereich Lokomotion und Reinforcement Learning. Unternehmen wie Flexion Robotics und Mimic Robotics, beides ETH-Spin-offs, arbeiten an der Software-Schicht, die als Gehirn der Roboter dient. Flexion setzt auf eine horizontale Autonomie-Schicht, ähnlich Android, während Mimic sich auf geschickte Hände und deren Steuerung konzentriert.
Großbritannien, Frankreich, Schweden, Schweiz und Italien
Humanoid, in London ansässig, hat sich schnell als erstes reines Humanoid-Unicorn Europas etabliert. Das Unternehmen hat 270 Millionen US-Dollar an Finanzmitteln erhalten, darunter eine Serie A von 152 Millionen US-Dollar, die das Unternehmen mit 1,35 Milliarden US-Dollar bewertet. Der HMND 01 Alpha, ein mobiler Manipulator auf Rädern, wurde in nur sieben Monaten vom Konzept zum Prototyp entwickelt. Schaeffler plant, bis 2032 eine vierstellige Anzahl dieser Roboter einzusetzen.
In Frankreich setzt Wandercraft auf eine unkonventionelle Strategie. Ursprünglich bekannt für bipedale Exoskelette zur Rehabilitation, hat das Unternehmen seinen Calvin-40 Roboter entwickelt, der für industrielle Anwendungen wie das Handling von Reifen bei Renault eingesetzt wird. Renault plant den Einsatz von 350 Calvin-Einheiten bis 2027.
UMA, ebenfalls aus Paris, ist das jüngste Unternehmen mit einem hochkarätigen Gründerteam, darunter ehemalige Mitarbeiter von Tesla Optimus und Google Brain. Der Northstar-Humanoid ist als leichter Roboter konzipiert und soll durch Echtzeit-Lernen Fähigkeiten erwerben. Erste industrielle Produkte auf Rädern sind für Ende des Jahres geplant.
Die schwedische Hexagon AB, ein börsennotiertes Unternehmen, das ursprünglich aus der Messtechnik kommt, hat seine Robotik-Sparte in Zürich angesiedelt. Der AEON-Roboter, ein Rad-Bipede, ist für Materialhandling und Maschinenbedienung konzipiert. BMW hat den AEON im Werk Leipzig in Produktion genommen, und Schaeffler hat sich zum Kauf von über 1.000 Einheiten über sieben Jahre verpflichtet.
In Italien wurde Generative Bionics in Genua als Spin-out des Istituto Italiano di Tecnologia gegründet. Ihr Roboter GENE.01 zeichnet sich durch eine verteilte taktile Haut aus, die einen sensiblen Umgang mit der Umgebung ermöglicht. Eine vierjährige Partnerschaft mit dem Schiffbauer Fincantieri zielt auf humanoide Schweißversuche bis Ende 2026 ab.
Europas Ansatz: Pragmatisch und industriell
Im Gegensatz zu den USA und China konzentriert sich Europa nicht auf Konsumentenroboter oder millionenfache Produktionslinien. Stattdessen liegt der Fokus auf spezifischen industriellen Anwendungen. Roboter werden mit Rädern ausgestattet, wo es sinnvoll ist, kopflos gebaut, wenn keine visuellen Sensoren im Kopfbereich benötigt werden, und auf hohe Traglasten ausgelegt, wo dies erforderlich ist.
Die europäischen Hersteller entwickeln ihre Software-Stacks meist intern, wie NEURAs Neuraverse oder Humanoids KinetIQ. Dies steht im Gegensatz zum amerikanischen Modell, bei dem Software-Schichten oft von spezialisierten Unternehmen bereitgestellt werden. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist die Partnerschaft von Agile Robots mit Google DeepMind, um Gemini in der Fabrik einzusetzen.
Wichtige Termine
- Ende 2026: Verfügbarkeit des NEURA 4NE1 Gen 3.5.
- Ende 2026: Beginn der humanoiden Schweißversuche bei Fincantieri (Generative Bionics).
- Dezember 2026: Erste Humanoid-Einheiten live bei Schaeffler in Herzogenaurach und Schweinfurt.
- 2027: Einsatz von 350 Calvin-40 Einheiten bei Renault (Wandercraft).
Trotz der beeindruckenden Fortschritte gibt es Herausforderungen. Die Abhängigkeit von amerikanischer Rechenleistung (NVIDIA, Qualcomm, AMD) ist hoch. Außerdem dringen chinesische Hersteller wie AGIBOT und UBTECH mit eigenen Massenproduktionslinien und Pilotprojekten in den europäischen Markt ein, was den Wettbewerb verschärft.
Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die europäischen Roboter in der Praxis bewähren. Die vereinbarten Einsätze bei großen Industriepartnern sind ein wichtiger Test für die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit der europäischen Humanoiden.





