Der größte US-amerikanische Übertragungsnetzbetreiber PJM hat umfassende Reformen für die Beschaffung von Stromkapazitäten vorgeschlagen. Hintergrund ist die stark steigende Nachfrage von Rechenzentren, die die Auktionspreise in den letzten zwei Jahren um über 1.000 Prozent in die Höhe getrieben hat. Diese Entwicklung könnte die monatlichen Stromrechnungen für Haushalte bis 2028 um rund 70 US-Dollar erhöhen.
Wichtige Punkte
- PJM schlägt Reformen vor, um die Stromversorgung aufgrund der steigenden Nachfrage von Rechenzentren zu sichern.
- Die Strompreise in Kapazitätsauktionen stiegen um über 1.000 Prozent in zwei Jahren.
- Haushalte könnten bis 2028 monatlich 70 US-Dollar mehr bezahlen.
- Rechenzentren sollen künftig selbst für ihre Stromversorgung verantwortlich sein.
- Eine einmalige Auktion soll kurzfristig die Zuverlässigkeit des Netzes wiederherstellen.
Hintergrund der steigenden Nachfrage
PJM, das größte Stromnetz in den Vereinigten Staaten, hat am 31. Juli und 7. August Pläne bei der Federal Energy Regulatory Commission (FERC) eingereicht. Diese sollen der rasant wachsenden Stromnachfrage von Rechenzentren begegnen. Die Betreiber prognostizieren, dass der Bedarf durch Rechenzentren und andere Großverbraucher bis 2038 um bis zu 70 Gigawatt (GW) steigen könnte.
In der jüngsten Kapazitätsauktion für das Lieferjahr ab Mitte 2028 konnte PJM nicht genügend Kapazität sichern. Das Ziel, eine Reservemarge von 20 Prozent zu erreichen, wurde verfehlt. Diese Marge soll sicherstellen, dass PJM nicht mehr als einen ungeplanten Stromausfall pro Jahrzehnt erlebt. Der Mangel wurde hauptsächlich auf die erhöhten Prognosen für den Bedarf von Rechenzentren und unzureichende neue Stromerzeugung zurückgeführt.
Faktencheck
- 1.053% Preisanstieg: Der Preis in der Kapazitätsauktion für das Lieferjahr 2027/2028 erreichte 333,44 US-Dollar pro MW-Tag. Dies ist ein Anstieg von 1.053% gegenüber der Auktion 2024/2025, die bei 28,92 US-Dollar pro MW-Tag lag.
- 16,4 Milliarden US-Dollar Gesamtkosten: Die Gesamtkosten beliefen sich auf 16,4 Milliarden US-Dollar, wovon 6,5 Milliarden US-Dollar (40%) auf Rechenzentren entfielen.
- 6,2 Milliarden US-Dollar für noch nicht gebaute Rechenzentren: Ein Großteil dieser Kosten, nämlich 6,2 Milliarden US-Dollar, wurde Rechenzentren zugeschrieben, die noch nicht existieren.
Auswirkungen auf Haushalte
Die steigenden Kosten haben direkte Auswirkungen auf die Verbraucher. Laut Prognosen des Natural Resources Defense Council (NRDC) könnten durchschnittliche Haushalte im PJM-Gebiet bis 2028 mit einer Erhöhung ihrer Stromrechnung um rund 70 US-Dollar pro Monat rechnen, verglichen mit dem Niveau vor dem Anstieg der Nachfrage. Kunden des Energieversorgers Pepco in Washington, D.C., sahen allein durch das Lieferjahr 2025/2026 bereits eine Erhöhung von 10 US-Dollar pro Monat.
PJM's Zwei-Stufen-Plan
PJM hat einen zweistufigen Plan vorgelegt, um die Herausforderungen zu meistern. Der Plan umfasst eine einmalige Auktion zur Wiederherstellung der Zuverlässigkeit des Netzes und eine grundlegende Änderung der Kapazitätsbeschaffung für große Verbraucher.
1. Zuverlässigkeits-Auktion (Reliability Backstop Procurement - RBP)
PJM plant eine einmalige Zuverlässigkeits-Auktion für neue Kapazitäten vom 30. September bis 21. Oktober. Ziel ist es, rund 6 GW neue Kapazität zu beschaffen, um die Zuverlässigkeit des PJM-Netzes wiederherzustellen. Dieser Mechanismus soll es PJM ermöglichen, neue Kapazitäten im Namen großer, neuer Verbraucher zu beschaffen. Die Kosten werden an die Versorgungsunternehmen in der PJM-Zone weitergegeben.
Die Bundesstaaten und Versorgungsunternehmen sind dann dafür verantwortlich, dass Rechenzentren diese Kosten tragen und sie nicht auf private Haushalte oder andere Kunden umgelegt werden. Die Auktion bietet 15-jährige Kapazitätsverträge für neue Kraftwerke an. Dazu gehören Gaskraftwerke, Kernkraftwerke, Projekte für saubere Energie und Batteriespeichersysteme (BESS) sowie Leistungssteigerungen bestehender Anlagen. Ressourcen, die schneller ans Netz gehen können, insbesondere BESS, sollen dabei einen erheblichen Vorteil haben, da sie am schnellsten zu bauen sind.
„(NRDC ist) der Meinung, dass es eine Standortkomponente geben sollte“, erklärt Claire Lang-Ree, Clean Energy Advocate beim NRDC. „Die Anforderung, dass neue Kraftwerke in der Nähe neuer Großverbraucher liegen, verschafft Energiespeichern aufgrund ihrer Flexibilität bei der Standortwahl einen leichten Vorteil, daher befürworten wir dies auch aus Sicht der sauberen Energie.“
Hintergrundinformationen
Die Federal Energy Regulatory Commission (FERC) ist eine unabhängige Behörde der US-Regierung, die die Übertragung und den Großhandel von Strom und Erdgas zwischen den Bundesstaaten reguliert. Sie ist auch für die Genehmigung von Flüssigerdgas-Terminals und Erdgasleitungen zuständig. Ihre Aufgabe ist es, faire Preise und Zuverlässigkeit der Energieversorgung sicherzustellen.
2. Individuelle Verantwortung für große Verbraucher (Immediate Reliability Action System - IRAS)
In einem bedeutenden Politikwechsel wird PJM die Kapazitätsbeschaffung für neue große Verbraucher über seine reguläre Kapazitätsauktion sofort einstellen. Stattdessen werden große Verbraucher, wie Rechenzentren, selbst für die Sicherung ihrer eigenen Stromversorgung verantwortlich gemacht. Wenn sie keine neue Versorgung bereitstellen, wird PJM diese nicht in ihrem Namen kaufen.
Dies stellt eine Abkehr vom bisherigen Status quo dar, bei dem PJM die Versorgung für alle Verbraucher, einschließlich privater Haushalte, kaufte. Dies trug zu steigenden Stromrechnungen bei, obwohl Rechenzentren die Nachfrageerhöhungen verursachten. Im Rahmen des neuen Rahmens können große Verbraucher, die ihre eigene Versorgung nicht gesichert haben, weiterhin an das System angeschlossen werden. Sie könnten jedoch in Notfällen mit Kürzungen oder Unterbrechungen konfrontiert werden.
PJM wird Prioritätskürzungen zuerst bei diesen neuen Großverbrauchern anordnen, bevor andere Kunden betroffen sind. Dies soll private und gewerbliche Stromkunden vor unkontrollierten Stromausfällen schützen.
„Es ist ein klares Signal, dass große Verbraucher nicht länger auf dem Rücken anderer Stromkunden reiten dürfen“, sagt Claire Lang-Ree vom NRDC. Sie merkt an, dass es erhebliche politische Anstrengungen erforderte, diesen Punkt zu erreichen.
Herausforderungen und Ausblick
Die erfolgreiche Umsetzung der Vorschläge erfordert erhebliche Anstrengungen auf staatlicher Ebene. Jeder PJM-Bundesstaat muss neue Tarife für Großverbraucher verabschieden und sicherstellen, dass Versorgungsunternehmen genau wissen, welche Kunden während IRAS-Ereignissen gekürzt werden müssen, um private Kunden vor Unterbrechungen zu schützen. Das NRDC setzt sich dafür ein, dass die Bundesstaaten Wege schaffen, die es Großverbrauchern ermöglichen, während Kürzungen auf saubere, dezentrale Energieressourcen (DERs) zurückzugreifen, um den Dienst aufrechtzuerhalten.
Obwohl Claire Lang-Ree erwartet, dass die FERC beide Anträge wahrscheinlich genehmigen wird – angesichts der Anpassung von PJM an Praktiken anderer regionaler Übertragungsnetzbetreiber und des erheblichen politischen Drucks – räumt sie ein, dass Unsicherheiten bestehen bleiben. Die FERC kann Anträge nur vollständig genehmigen oder ablehnen, nicht einzelne Komponenten, was den Genehmigungsprozess erschwert. Das NRDC hofft, dass die FERC PJM anweisen wird, das Problem der Standortanforderungen im RBP vor der endgültigen Genehmigung anzugehen. Dies würde jedoch die Ablehnung des gesamten Antrags und die Anforderung einer überarbeiteten Einreichung bedeuten.
Die Entwicklungen in diesem Bereich sind von entscheidender Bedeutung für die zukünftige Energiesicherheit und die Kosten für Verbraucher. Die Anpassung an die schnell wachsende Nachfrage von Rechenzentren stellt das Stromnetz vor große Herausforderungen, deren Bewältigung eine enge Zusammenarbeit zwischen Netzbetreibern, Regulierungsbehörden und den Bundesstaaten erfordert.





