Die Digitalisierung der Energieinfrastruktur schreitet rasant voran. Mit ihr wächst die Notwendigkeit, Batteriespeichersysteme (BESS) umfassend vor Cyberangriffen zu schützen. Experten warnen, dass die zunehmende Vernetzung und Standardisierung dieser Systeme neue Angriffsflächen bietet. Die Branche muss jetzt handeln, um die Stabilität der Stromnetze zu gewährleisten.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Digitalisierung erhöht das Cyberrisiko für Energiespeichersysteme.
- Standardisierte BESS-Installationen erleichtern Angriffe.
- IEC 62443 ist ein zentraler Standard für sichere Entwicklung.
- Zugriffsverwaltung, Systemarchitektur und Lieferkettenintegrität sind kritische Bereiche.
- Unabhängige Tests und Transparenz sind entscheidend für das Kundenvertrauen.
Die wachsende Bedrohung durch Cyberangriffe
Die Energieinfrastruktur wird zunehmend digitalisiert. Dies bringt viele Vorteile mit sich, wie eine höhere Flexibilität und bessere Integration erneuerbarer Energien. Gleichzeitig steigt jedoch die Komplexität der Systeme und damit das Risiko von Cyberangriffen. Energiespeichersysteme (BESS) sind ein kritischer Bestandteil dieser Entwicklung.
Michael Hudson, Direktor für Cybersicherheitsstrategie bei Sungrow North America, betont die Dringlichkeit der Lage. Er warnt vor der rapiden Vernetzung von Systemen, die früher isoliert waren. Heute sind BESS an Netzbetrieb, Überwachungsplattformen, Energiemanagementsysteme (EMS) und Unternehmensnetzwerke angeschlossen. Diese umfassende Konnektivität schafft ein breiteres digitales Ökosystem, das neue Schwachstellen birgt.
Faktencheck: Digitalisierung und Risiko
- Vergangenheit: Systeme oft isoliert und weniger vernetzt.
- Gegenwart: BESS sind mit Netzbetrieb, Monitoring und EMS verbunden.
- Vorteil: Erhöhte Flexibilität und bessere Integration erneuerbarer Energien.
- Nachteil: Größeres digitales Ökosystem, mehr Angriffsflächen.
Standardisierung als zweischneidiges Schwert
Um Kosten zu senken und Systeme zu vereinfachen, werden BESS-Installationen zunehmend standardisiert. Dies hat jedoch eine Kehrseite. Standardisierte Systeme können Cyberangriffe erleichtern, da weniger Raffinesse für deren Ausführung erforderlich ist. Die Vielfalt der Technologien aus verschiedenen Ländern, die in BESS zum Einsatz kommen, macht die Anwendung bewährter Cybersicherheitspraktiken zu einer globalen Herausforderung.
Zusätzlich gibt es verstärkten politischen Druck. Nationale Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Infiltration des Stromnetzes über BESS oder andere angeschlossene Geräte nehmen zu. Dies erfordert eine proaktive Haltung der gesamten Branche.
Cybersicherheitsstrategien in der Praxis
Unternehmen wie Sungrow North America setzen auf eine umfassende Cybersicherheitsstrategie. Sie wollen Industriestandards vorantreiben, die eigene Ausrüstung so konzipieren, dass keine Fernsteuerung möglich ist, und erhebliche Ressourcen in Forschung und Entwicklung investieren, um neuen Bedrohungen zu begegnen.
„Bei Sungrow folgen wir auf hoher Ebene dem Modell kritischer Infrastrukturen. Alle unsere Systeme entsprechen den Produktsicherheitsprozessen der IEC 62443, einem global anerkannten Rahmenwerk für die Sicherung industrieller Automatisierungs- und Steuerungssysteme“, erklärt Michael Hudson.
Was ist IEC 62443?
IEC 62443 ist eine Reihe von Standards, die sich mit der Cybersicherheit von industriellen Automatisierungs- und Steuerungssystemen (IACS) befassen. Sie deckt Aspekte von der sicheren Entwicklung (IEC 62443-4-1) bis zu Geräte-Level-Kontrollen (IEC 62443-4-2) ab. Der Rahmen betont sichere Entwicklung, kontrollierten Zugriff, Systemintegrität und segmentierte Architekturen.
Anpassung an verschiedene Produktlinien
Die Cybersicherheitsstrategie muss sich an die unterschiedlichen Produktlinien anpassen. Bei Großanlagen und gewerblichen Systemen steht die sichere Integration in Unternehmensumgebungen im Vordergrund, während die Isolation der Betriebssteuerungen gewahrt bleiben muss. Bei privaten Anlagen, die in Verbraucherumgebungen betrieben werden, ändern sich die Risikomodelle erheblich. Hier kommen IoT-Sicherheitsstandards wie EN 303645 und EN 18031 zum Einsatz.
Diese Standards konzentrieren sich auf Gerätekonfiguration, Zugangsdatenverwaltung, sichere Updates und den Schutz von Verbraucherdaten. Das übergeordnete Prinzip bleibt jedoch dasselbe: Sicherheit von Anfang an. Standards und Kontrollen werden an das jeweilige Produkt und dessen Betriebsumfeld angepasst.
Die drei größten Cyberrisikobereiche
Michael Hudson identifiziert drei Hauptbereiche für Cyberrisiken bei BESS-Installationen:
- Zugriffsverwaltung: Es muss sichergestellt werden, dass der Zugriff von Anbietern, Dritten und Betriebspersonal streng kontrolliert und auditierbar ist. Die Frage ist: Greift die richtige Person zur richtigen Zeit auf das richtige System zu? Wird dies protokolliert?
- Systemarchitektur: Die Segmentierung zwischen Unternehmensnetzwerken und Betriebsumgebungen ist entscheidend. Seitliche Bewegungen von Angreifern von internen Netzwerken zu OT-Netzwerken sind eine häufige Ursache für Sicherheitsverletzungen. Eine konsistente Segmentierung reduziert das Risiko.
- Lieferkette und Firmware-Integrität: Moderne Energiesysteme sind stark auf eingebettete Software und Verbindungen angewiesen. Robuste Abwehrmaßnahmen über die gesamte Lieferkette hinweg und gehärtete Geräte sind unerlässlich, um den Umfang potenzieller Verstöße zu minimieren.
Die Branche erkennt zunehmend, dass Cybersicherheit ein grundlegender Bestandteil der Zuverlässigkeitstechnik ist. Es geht nicht nur darum, Eindringlinge abzuwehren, sondern auch darum, sicherzustellen, dass ein einzelner Kompromiss den sicheren Betrieb nicht stören kann.
Staatlich geförderte Bedrohungen und Vorsorge
Die Bedrohung durch staatlich geförderte Angriffe ist real und sollte ernst genommen werden. Es ist jedoch weniger wichtig, woher die Bedrohungen kommen, als wie man sich dagegen schützt. Hacker kennen keine Grenzen und warten auf den richtigen Moment, um Schwachstellen auszunutzen. Sie tarnen sich oft als legitime Protokolle.
Die Lehre aus aktuellen Bedrohungsberichten ist, dass Unternehmen ihre Infrastruktur so gestalten sollten, dass sie fähige Gegner einkalkulieren. Dies erfordert ein starkes Systemdesign und operative Disziplin. Aktivitäten, die auf kritische Infrastrukturen abzielen, müssen ernst genommen werden, insbesondere angesichts der Zunahme von Sicherheitsvorfällen, die auch von Regierungsbehörden bestätigt werden.
Zunahme von Cyberangriffen
Die Sicherheitsgemeinschaft verzeichnet einen Anstieg von Sicherheitsvorfällen. Dies betrifft auch staatlich geförderte Bedrohungen wie 'Volt Typhoon', die Energiesysteme aufgrund ihrer strategischen Bedeutung ins Visier nehmen.
Transparenz und Standards als Schutz
Kundenbedenken hinsichtlich potenzieller Hintertüren oder eingebetteter Schwachstellen können durch Transparenz und die Einhaltung von Standards adressiert werden. Alles, was in kritischen Infrastrukturen eingesetzt wird, ob aus dem In- oder Ausland, muss genauestens geprüft werden. Die Einhaltung global anerkannter Standards wie IEC 62443 und NERC CIP ist dabei ein wichtiger Schritt.
Unternehmen müssen jedoch über die bloße Einhaltung hinausgehen. Es geht darum, Geräte zu härten, sich gegen immer raffiniertere Gegner – die auch KI nutzen – zu verteidigen und dies auch nachzuweisen. Kunden fordern diese Gewissheit. Unabhängige Validierungen durch Dritte sind dabei von großer Bedeutung. Sungrow hat beispielsweise White Knight Labs eingeladen, einen führenden Wechselrichter zu zerlegen. Der Bericht bestätigte, dass keine Fernsteuerung möglich war, es sei denn, das Produkt würde komplett neu entwickelt.
Die Zukunft der Cybersicherheit in der BESS-Branche
Die BESS-Branche entwickelt sich schnell weiter, und die Cybersicherheit muss Schritt halten. Versorgungsunternehmen, Regulierungsbehörden, Versicherer und Systembetreiber fordern alle eine verstärkte Anwendung von Industriestandards, Lieferkettenpraktiken und „Secure-by-Design“-Prinzipien.
Cybersicherheit wird zunehmend als Kernbestandteil des operativen Denkens betrachtet, nicht nur als nachträgliche Ergänzung. Es ist eine fortlaufende Disziplin, die ständige Aufmerksamkeit erfordert. Die Energiebranche hat schon immer Zuverlässigkeit und Sicherheit priorisiert. Nun muss die Cybersicherheit auf allen Ebenen, die mit diesen Systemen interagieren, ernst genommen werden.
Warum „Assume Breach“ wichtig ist
Eine „Assume Breach“-Mentalität bedeutet, davon auszugehen, dass ein Angriff irgendwann erfolgreich sein wird. Dies führt zu einer besseren Segmentierung der Systeme, wodurch der Schaden im Falle eines tatsächlichen Einbruchs begrenzt werden kann. Es ist ein proaktiver Ansatz zur Risikominderung.





