Die globale Finanzwelt steht vor erheblichen Herausforderungen. Michael Theurer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, äußert sich besorgt über geopolitische Spannungen, die erneute Zolldebatte der USA und eine weltweit steigende Staatsverschuldung. Diese Faktoren könnten das Finanzsystem empfindlich treffen und erfordern erhöhte Wachsamkeit.
Wichtige Erkenntnisse
- Geopolitische Risiken und US-Zölle belasten das Finanzsystem.
- Steigende Staatsverschuldung weltweit birgt Gefahren.
- Die erratische US-Politik erschwert die Planbarkeit für Unternehmen.
- Bundesbank mahnt zur Vorsicht bei hoch bewerteten Technologieaktien.
- Der digitale Euro soll Europas Finanzstabilität stärken.
- Stablecoins stellen ein wachsendes, unreguliertes Risiko dar.
Globale Unsicherheiten und ihre Folgen
Die aktuelle Lage ist von einer Vielzahl von Risiken geprägt. Herr Theurer betont, dass die geopolitischen Spannungen eine zentrale Rolle spielen. Hinzu kommt die wieder auflebende Zolldebatte in den Vereinigten Staaten, welche das handelspolitische Umfeld zusätzlich anspannt. Dies könnte zu Rückschlägen an den amerikanischen Börsen führen, aber auch in Europa spürbare Auswirkungen haben.
Besonders Technologieaktien sind nach Analysen der Bundesbank hoch bewertet. Plötzliche Schocks, wie kürzlich nach der Veröffentlichung des sogenannten Citrini Reports, können schnell globale Ansteckungseffekte hervorrufen. Ein weiteres großes Risiko ist die weltweit steigende Staatsverschuldung. Wenn die Tragfähigkeit dieser Schulden infrage gestellt wird, kann dies das gesamte Finanzsystem in Mitleidenschaft ziehen.
Faktencheck: Staatsverschuldung
Niedriges Wachstum in Kombination mit stark steigender Verschuldung kann zu einer „toxischen Mischung“ werden. Ein historisches Beispiel ist der sogenannte Liz-Truss-Moment im Herbst 2022, als die britische Premierministerin wegen Zweifeln an ihrer Haushaltspolitik zurücktreten musste, nachdem die Zinsen für britische Staatsanleihen stark gestiegen waren.
Die Rolle der US-Politik und Marktdisziplin
Die amerikanische Regierung agiert in Bezug auf Zölle und Staatsschulden aggressiver als in früheren Zeiten. Herr Theurer sieht das Hauptproblem jedoch nicht in einzelnen Komponenten der US-Politik, sondern im Gesamtbild. Der erratische Politikansatz der USA erschwert Unternehmen und Finanzmarktakteuren die Planbarkeit. Diese Unsicherheit macht die Lage für alle Beteiligten schwieriger.
„Die disziplinierende Wirkung von Märkten ist bekannt und spielt gerade bei Staatsanleihen eine Rolle. Das ist einfach die historische Erfahrung.“
Michael Theurer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank
Die Bundesbank äußert sich grundsätzlich nicht zu konkreten Anlageempfehlungen, wie dem von einigen Analysten diskutierten „Sell America“-Ansatz. Allerdings sei es bekannt, dass die Märkte auf politische Entwicklungen mit höheren Renditen reagieren. Dieser Druck werde auch in Washington wahrgenommen.
Europas Haushaltspolitik unter Beobachtung
Angesichts der Erfahrungen mit der Staatsschuldenkrise im Euroraum mahnt die Bundesbank alle Mitgliedsländer dringend dazu an, die Haushalts- und Fiskalregeln zu befolgen. Dies gilt auch für große Eurostaaten wie Italien, Frankreich und Deutschland.
Erfolgsgeschichten der Krisenstaaten
Die ehemaligen Euro-Krisenstaaten Griechenland, Portugal, Irland und Spanien mussten damals harte Auflagen erfüllen. Diese schmerzhaften Anpassungen führten dazu, dass sie heute zu den Euroländern mit dem höchsten Wirtschaftswachstum gehören. Ein Vorbild für den Rest Europas.
Für Deutschland ist entscheidend, dass die Gelder aus dem 500 Milliarden Euro schweren Bundesprogramm für Investitionen eingesetzt werden, die das Wachstum stärken. Ein höheres Wachstum erleichtert es einer Volkswirtschaft, eine höhere Gesamtverschuldung zu tragen und die Schulden auf einem nachhaltigen Niveau zu stabilisieren. Dies ist ein oft unterschätzter Aspekt.
Der Euro als Gegengewicht und der digitale Euro
Trotz jüngster Wechselkursverluste gegenüber dem Euro ist die Position des US-Dollars als Leitwährung nicht infrage gestellt. Der Großteil des Welthandels wird weiterhin in Dollar abgewickelt, und die USA bleiben eine Supermacht. Dennoch ist es das Ziel der Bundesbank und des Eurosystems, Abhängigkeiten zu reduzieren und die Rolle des Euro als international anerkannte Währung zu stärken. Dies ist ein wichtiger Ausdruck europäischer Souveränität.
Ein zentraler Baustein hierfür ist die Entwicklung eines digitalen Euro. Die Bundesbank beteiligt sich aktiv an diesem Projekt der Europäischen Zentralbank. Aus Sicht der Finanzstabilität und als liberaler Ökonom sieht Herr Theurer die Notwendigkeit einer eigenständigen, neuen Infrastruktur. Diese soll Europas Resilienz stärken und Instabilitäten im Zahlungsverkehr entgegenwirken.
Warum ein digitaler Euro?
Der digitale Euro soll eine eigenständige europäische Infrastruktur für den Zahlungsverkehr schaffen. Dies erhöht die Widerstandsfähigkeit gegenüber abrupten Veränderungen im Finanzsystem und reduziert Abhängigkeiten von externen Systemen.
Gefahren durch Stablecoins und regulatorische Lücken
Ein konkretes Risiko, das Michael Theurer hervorhebt, sind Stablecoins. Diese digitalen Vermögenswerte sind meist an den Dollar gekoppelt und durch Assets wie amerikanische Staatsanleihen besichert. Sollten sich Stablecoins breit durchsetzen, könnten sie das Finanzsystem grundlegend verändern.
Das Risiko von Ansteckungseffekten im Falle einer Vertrauenskrise ist groß. Wenn viele Besitzer von Stablecoins gleichzeitig ihre Rückzahlungsversprechen einlösen wollen, könnten Notverkäufe der als Reserven gehaltenen Vermögenswerte zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen. Obwohl das Phänomen noch klein ist, wächst es mit hoher Geschwindigkeit.
- Multi-Issuance-Stablecoins: Diese werden von globalen Unternehmen über Geschäftseinheiten in der EU und anderen Ländern emittiert.
- Regulatorische Lücke: Zahlungsansprüche gegenüber einer EU-Einheit eines Stablecoin-Emittenten sind nicht immer durch in der EU vorgehaltene Reserven gedeckt.
- Bundesbank-Empfehlung: Diese speziellen Stablecoins sollten nicht zugelassen werden, solange ihre Risiken nicht angemessen reguliert sind.
Europa muss selbst den Ordnungsrahmen setzen, um seine Souveränität zu bewahren.
Widerstandsfähigkeit der Banken und steigende Insolvenzen
Neben den globalen Themen blickt die Bundesbank auch auf die Situation im Inland. Die Zahl der Firmenpleiten nimmt hierzulande zu. Dies ist ein Risiko, das die Banken seit jeher genau verfolgen. Die gute Nachricht ist: Deutsche Banken sind widerstandsfähig. Stresstests zeigen, dass selbst im schlimmsten Szenario – einem massiven Wirtschaftsabschwung und starker Arbeitslosigkeit – nur wenige kleinere und mittlere Institute hart betroffen wären.
Dennoch gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Die Bundesbank empfiehlt den Instituten, die derzeit gute Ertragslage zu nutzen, um Vorsorge zu treffen. Zwar ist die Zahl der ausfallgefährdeten Kredite insgesamt nicht besorgniserregend hoch. Doch die Unternehmensinsolvenzen steigen. Im Bereich der Gewerbeimmobilien sind die ausfallgefährdeten Kredite zuletzt um 5,9 Prozent deutlich gestiegen. Hier ist kaufmännische Vorsicht dringend angebracht.
Persönlicher Rückblick und Ausblick
Michael Theurer wechselte im Herbst 2024 zur Bundesbank. Seine politische Erfahrung als Parlamentarischer Staatssekretär und Europaabgeordneter hilft ihm in seiner täglichen Arbeit, auch auf europäischer Ebene. Die Kommunikation in einer Zentralbank unterscheidet sich jedoch vom politischen Betrieb. Er schätzt die direkten Gespräche mit Bürgern, vermisst aber sachfremde Diskussionen und ideologischen Schlagabtausch nicht.
Zur aktuellen politischen Lage in Baden-Württemberg und dem Erstarken der AfD äußert sich Herr Theurer aufgrund seiner Verpflichtung zur politischen Neutralität als Vorstandsmitglied der Bundesbank nicht. Er bleibt jedoch ein politischer Mensch.





