Ecdysteron, ein Pflanzenhormon, das vor allem in Spinat vorkommt, rückt zunehmend ins Blickfeld von Wissenschaft und Sport. Es zeigt vielversprechende Wirkungen beim Muskelaufbau, ohne den Hormonhaushalt direkt zu beeinflussen. Gleichzeitig diskutiert die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) eine mögliche Aufnahme auf die Liste verbotener Substanzen, was die Debatte um natürliche Nahrungsergänzungsmittel neu entfacht.
Wichtige Erkenntnisse
- Ecdysteron kann den Muskelaufbau unterstützen, besonders in Kombination mit Training.
- Es greift nicht direkt in den menschlichen Hormonhaushalt ein.
- Bereits kleine Mengen, wie in 100 Gramm Spinat, zeigen positive Effekte.
- Die WADA prüft eine Aufnahme auf die Dopingliste.
- Produkte aus Cyanotis arachnoidea sind in der EU nicht zugelassen.
Was ist Ecdysteron und woher kommt es?
Ecdysteron ist ein sogenanntes Ecdysteroid, ein Pflanzenhormon, das in über 300 verschiedenen Formen existiert. Es kommt nicht nur in Pflanzen, sondern auch in Tieren vor. Für Pflanzen dient es als natürlicher Schutzmechanismus gegen Fressfeinde wie Insekten. Bei Insekten und Krebsen spielt es eine Rolle als Häutungshormon.
Besonders hohe Konzentrationen von Ecdysteron finden sich in Spinat, einschließlich der Stängel. Die genaue Menge schwankt jedoch stark, da sie von Umweltfaktoren wie Bodenqualität und Sonneneinstrahlung beeinflusst wird. Neben Spinat ist Ecdysteron auch in weißen Champignons, Spargel, Amaranth und Quinoa enthalten.
Interessanter Fakt
100 Gramm frischer Spinat können je nach Sorte bis zu 80 Milligramm Ecdysteron enthalten. Spinatpulver, also getrockneter Spinat, erreicht sogar bis zu 1.000 Milligramm (1 Gramm) pro 100 Gramm.
Muskelaufbau ohne hormonelle Wirkung?
Tierversuche und Zellkulturstudien haben gezeigt, dass Ecdysteron die Proteinbildung in Muskelzellen steigern und die Muskelkraft erhöhen kann. Dies ist der Aspekt, der Ecdysteron für Sportler und ältere Menschen interessant macht. Im Gegensatz zu synthetischen anabolen Steroiden greift Ecdysteron jedoch nicht in den menschlichen Hormonstoffwechsel ein, was es potenziell sicherer macht.
Eine plazebo-kontrollierte Humanstudie, durchgeführt in Zusammenarbeit mit der TU Berlin und der Deutschen Sporthochschule Köln, untersuchte die Wirkung von Ecdysteron bei Menschen mit Sarkopenie. Sarkopenie ist der altersbedingte Muskelschwund, der mit dem Verlust von Muskelmasse, Kraft und Ausdauer einhergeht. Diese Studie zeigte, dass eine Kombination aus moderatem Muskelaufbautraining und täglich 12 Milligramm Ecdysteron zu einer signifikanten Verbesserung führte. Ähnliche Ergebnisse wurden auch bei jungen Erwachsenen beobachtet.
"Ecdysteron hat eine leichte muskelaufbauende Wirkung, ohne in den Hormonstoffwechsel einzugreifen. Kleine Mengen, wie in 100 Gramm Spinat, könnten zusammen mit einem Muskelaufbautraining gegen Muskelschwund bei älteren Menschen und Frauen nach den Wechseljahren helfen."
Nicht zugelassene Produkte und Verfälschungen
Auf dem Markt finden sich verschiedene Ecdysteron-Produkte, oft als Spinatpulver oder standardisierte Extrakte. Einige Produkte enthalten jedoch Extrakte aus Saflor-Bergscharte (Rhaponticum carthamoides) oder der asiatischen Cyanotis arachnoidea. Letztere ist in der EU als neuartiges Nahrungsergänzungsmittel nicht zugelassen. Im Jahr 2025 wurde ein solcher Extrakt im Schnellwarnsystem gemeldet.
Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass vermeintliche Spinatextrakte mit Cyanotis-Extrakt gestreckt oder verfälscht waren. Dies stellt ein Problem für Verbraucher dar, da die Herkunft und Reinheit der Produkte oft unklar sind.
Hintergrund: Sarkopenie
Sarkopenie ist eine fortschreitende und generalisierte Skelettmuskelerkrankung, die durch den Verlust von Muskelmasse und -kraft gekennzeichnet ist. Sie betrifft vor allem ältere Menschen; jeder zweite über 80-Jährige ist davon betroffen. Die Erkrankung kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und das Sturzrisiko erhöhen.
Dopinggefahr und WADA-Beobachtung
Die potenziell leistungssteigernde Wirkung von Ecdysteron hat die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) auf den Plan gerufen. Bereits seit 2020 steht die Substanz auf der Beobachtungsliste potenziell missbräuchlich genutzter Stoffe. Die WADA fordert, Ecdysteron in die Kategorie verbotener anaboler Stoffe aufzunehmen. Analytische Methoden zum Nachweis im Blut und Urin sind bereits etabliert.
Für Sportler bedeutet dies eine erhöhte Vorsicht. Obwohl Ecdysteron auch durch den Verzehr großer Mengen Spinat aufgenommen werden kann, könnten Nahrungsergänzungsmittel mit hohen Dosen zu positiven Dopingtests führen. Anbieter im Bodybuilding-Bereich empfehlen oft Tagesmengen von mehreren Gramm, was das 10.000-fache der in Studien verwendeten Mengen ist. Für solche hohen Dosen fehlen jedoch Sicherheitsbelege.
Mögliche Nebenwirkungen und Vorsichtsmaßnahmen
- Magen-Darm-Beschwerden sind als mögliche Nebenwirkungen bekannt.
- Bei Mengen ab 350 Milligramm zweimal täglich wurden Rückenschmerzen, Muskelkrämpfe, Steifheit und Muskelschmerzen berichtet.
- Schädliche Wirkungen, wie sie bei Testosteron-Derivaten auftreten, sind bei Ecdysteron unwahrscheinlich.
- Besondere Vorsicht ist bei liposomalem Ecdysteron geboten, da hier die Bioverfügbarkeit unkontrolliert erhöht sein kann.
- Wer Medikamente einnimmt, sollte vor der Einnahme von Ecdysteron-Produkten ärztlichen oder pharmazeutischen Rat einholen, um mögliche Wechselwirkungen auszuschließen.
Fazit: Potenzial und Risiken im Gleichgewicht
Ecdysteron bietet vielversprechende Ansätze für den Muskelaufbau, insbesondere im Kontext des altersbedingten Muskelschwunds und zur Unterstützung des Trainings. Die Tatsache, dass es nicht hormonell wirkt, unterscheidet es von vielen anderen Substanzen.
Die Diskussion um eine Aufnahme auf die Dopingliste unterstreicht jedoch die Notwendigkeit einer klaren Regulierung und Verbraucherinformation. Sportler müssen sich der Risiken bewusst sein, während die allgemeine Bevölkerung von den natürlichen Vorteilen kleinerer Mengen, zum Beispiel durch eine spinatreiche Ernährung, profitieren könnte. Transparenz bei Nahrungsergänzungsmitteln und die Einhaltung von Zulassungsbestimmungen sind entscheidend, um Sicherheit und Wirksamkeit zu gewährleisten.



