Die deutsche Batteriegroßspeicher-Industrie (BESS) stand vor einer großen Herausforderung: Wie können Hunderte Gigawatt an neuen Speichersystemen an das Stromnetz angeschlossen werden, ohne dessen Stabilität zu gefährden? Die Antwort liegt in flexiblen Anschlussvereinbarungen (FCAs) und einer grundlegenden Neudefinition der Netzentgelte. Diese Entwicklung sichert nun die Investierbarkeit der Branche.
Wichtige Erkenntnisse
- Flexible Anschlussvereinbarungen (FCAs) sind entscheidend für den Anschluss großer Batteriespeicher an das deutsche Stromnetz.
- Das Bollingstedt-Projekt von Eco Stor diente als Pilot für die Entwicklung und Verfeinerung von FCA-Bedingungen.
- Die anfänglich hohen Netzentgelte von 120 Euro/kW/Jahr wurden auf 4-7 Euro/kW/Jahr gesenkt, um die Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten.
- Die Bundesnetzagentur (BNetzA) änderte ihre Position aufgrund der Transparenz der BESS-Branche und des Nutzens von FCAs.
- Die Einführung von FCAs und angepassten Netzentgelten verhindert eine drohende Konsolidierungswelle im Markt.
Die Rolle der Flexiblen Anschlussvereinbarungen (FCAs)
Die Einführung von flexiblen Anschlussvereinbarungen, kurz FCAs, war eine Reaktion auf die enorme Menge an Batteriespeichern, die in Deutschland an das Hochspannungsnetz angeschlossen werden sollten. Ohne solche Vereinbarungen wäre die Netzstabilität erheblich gefährdet gewesen. Das Unternehmen Eco Stor spielte hierbei eine Vorreiterrolle.
Georg Gallmetzer, Geschäftsführer von Eco Stor, erklärte, dass sein Unternehmen mit dem 103 MW/238 MWh großen Bollingstedt-Projekt als erstes von einer FCA betroffen war. Dieses Projekt, nun im Besitz von Alpiq, ist nach wie vor das größte in Deutschland in Betrieb befindliche System. Es diente dem Übertragungsnetzbetreiber E.ON als „Leuchtturmprojekt“, um FCA-Bedingungen wie Rampenraten, Zusatzkapazitätsgrenzen sowie Einspeise- und Ladebeschränkungen über ein ganzes Betriebsjahr zu testen.
„Wir standen vor der Herausforderung, als Erste durch eine FCA für die Größe eines Assets wie Bollingstedt eingeschränkt zu werden und damit konfrontiert zu sein, was es bedeutet, große BESS im Hochspannungsnetz zu betreiben, was sich erheblich von einem uneingeschränkten BESS unterscheidet“, sagte Gallmetzer. „Wir hatten die Wahl, den Betrieb einzustellen oder eine Lösung mit einem Netzbetreiber zu finden, der uns den Betrieb ermöglicht.“
E.ON kam zu dem Schluss, dass die im Netz angemeldeten Hunderte von Gigawatt an BESS FCAs benötigten, um überhaupt ans Netz gehen zu können. Dies stellte Entwickler vor die Wahl: eingeschränkte Anlagen oder gar keine Projekte. Eco Stor entschied sich für Beschränkungen, nachdem sie festgestellt hatten, dass auch unter diesen Bedingungen noch investierbare Renditen möglich waren.
Lernprozess für alle Beteiligten
Die anfänglichen FCA-Bedingungen waren sehr restriktiv. Durch die enge Zusammenarbeit und den Informationsaustausch mit Eco Stor wurden sie jedoch später von E.ON abgemildert. Gallmetzer betonte, dass der Netzbetreiber durch die Erfahrungen mit Bollingstedt viel über die private Finanzierung von Energieinfrastruktur und die Flexibilität von BESS gelernt habe. Die angepassten Beschränkungen waren das Ergebnis dieses Dialogs.
Faktencheck: Bollingstedt
- Leistung: 103 MW
- Kapazität: 238 MWh
- Status: Größter online geschalteter BESS in Deutschland
- Funktion: Pilotprojekt für FCA-Entwicklung
Eco Stors Ansatz, der Analyse, Reflexion und intensive Debatten mit den Netzbetreibern umfasste, war entscheidend. Gallmetzer versteht die Frustration in der Branche, die eine Neuberechnung der Projektökonomie erfordert. Er ist jedoch überzeugt, dass viele Marktteilnehmer zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen werden, sobald sie die Investierbarkeit unter den angepassten FCA-Bedingungen erkennen.
Die Netzentgelt-Debatte und ihre Lösung
Parallel zur FCA-Diskussion lief die Debatte um die Netzentgelte für das Laden und Entladen von Batteriespeichern. Eine erste Vorschlag sah Netzentgelte von 120 Euro/kW/Jahr vor, was die Wirtschaftlichkeit der meisten BESS-Projekte zunichtegemacht hätte. Dies führte zu großer Besorgnis in der Branche.
Glücklicherweise kam es zu einer deutlichen Reduzierung auf 4-7 Euro/kW/Jahr. Zudem sollen dynamische Netzentgelte zwischen 2030 und 2033 eingeführt werden. Gallmetzer hob hervor, dass die FCA-Debatte und die Netzentgelt-Debatte eng miteinander verknüpft waren.
Hintergrund: Die Bundesnetzagentur (BNetzA)
Die BNetzA ist die Regulierungsbehörde für die Bereiche Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen in Deutschland. Ihre Aufgabe ist es, fairen Wettbewerb zu gewährleisten und die Versorgungssicherheit zu überwachen. Im Kontext der Energiewende spielt sie eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien und Speichertechnologien.
Die BNetzA begann den Prozess für das neue Netzentgeltsystem mit der Absicht, Gewinne aller Netznutzer zu sozialisieren, um die Netzkosten zu senken. Anfangs wurde angenommen, dass das BESS-Geschäft eine „Goldgrube“ sei, was die Annahme von 120 Euro/kW/Jahr Netzentgelt begründete. Gallmetzer betonte, dass dies den Geschäftsfall "bei weitem getötet hätte".
Transparenz führt zum Umdenken
Durch die AgNes-Konsultationsdebatten, in denen die tatsächliche kommerzielle Leistung von BESS, einschließlich der typischen Investorenrenditen, transparent gemacht wurde, konnte gezeigt werden, dass BESS unter FCAs keineswegs eine Goldgrube ist. Eine Kombination aus hohen Netzentgelten und FCAs hätte die Investition unattraktiv gemacht.
Die Wahl stand fest: Entweder FCAs oder hohe Netzentgelte. Da FCAs zur Minderung des Betriebsrisikos eines Netzausfalls durch uneingeschränkten BESS-Betrieb unerlässlich sind, musste die Lösung darin bestehen, FCAs als gegebenes Instrument zu akzeptieren und die Netzentgelte zu senken, um die Investierbarkeit von BESS zu sichern.
Gallmetzer war aktiv an diesen Debatten beteiligt, sowohl über Industrieverbände als auch durch die Bereitstellung von Umsatz- und IRR-Prognosen mit und ohne FCAs und neuen Netzentgeltsvorschlägen. Dies führte zu einem Umdenken bei der Regulierungsbehörde.
„Es ist selten, dass die Regulierungsbehörde ihre Meinung ändert, aber in diesem Fall hat sie ihre Meinung geändert und entschieden, dass sie der BESS-Industrie keinen vollen Kapazitätspreis aufbürden konnte. Denken Sie daran, die größte Bedrohung für die Industrie war nicht die FCA. Die größte Bedrohung war eine unreflektierte Netzentgeltreform“, erklärte Gallmetzer.
Die Entscheidung der BNetzA, die Netzentgelte anzupassen, ist ein entscheidender Erfolg für die gesamte Branche. Sie sichert das Überleben und die weitere Entwicklung der Batteriegroßspeicher in Deutschland. Die Erfahrungen mit dem Bollingstedt-Projekt und die Glaubwürdigkeit der FCAs spielten eine Schlüsselrolle dabei, die Regulierungsbehörden von der Notwendigkeit tragbarer Netzentgelte zu überzeugen.
Kulturelle Aspekte und Gemeinwohl
Gallmetzer wies auch auf einen kulturellen Aspekt hin, der die deutsche Regulierung prägt: das Streben nach einer gerechten Verteilung finanzieller Vorteile. Die Regulierung zielt darauf ab, dass die finanziellen Vorteile von BESS zwischen Investoren, Netzbetreibern und Verbrauchern geteilt werden und kein Segment übermäßig profitiert.
„Die große Debatte in der Industrie dreht sich im Wesentlichen darum, wie die finanziellen Vorteile von BESS, die neu im System sind, zwischen den Projektinvestoren, dem Netzbetreiber und dem Verbraucher aufgeteilt werden sollen“, so Gallmetzer. Er hält es für fair, dass die Interessen der Investoren geschützt werden, aber auch ein Teil der finanziellen Vorteile dem öffentlichen Verbraucher zugutekommt.
Diese Philosophie des Gemeinwohls sei nicht bei allen Marktteilnehmern verbreitet, aber sie ist tief in der deutschen Energiepolitik verwurzelt. Die Erfahrung der letzten 25 Jahre Energiewende zeigt, dass Regulierungsbehörden eingreifen, wenn ein Segment übermäßig profitiert, um übermäßige Gewinne zu sozialisieren.
- Gerechte Kostenverteilung: Ziel ist es, die Netzkosten für den Verbraucher niedrig zu halten.
- Investitionsschutz: Die Rentabilität für Investoren muss gewährleistet bleiben.
- Lektionen aus der Energiewende: Übermäßige Gewinne werden in Deutschland oft sozialisiert.
Die Kombination aus FCAs und angepassten Netzentgelten stellt einen Kompromiss dar, der sowohl die technische Notwendigkeit der Netzstabilität als auch die wirtschaftliche Realität der Investoren berücksichtigt. Dieser Ansatz ermöglicht es Deutschland, seine ambitionierten Ziele im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energiespeicherung weiter zu verfolgen.
Die deutsche BESS-Industrie hat bewiesen, dass sie durch intensive Zusammenarbeit und transparente Kommunikation mit den Regulierungsbehörden auch komplexe Herausforderungen meistern kann. Dies schafft eine solide Grundlage für zukünftige Investitionen und das Wachstum des Sektors.





