Osteuropa erlebt derzeit einen beispiellosen Boom bei der Entwicklung von Batteriespeichersystemen (BESS). Zahlreiche Projekte in Ländern wie der Ukraine, Nordmazedonien, Rumänien, Estland und Finnland erreichen entscheidende Phasen, von der Inbetriebnahme bis zur endgültigen Investitionsentscheidung. Diese Entwicklung unterstreicht das Engagement der Region für eine robustere und nachhaltigere Energieinfrastruktur.
Wichtige Erkenntnisse
- KNESS und Hithium planen 2 GWh BESS-Kapazität in der Ukraine.
- Nordmazedonien nimmt ein 30 MW/60 MWh Solar-Plus-Speicher-Projekt in Betrieb.
- Rumänien investiert 15,7 Millionen Euro in einen 60,12 MWh BESS für einen Windpark.
- Estland baut den größten batteriegestützten Industriepark des Landes mit 100 MW/200 MWh.
- Finnland verzeichnet mehrere neue BESS-Projekte, darunter ein 30 MW/80 MWh System.
Ukraine: 2 GWh Speicher zur Netzstabilisierung
Die Ukraine steht im Mittelpunkt der aktuellen Entwicklungen. Der Energieversorger KNESS Group und der chinesische Lithium-Ionen-OEM Hithium haben eine Rahmenvereinbarung über die Lieferung von 2 Gigawattstunden (GWh) BESS-Kapazität in den nächsten zwei Jahren unterzeichnet. Bereits im ersten Quartal dieses Jahres sind erste Lieferungen von rund 400 Megawattstunden (MWh) geplant.
Diese Systeme sollen verschiedene Laufzeiten abdecken und Hithiums Produkte mit 5 MWh und 6,25 MWh nutzen. Hithium hat erst 2025 neue BESS-Produkte auf den Markt gebracht, darunter eine 2.000 Ah Zelle, die speziell für Langzeitspeicher (LDES) entwickelt wurde.
Hintergrund Ukraine
Die Ukraine ist seit der Invasion im Jahr 2022 mit regelmäßigen Netzausfällen konfrontiert. BESS-Projekte sind entscheidend, um dem Netzbetreiber Ukrenergo kritische Hilfsdienste zur Verfügung zu stellen und die Netzstabilität zu gewährleisten. KNESS ist neben DTEK, einem weiteren großen Energiekonzern, einer der Hauptakteure beim BESS-Ausbau in der Ukraine.
Die Zusammenarbeit zwischen KNESS und Hithium folgt auf eine staatliche Bankfinanzierung für ein Projekt im März des Vorjahres, wobei die aktuelle Pipeline jedoch deutlich größer ist. Bereits im September hatte Hithium eine ähnliche 2 GWh Liefervereinbarung mit dem Investor Renalfa für Projekte in Osteuropa abgeschlossen.
Nordmazedonien: Fortschritte bei Solar-Plus-Speicher
Auch Nordmazedonien macht große Schritte im Bereich der erneuerbaren Energien. YESS Power aus der Türkei hat ein Solar-Plus-Speicher-Projekt mit einem 30 MW/60 MWh BESS in Betrieb genommen. Dies ist eines der größten Projekte dieser Art im Land.
Die BESS-Technologie wurde vom chinesischen Unternehmen Cubenergy geliefert, während Mey Energy als Investor hinter dem Projekt steht. Die Regierung Nordmazedoniens hat kürzlich einen Plan zum Ausbau von 4,42 GW neuer Stromerzeugungskapazität genehmigt. Dieser Plan umfasst hauptsächlich Solar- und Windenergie, aber auch Gas und über 2 GW Energiespeicher.
Faktencheck Nordmazedonien
- Projektgröße: 30 MW Solar, 60 MWh Batteriespeicher
- Technologielieferant: Cubenergy (China)
- Gesamtausbauziel: 4,42 GW neue Kapazität, davon über 2 GW Energiespeicher
Rumänien: EU-Fördermittel für Windpark-Integration
Rumänien treibt ebenfalls den Ausbau seiner Speicherinfrastruktur voran. PPC Renewables Romania, ein Teil der griechischen staatlichen Public Power Corporation (PPC), plant die Installation eines 60,12 MWh BESS in ihrem Windpark Sălbatica 1. Das Projekt hat ein Investitionsvolumen von 68,2 Millionen RON, was etwa 15,7 Millionen Euro entspricht.
Ein Sechstel dieser Investition wird durch einen Zuschuss aus dem Modernisierungsfonds der Europäischen Union finanziert. Bis Ende 2025 sind aus diesem Fonds 1,2 Milliarden Euro für saubere Energieinvestitionen in Rumänien vorgesehen. Insgesamt stellt der Fonds innerhalb von fünf Jahren 20 Milliarden Euro in der gesamten EU bereit.
"Die EU-Förderung ist ein entscheidender Hebel für die Energiewende in Rumänien und hilft, die Integration erneuerbarer Energien zu beschleunigen."
Neben den Förderprogrammen hat Rumänien auch regulatorische Maßnahmen ergriffen, um den Einsatz von Speichern zu erleichtern. Dazu gehört die Abschaffung der sogenannten „Doppelbelastung“ für die Ladung und Entladung von Speichern im Netz. PPC baut unterdessen in Griechenland drei große BESS-Projekte sowie zwei Pumpspeicherkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 860 MW.
Estland: Größter Batterie-Industriepark im Baltikum
Estland markiert einen Meilenstein mit dem Baubeginn einer 100 MW/200 MWh BESS-Anlage in Tsirguliina, Landkreis Valga. Die Investoren Diotech und Transcom haben das Projekt, genannt 'Project Zirgu', vom Entwickler LignaMets erworben. Es wird als der größte '100% estnische kapitalbasierte Batterie-Industriepark' bezeichnet.
Diese 100 MW/200 MWh Anlage stellt die erste Phase eines Projekts dar, das letztendlich eine Kapazität von 200 MW/800 MWh erreichen könnte. Die erste Phase soll spätestens im März 2027 abgeschlossen sein und erfordert eine Investition von 35 Millionen Euro. Angebote estnischer Banken zur Mitfinanzierung werden derzeit geprüft.
Fakten zu Estland
- Projekt Zirgu Phase 1: 100 MW/200 MWh
- Gesamtpotenzial: 200 MW/800 MWh
- Investition Phase 1: 35 Millionen Euro
Diotech entwickelt zudem ein 900 MWh BESS-Projekt in Polen in Zusammenarbeit mit LG Energy Solution. Es wird angenommen, dass LG Energy Solution auch die Technologie für das estnische Projekt liefert.
Ein weiteres wichtiges Projekt in Estland ist die Kombination einer 77,5 MW Photovoltaikanlage mit einem 55 MW/250 MWh BESS. Dies soll das größte Hybridprojekt des Landes werden. Die Entwickler Evecon und der Investmentmanager Mirova haben über ihre gemeinsame Baltic Renewable Energy Platform (BREP) den ersten Flexibilitäts- und Stromabnahmevertrag (FPPA) der baltischen Region über 10 Jahre mit Pure Energy abgeschlossen.
Das Hybridprojekt umfasst die 2024 in Betrieb genommene Kirikmäe Solaranlage von Evecon und ein seit Anfang 2026 im Bau befindliches 250 MWh BESS. WiSo Engineering ist der EPC-Dienstleister für das BESS-Element, während Huawei die Batterien, Leistungsumwandlungsgeräte und Mittelspannungskomponenten liefert.
Evecon und Mirova sind zusammen mit dem französischen unabhängigen Stromerzeuger (IPP) Corsica Sole Partner in einem weiteren Joint Venture, der Baltic Storage Platform. Dieses Unternehmen hat kürzlich ein 100 MW/200 MWh BESS, das Hertz 1 Projekt, in Estland eingeweiht. Ein zweites BESS gleicher Größe, Hertz 2, soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden.
Finnland: Neue Projekte zur Netzstabilisierung
Auch Finnland verstärkt seine Bemühungen im Bereich der Energiespeicherung. Der IPP Alight hat zwei Solar-Plus-Speicher-Projekte mit einer Gesamtleistung von 225 MW erworben. Eines davon ist ein 75 MW Projekt mit einer Baugenehmigung für ein 30 MW BESS, das 2028 in Betrieb gehen soll. Das andere Projekt ist offenbar ausschließlich solar betrieben.
Alight erwarb das Projekt von 3Flash, mit dem es auch an einem 120 MW Solar- und 45 MW BESS-Projekt in Finnland zusammenarbeitet. Bereits vor vier Jahren hatte das Unternehmen ein 2 MWh BESS zu einem Solarprojekt in Schweden hinzugefügt.
Der Systemintegrator Merus Power hat einen 30 MW/80 MWh BESS-Deal mit Neve Oy, einer Multispartegruppe im Besitz der Stadt Rovaniemi, abgeschlossen. Das Projekt soll bis Ende 2026 vor Ort geliefert werden. Merus Power ist für die Herstellung, Installation und Prüfung des Energiespeichersystems verantwortlich.
Merus Power ist einer der aktivsten Akteure auf dem finnischen Markt. Mitte 2025 nahm das Unternehmen ein 38 MW netzbildendes BESS für die Projekteigentümer, die Private-Equity-Firma Ardian und den Energieversorger Lappeenrannan Energia, in Betrieb. Diese vielfältigen Projekte in Osteuropa signalisieren eine starke Dynamik und ein wachsendes Bewusstsein für die Bedeutung von Energiespeichern für die zukünftige Energieversorgung der Region.





