Indien treibt seine Energiewende voran und setzt dabei vermehrt auf fortschrittliche Energiespeichertechnologien. Ein wichtiger Meilenstein wurde kürzlich erreicht: Das indische Unternehmen Delectrik hat den Zuschlag für ein Großprojekt zur Energiespeicherung mit Vanadium-Redox-Flow-Batterien (VRFB) erhalten. Dieser Schritt markiert einen Wendepunkt für Indiens Bestreben, eine zuverlässige und unabhängige Energieversorgung zu sichern, insbesondere im Hinblick auf die Integration erneuerbarer Energien.
Wichtige Erkenntnisse
- Delectrik erhält Großauftrag für 100MWh VRFB-System von NTPC Renewable Energy.
- VRFB-Technologie bietet Vorteile für Langzeitspeicherung und Netzsicherheit.
- Indien strebt bis 2030 500 GW fossilfreie Energieerzeugung an.
- Lokale Lieferketten und Kostenwettbewerbsfähigkeit sind entscheidend für den Erfolg.
Delectrik sichert sich wegweisenden Auftrag
Delectrik, ein indischer Hersteller von Energiespeicherlösungen, hat im Juli 2026 den Zuschlag für ein wegweisendes Projekt erhalten. Die Tochtergesellschaft NTPC Renewable Energy, Teil des staatlichen Energieversorgers NTPC, beauftragte das Unternehmen mit der Lieferung eines 100MWh Vanadium-Redox-Flow-Batteriesystems. Dieses System wird im Khavda-Park für erneuerbare Energien in Gujarat errichtet, einem der größten erneuerbaren Energiekomplexe weltweit.
Das Projekt umfasst ein 16,7 MW VRFB-System mit einer Kapazität von 100 MWh, was einer Speicherdauer von etwa 5,9 Stunden entspricht. Es wird Teil des 30 GW starken Khavda-Komplexes sein, der eine Mischung aus erneuerbaren Energien und Speichertechnologien nutzt. Für Delectrik, das sich bisher hauptsächlich auf den Export konzentrierte, bedeutet dieser Auftrag eine Rückkehr zum Heimatmarkt und einen wichtigen Schritt in Richtung Großprojekte.
„Indien ist ein ziemlich preissensibler Markt, und wenn wir solche großen Projekte mit tatsächlichen Versorgungsunternehmen abschließen konnten – das sind keine Rechenzentren von Amazon oder Google –, dann sind das Energieversorger, die auf jeden Cent achten.“ – Vishal Mittal, CEO von Delectrik
Hintergrund und Entwicklung von Delectrik
Vishal Mittal gründete Delectrik im Jahr 2016. Er brachte 25 Jahre Erfahrung in Brennstoffzellen und Flussbatterien mit. Sein Ziel war es, effektive Vanadium-Redox-Flow-Batterien für die Speicherung erneuerbarer Energien zu entwickeln. Anfangs hatte das Startup Schwierigkeiten auf dem preissensiblen indischen Markt. Daher konzentrierte sich Delectrik zunächst auf internationale Kunden und lieferte seine ersten Systeme nach Australien.
Das Unternehmen, dessen Name eine Abkürzung für „dezentrales elektrisches Netzwerk“ ist, begann mit Batterien im Kilowattstunden-Bereich. Wiederholte Kundenaufträge führten zu einer Skalierung der Systeme auf 20-Fuß- und dann 40-Fuß-Container und in den Megawattstunden-Bereich. Bis 2024 exportierte der VRFB-Hersteller in acht Länder, darunter die Niederlande, Deutschland, die USA, Südafrika und Australien. Trotz des internationalen Erfolgs war das Unternehmen vollständig eigenfinanziert.
Faktencheck
- Gründung: Delectrik wurde 2016 gegründet.
- Erste Exporte: Die ersten Kundenprojekte fanden in Australien statt.
- Exportländer 2024: Niederlande, Deutschland, USA, Südafrika, Australien und weitere.
- Pilotprojekt: Ein 600kW/3.000kWh VRFB-Pilotprojekt läuft seit fast einem Jahr erfolgreich bei NTPC.
Warum Indien auf Langzeitspeicherung setzt
Indien verfolgt ehrgeizige Ziele: Bis 2030 sollen 500 GW neue fossilfreie Energieerzeugungskapazitäten geschaffen werden. Bis 2070 strebt das Land Netto-Null-Emissionen an. Um diese Ziele zu erreichen, ist eine massive Erweiterung der Energiespeicherkapazitäten unerlässlich. Die Central Electricity Authority (CEA) hat einen Bedarf von etwa 74 GW/411 GWh an Energiespeichern bis 2031-2032 prognostiziert.
Diese Prognose unterteilt sich in zwei Haupttechnologien: 47 GW/236 GWh Batteriespeicher und 27 GW/175 GWh Pumpspeicherkraftwerke (PHES). Batteriespeichersysteme (BESS) sollen kurzfristige Speicherlösungen bieten, während PHES für die Langzeitspeicherung vorgesehen sind. Doch Pumpspeicherkraftwerke haben lange Bauzeiten von vier bis fünf Jahren und benötigen spezifische geografische Bedingungen.
Kontext der Energiewende
Indiens Energiebedarf steigt stetig. Die Integration erneuerbarer Energien wie Solar- und Windkraft erfordert flexible und langlebige Speicherlösungen, um die Netzstabilität zu gewährleisten. Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen soll reduziert und die Energieversorgung dezentralisiert werden.
Vorteile von Vanadium-Redox-Flow-Batterien
VRFBs bieten mehrere Vorteile gegenüber Lithium-Ionen-Batterien, insbesondere für die Langzeitspeicherung. Sie sind nicht brennbar, was die thermische Sicherheit erhöht. Zudem sind sie weniger abhängig von den chinesisch dominierten Lithium-Lieferketten. Vanadium ist in vielen Regionen, darunter Südafrika und Australien, reichlich vorhanden, was eine diversifizierte und lokale Lieferkette ermöglicht.
Für Indien, das nationale Ziele zur Eigenproduktion und Importunabhängigkeit verfolgt, sind VRFBs ein wichtiges Instrument zur Risikominimierung in der Energieversorgungskette. Die Möglichkeit, eine lokale Lieferkette aufzubauen und die Abhängigkeit von anderen Ländern zu reduzieren, ist von großer Bedeutung.
„Das ist der Punkt, an dem die Flussbatterie hervorsticht. Wenn wir nach Australien gehen, nach Südafrika, in einige dieser mittelasiatischen Regionen, gibt es mehr als genug Vanadium. Man ist also nicht so abhängig von der Lithium-Lieferkette wie heute.“ – Vishal Mittal
Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Obwohl VRFBs viele Vorteile bieten, ist die Kostenwettbewerbsfähigkeit entscheidend für ihre breite Akzeptanz. Delectrik hat laut Mittal eine kostengünstige Technologie entwickelt, die auch auf dem preissensiblen indischen Markt bestehen kann. Der Großauftrag von NTPC ist ein Beleg dafür.
Delectrik konzentriert sich nicht nur auf technologische Innovationen, sondern auch auf die Skalierung der Produktion. Das Unternehmen hat eine jährliche Elektrolytproduktionskapazität von rund 100 MWh und strebt in den nächsten Monaten eine Steigerung auf ein Gigawattstunden-Niveau an. Die Batteriestacks werden ebenfalls im eigenen Haus gefertigt, während andere Komponenten von indischen und internationalen Lieferanten bezogen werden.
Design für Exzellenz und Standardisierung
Delectrik verfolgt einen „Design for Excellence“-Ansatz, der Aspekte wie Herstellbarkeit, Kosten, Wartungsfreundlichkeit und Zuverlässigkeit berücksichtigt. Ursprünglich verwendete das Unternehmen Niederspannungssysteme, die spezielle Leistungswandler benötigten. Um Kosten zu senken, setzt Delectrik nun auf ein standardisiertes 1000Vdc- bis 1500Vdc-System, das mit den gleichen Wandlern wie Lithium-Ionen-BESS kompatibel ist.
Ein weiterer Unterschied liegt im Produktdesign. Während viele Anbieter von containerisierten VRFBs Lithium-Ionen-Pendants ähneln, betrachtet Delectrik seine VRFBs als chemische Prozessanlagen. Dies ermöglicht eine flexible Konfiguration außerhalb von Containern. Im Jahr 2024 führte das Unternehmen eine 2MW/10MWh-Produktkonfiguration ein, die auf einer Fläche von etwa einem Acre 200 MWh unterbringt.
- Fokus auf Skalierung: Delectrik strebt eine gigawattstunden-große Auftragslage in den nächsten 12 Monaten an.
- Lokale Produktion: Die gesamte Fertigung, einschließlich Elektrolyt und Batteriestacks, erfolgt in Indien.
- Standardisierung: Einsatz von Standard-Spannungssystemen zur Kostensenkung.
Der breitere Markt für Energiespeicher
Flussbatterien sind nicht die einzige Alternative zu Lithium-Ionen-Batterien und Pumpspeicherkraftwerken. NTPC testet auch andere Technologien, darunter ein Kohlenstoffdioxid-Energiespeichersystem des italienischen Startups Energy Dome und ein Natrium-Ionen-Pilotprojekt.
Der Markt für Energiespeicher wächst rasant, und viele Unternehmen experimentieren mit verschiedenen chemischen Zusammensetzungen. Vishal Mittal betont jedoch, dass nicht nur die Technologie selbst, sondern auch die Fähigkeit zur schnellen Skalierung entscheidend ist. Flussbatterien haben hier einen Vorteil, da sie eine etablierte Erfolgsbilanz aufweisen.
Die Branche erwartet, dass sich die Kostenunterschiede zwischen den OEMs angleichen werden, sobald der Markt eine Massenproduktion im Gigawattstunden-Bereich erreicht. Bis dahin spielen Engineering-Know-how und Produktdesign eine entscheidende Rolle bei der Kostenoptimierung.
Indiens Energiespeicherbedarf
Die Central Electricity Authority (CEA) prognostiziert bis 2031-2032 einen Bedarf von ca. 74 GW / 411 GWh Energiespeichern in Indien.
Die Renewable Energy India Expo und The Battery Show India, die vom 22. bis 24. Oktober 2026 in Greater Noida stattfinden, werden Entwickler, Versorgungsunternehmen und globale Technologieanbieter zusammenbringen. Solche Veranstaltungen sind entscheidend, um die Entwicklung und den Einsatz fortschrittlicher Energiespeicherlösungen in Indien weiter voranzutreiben.





