Die Debatte um die Regulierung des Finanzsektors ist komplex: Bremst sie die Wettbewerbsfähigkeit von Banken oder ist sie ein unverzichtbarer Schutzschild für die Stabilität? Diese Frage steht im Zentrum aktueller Diskussionen, insbesondere im Vergleich zwischen europäischen und US-amerikanischen Finanzinstituten. Die Erfahrungen der Finanzkrise 2008 haben gezeigt, dass eine robuste Regulierung entscheidend ist, um das Vertrauen ins System zu wahren und massive wirtschaftliche Schäden zu verhindern.
Experten argumentieren, dass Mindestanforderungen wie Kapitalvorschriften nicht nur die Sicherheit erhöhen, sondern auch einen Wettbewerbsvorteil darstellen können. Ähnlich wie Sicherheitsstandards im Straßenverkehr das Risiko für alle Verkehrsteilnehmer reduzieren, schaffen klare Regeln im Finanzwesen eine verlässliche Basis für alle Marktteilnehmer.
Wichtige Erkenntnisse
- Regulierung erhöht die Finanzstabilität und kann ein Wettbewerbsvorteil sein.
- Europäische Banken sind nicht regulatorisch benachteiligt gegenüber US-Banken.
- Die Fragmentierung der europäischen Kapitalmärkte ist ein Hauptproblem.
- Integrierte Kapitalmärkte sind entscheidend für Europas Wettbewerbsfähigkeit.
Die Notwendigkeit von Regulierung: Ein Blick auf die Straße
Stellen Sie sich vor, der Straßenverkehr hätte keine Regeln: Keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, keine Alkoholgrenzwerte, keine Sicherheitsgurte. Die Zahl der Unfälle und Todesfälle wäre immens. Ein ähnliches Prinzip gilt im Finanzsektor. In den 1970er Jahren gab es in Deutschland etwa 16,5 Millionen zugelassene Autos, heute sind es über 49 Millionen Fahrzeuge mit deutlich mehr Leistung und Risiko. Trotzdem sank die Zahl der Verkehrstoten von über 19.000 im Jahr 1970 auf geschätzte 2.700 im Jahr 2025 – ein Rückgang von über 85 Prozent. Dies ist maßgeblich auf technische Innovationen und ein klares Regelwerk zurückzuführen.
Faktencheck: Verkehrssicherheit
- 1970: Über 19.000 Verkehrstote in Deutschland.
- 2025 (geschätzt): Rund 2.700 Verkehrstote.
- Rückgang: Mehr als 85 Prozent trotz deutlich höherer Fahrzeugzahlen und -leistung.
Im Finanzwesen verhält es sich ähnlich. Die Finanzkrise 2008 offenbarte die verheerenden Folgen unzureichender Regulierung: Vertrauensverlust, massive wirtschaftliche Schäden und milliardenschwere Bankenrettungen auf Kosten der Steuerzahlenden. Die darauf folgende Reform der Bankenregulierung war notwendig und erfolgreich. Europäische Großbanken sind heute widerstandsfähiger als je zuvor, mit gestärkter Stabilität und reduzierten Risiken.
Dennoch gibt es Forderungen nach einer Lockerung der Regulierung. Doch wie Michael Theurer, Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen, betonte, darf dies keinesfalls eine materielle Aufweichung der Regulierung bedeuten. Solche Maßnahmen würden strukturelle Wettbewerbsprobleme nicht lösen und könnten die Finanzstabilität gefährden.
"Niemand würde fordern, Airbags aus Autos zu entfernen, um Gewicht zu sparen und ein paar km/h schneller zu sein. Genauso wenig sollten wir im Finanzwesen auf Regulierung verzichten, nur um vermeintlich wettbewerbsfähiger zu werden."
Regulierungsdichte und Bürokratie in Europa
Die Kritik an der Regulierung konzentriert sich oft auf ihre Komplexität und den damit verbundenen bürokratischen Aufwand. Ein Beispiel aus Frankfurt zeigt die Absurdität: Auf 1.100 Metern Grüneburgweg finden sich 566 Verkehrszeichen – alle zwei Meter ein Schild. Dies verdeutlicht, dass Regulierung zwar notwendig ist, aber auch regelmäßig überprüft und verschlankt werden muss, um unnötige Komplexität zu vermeiden.
BaFin und Bundesbank treiben aktiv Vorschläge zur Vereinfachung voran, etwa durch die Einführung eines EU-Kleinbankenregimes. Ziel ist es, die Regulierung effizienter zu gestalten, ohne dabei die Sicherheitsstandards zu untergraben. Eine Deregulierung, die auf eine materielle Aufweichung abzielt, wird kritisch gesehen, da sie einen internationalen Deregulierungswettbewerb fördern könnte, wie jüngste Signale aus den USA zeigen.
Wettbewerbsunterschiede zwischen europäischen und US-Banken
Die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Banken im Vergleich zu ihren US-amerikanischen Pendants ist zentral. Wettbewerb findet primär zwischen einzelnen Banken statt, nicht zwischen ganzen Systemen. Das Baseler Rahmenwerk legt hier Mindeststandards fest und schafft eine Grundlage für Vergleichbarkeit.
Die Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit einer Bank hängen maßgeblich von ihrem Geschäftsmodell, ihrer Governance und ihren Risikokontrollen ab. Aufsichtsbehörden konzentrieren sich genau darauf, um die Sicherheit und Solidität der Institute zu gewährleisten.
Europäische Banken holen auf, aber Lücke bleibt
Betrachtet man die größten Institute, die international agieren, zeigt sich eine positive Entwicklung in Europa. Im Jahr 2025 stieg der kumulierte Nettogewinn der zehn größten europäischen Banken um 8 Prozent auf rund 92 Milliarden Euro. Im gleichen Zeitraum verzeichneten die US-amerikanischen Top-Institute einen Rückgang um 9 Prozent, erzielten aber mit knapp 164 Milliarden Euro weiterhin höhere absolute Nettogewinne.
Profitabilität der Banken (2025)
- Top 10 EU-Banken: Nettogewinn 92 Mrd. Euro (+8%), Eigenkapitalrendite (RoE) 9,8%
- Top US-Banken: Nettogewinn 164 Mrd. Euro (-9%), Eigenkapitalrendite (RoE) 11,6%
Auch bei der Profitabilität, gemessen an der Eigenkapitalrendite (RoE), konnten europäische Großbanken aufholen und erreichten mit 9,8 Prozent den zweithöchsten Wert der letzten 12 Jahre. Dennoch liegen die amerikanischen Banken mit einem RoE von 11,6 Prozent weiterhin vorn.
Regulierung als Ursache? Ein Irrtum.
Bankenvertreter äußern oft die Vermutung, die niedrigere Profitabilität europäischer Banken sei auf strengere Regulierung zurückzuführen. Doch Analysen zeigen ein anderes Bild. Die aktuelle US-Regulierung führt aufgrund des sogenannten Collins-Floors zu höheren Mindestkapitalanforderungen und ist somit strenger als das reine Basel III-Rahmenwerk. Für deutsche Banken sind die berechneten Mindestkapitalanforderungen unter dem Baseler Rahmenwerk sogar höher als unter nationaler Regulierung, was unter anderem an der Nutzung interner Risikomodelle und europäischen Besonderheiten wie dem SME-Supporting Factor liegt.
Was ist der Collins-Floor?
Der Collins-Floor ist eine Regelung in den USA, die sicherstellt, dass die von Banken intern berechneten Kapitalanforderungen nicht unter einem bestimmten Prozentsatz der Standardansätze liegen. Dies führt in der Praxis zu höheren Kapitalanforderungen für US-Banken.
Von einer regulatorischen Benachteiligung europäischer Banken kann also nicht die Rede sein – eher im Gegenteil. Studien von Bundesbank-Ökonomen zeigen zudem, dass höhere Kapitalanforderungen die Profitabilität von Banken nicht negativ beeinflussen; sie können sogar positiv wirken. Es ist also kein Widerspruch, wenn US-Banken strenger reguliert und gleichzeitig profitabler sind.
Europäische Banken verfügen über erhebliches Überschusskapital. Allein deutsche Banken hatten im vierten Quartal 2025 rund 184 Milliarden Euro Überschusskapital. Dieses Kapital sollte für Investitionen genutzt werden, die die Effizienz steigern und die Wettbewerbsfähigkeit langfristig stärken, etwa in IT und Künstliche Intelligenz (KI).
Die Rolle der Kapitalmärkte und der Weg nach vorne
Der Hauptgrund für die höhere Profitabilität großer US-Banken liegt in den strukturellen Unterschieden der Kapitalmärkte. Die Kapitalmärkte in den USA sind deutlich größer und tiefer als in Europa, mit einem mehr als doppelt so großen Marktvolumen. Insbesondere der Zugang zu Risikokapital ist in den USA wesentlich besser. Zwischen 2013 und 2023 wurden in den USA rund 924 Milliarden Euro an Risikokapital investiert, während Europa weit zurückliegt.
Risikokapital ist entscheidend für die Finanzierung von Start-ups und jungen Unternehmen, die oft keinen Zugang zu klassischen Bankkrediten haben. US-Banken profitieren zudem stark von Gebühren und Provisionen bei der Begleitung von Börsengängen innovativer Unternehmen.
Fragmentierung als Hemmnis
Europas Kapitalmärkte sind jedoch fragmentiert. Unterschiede in Regulierung, Insolvenzrecht und Steuerpolitik behindern Innovation und Produktivität. Eine reine Deregulierung ist hier keine Lösung, da sie strukturelle Wettbewerbsunterschiede nicht behebt und die Finanzstabilität gefährden könnte.
Was Europa wirklich braucht, sind integrierte, effiziente Kapitalmärkte. Die Spar- und Investitionsunion (SIU) ist ein entscheidender Schritt, um Kapital zu mobilisieren, Innovation zu fördern und die Resilienz Europas zu stärken. Dazu gehört auch die Vollendung der Bankenunion mit einem verbesserten Krisenmanagement und einer glaubwürdigen Einlagensicherung, wofür der Staaten-Banken-Nexus wirksam durchtrennt sein muss.
Die Umsetzung der SIU ist von essenzieller Bedeutung für Europas Wohlstand und Souveränität. Die laufende Konsultation der EU-Kommission zur Wettbewerbsfähigkeit des Bankensektors bietet eine einmalige Chance, die Fragmentierung zu überwinden und die Weichen für einen wettbewerbsfähigen und stabilen Finanzsektor zu stellen.
Fazit: Sicherheit und Effizienz Hand in Hand
Regulierung ist kein Hemmschuh, sondern ein unverzichtbarer Sicherheitsfaktor, der Risiken mindert und Stabilität schafft. So wie Sicherheitsvorkehrungen im Straßenverkehr die Fahrer schützen, erhöht eine kluge Finanzregulierung die Sicherheit von Banken und ermöglicht es ihnen, Innovationen voranzutreiben und die Wirtschaft zu unterstützen.
Die wahre Herausforderung für Europa liegt nicht in der Strenge der Regulierung, sondern in der Fragmentierung und Ineffizienz seiner Kapitalmärkte. Es gilt, den "Schilderwald" der europäischen Bankenregulierung dort zu lichten, wo er unnötig komplex geworden ist, aber niemals leichtfertig Sicherheitsvorkehrungen abzuschaffen.
Entscheidend ist der Aufbau eines gut ausgebauten europäischen "Verkehrsnetzes", in dem Kapital frei fließen kann und Banken ihre Stärken voll ausspielen können. Gemeinsame Anstrengungen und Reformen sind notwendig, damit Europa ein Ort wird, an dem Banken, Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt prosperieren können.





