Das europäische Robotik-Startup Nucleus hat eine entscheidende Hardware-Änderung an seiner Roboterplattform vorgenommen. Nur einen Monat nach dem Debüt mit zweibeinigen Robotern setzt das Unternehmen nun auf Radantriebe für seine neue Generation, den Nucleus II. Dieser Wechsel erfolgte direkt aufgrund von Rückmeldungen aus Industrie und Logistik, die höhere Traglasten und längere Betriebszeiten forderten.
Wichtige Erkenntnisse
- Nucleus hat seine Roboterplattform von zweibeinigen auf radbasierte Systeme umgestellt.
- Der Nucleus II bietet eine Traglast von 10 kg pro Arm und eine sechsfache Batterieleistung.
- Die Betriebszeit beträgt fünf bis neun Stunden kontinuierlicher Einsatz.
- Die Entscheidung wurde durch direkte Kundenanforderungen aus der Fertigungs- und Logistikbranche getrieben.
- Das Unternehmen plant, bis zum Ende des ersten Quartals bis zu 25 neue Roboter einzusetzen.
Kundenfeedback führt zu radikaler Neuausrichtung
Als Nucleus im August 2026 erstmals in Erscheinung trat, präsentierte das Unternehmen einen zweibeinigen Unitree G1 Roboter. Die Realität des Fabrikbodens zwang jedoch zu einer schnellen Anpassung. Melvin Schwarz, Mitbegründer von Nucleus, bestätigte, dass die neue Plattform, der Nucleus II, bereits in einer aktiven Industrielogistikanlage eingesetzt wird. Das auffälligste Merkmal: Die Beine sind verschwunden, ersetzt durch eine stabile, radbasierte mobile Einheit.
Die Entscheidung basierte ausschließlich auf dem Feedback von Kunden. Betriebsleiter in Fertigungs- und Logistikumgebungen äußerten klare Prioritäten: Sie verlangten höhere Traglasten von mindestens 10 kg, Betriebszeiten von fünf bis neun Stunden pro Schicht und verbesserte Betriebssicherheit. Insbesondere wurde der Wunsch geäußert, „keine Beine“ zu verwenden.
"Nur die Fabrik sagt dir, was du bauen sollst", schrieb Schwarz in einem Update über den Einsatz. "Man kann Wochen damit verbringen, etwas im Büro oder Labor perfekt zum Laufen zu bringen, nur um dann innerhalb der ersten Stunden eines echten Einsatzes eine völlig andere Reihe von Problemen zu entdecken."
Faktencheck: Nucleus II im Vergleich
- Traglast: Bis zu 10 kg pro Arm (deutlich mehr als frühere zweibeinige Modelle).
- Batterieleistung: Sechsfache Kapazität gegenüber dem ursprünglichen Nucleus I.
- Einsatzzeit: 5-9 Stunden kontinuierlicher Betrieb.
- Sicherheit: Radbasierte Systeme bieten eine höhere Kippsicherheit.
Vorteile des Radantriebs in der Industrie
Die neue Konfiguration des Nucleus II löst drei Hauptprobleme, die bei kompakten zweibeinigen Plattformen auftreten. Die erhöhte Traglast von 10 kg pro Arm ermöglicht den Transport schwererer Behälter und Teile. Dies war eine wesentliche Einschränkung kleinerer zweibeiniger Roboter.
Die Batterieleistung wurde signifikant verbessert. Die radbasierte Plattform verfügt über die sechsfache Batteriekapazität der ursprünglichen Nucleus I-Einrichtung. Dies unterstützt den kontinuierlichen Betrieb über volle Arbeitsschichten hinweg, ohne häufiges Aufladen. Lange Betriebszeiten sind entscheidend für die Effizienz in der Logistik.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kippfestigkeit und Sicherheit. Die Radbasis eliminiert das Risiko katastrophaler Stürze. Sie bietet eine inhärent stabile Grundlage, die strengere Sicherheitsprotokolle auf dem Fabrikboden erfüllt. Nucleus hat den Hersteller oder das Basismodell der verwendeten Radhardware bisher nicht öffentlich bekannt gegeben.
Hintergrund: Robotik als Dienstleistung (RaaS)
Nucleus betreibt ein Robotics-as-a-Service (RaaS)-Modell. Kunden zahlen für erledigte physische Aufgaben, anstatt die Hardware direkt zu kaufen. Dies reduziert die anfänglichen Investitionskosten und ermöglicht eine flexible Nutzung der Robotersysteme.
Hardware-unabhängige Software bleibt Kernstück
Trotz der umfassenden physischen Überarbeitung betont Nucleus, dass die Kernsoftware unverändert bleibt. Das Startup entwickelt seine Steuerungs- und Datenpipelines hardwareunabhängig. Das bedeutet, derselbe "Embodied Intelligence"- und Teleoperations-Stack läuft sowohl auf Nucleus I als auch auf Nucleus II.
Wenn der Roboter auf ein Problem oder eine physische Blockade stößt, greifen Fernoperateure per Teleoperation ein. Das Unternehmen hat seine Teleoperationsschnittstelle verbessert. Dazu gehören haptische Vibrationen bei Kontakt, eine feinkörnige Kraftrückmeldung und visuelle Kraftindikatoren, um Schäden an Komponenten zu vermeiden. Jede Intervention fließt direkt in die Trainingspipeline des Unternehmens ein, um die Autonomie in Grenzbereichen zu stärken. Nucleus plant, diesen Workflow zu skalieren und bis zum Ende des ersten Quartals bis zu 25 Roboter einzusetzen.
Ein branchenweiter Trend zur Radmobilität
Der schnelle Übergang von zweibeinigen Beinen zu Rädern ist bei Nucleus kein Einzelfall. Während Forschungseinrichtungen und Werbeveranstaltungen weiterhin von laufenden Humanoiden fasziniert sind, entscheiden sich industrielle Kunden für praktische Lösungen. Jüngste kommerzielle Einsätze, wie die von Lumos Robotics, die ihre MOS 2-Rad-Doppelarmmanipulatoren in Mitsubishi Electric-Linien einsetzen, spiegeln einen breiteren Konsens wider: Fabrikböden mit flachem, poliertem Beton erfordern selten die mechanische Komplexität einer Beinlokomotion.
Daten von Counterpoint Research zeigen, dass die weltweiten Humanoiden-Lieferungen im ersten Halbjahr 2026 zwar stark anstiegen, die kommerziellen Volumina jedoch maßgeblich durch Multi-Tier-Portfolios angetrieben wurden, die auch radbasierte Plattformen umfassen. Indem Nucleus frühzeitig auf die Anlagenbetreiber hörte und die zweibeinige Mechanik für seinen kommerziellen Kern vorerst aufgab, tauscht das Unternehmen futuristische Ästhetik gegen puren Durchsatz ein. Das Unternehmen kündigte an, sein nächstes Update werde kontinuierliche mehrstündige Schichtläufe zeigen – komplett mit ungeskripteten Ausfällen und Live-Wiederherstellungen von Grenzsituationen.
- Industriekunden bevorzugen Stabilität und Traglast gegenüber komplexer Beinmechanik.
- Die Umstellung spiegelt einen breiteren Trend in der Robotik wider.
- Flache Fabrikböden machen Beine oft überflüssig.





