Die Europäische Kommission hat einen Vorschlag zur Stärkung der heimischen Produktion von Energiespeichertechnologien vorgelegt. Dieser Schritt soll Europas Abhängigkeit von Importen verringern, insbesondere im Hinblick auf China. Experten warnen jedoch, dass die Umsetzung komplex ist und sorgfältig geplant werden muss, um die Energiewende nicht zu gefährden.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Europäische Kommission schlägt den Industrial Accelerator Act (IAA) vor, um die lokale Produktion von kohlenstoffarmen Technologien, einschließlich Energiespeichern, zu fördern.
- Ziel ist es, die Abhängigkeit von China zu reduzieren, das über 80% der globalen Batterieproduktion dominiert.
- Experten warnen vor einer zu schnellen Einführung von "Made in Europe"-Vorgaben, da dies die Kosten erhöhen und den Ausbau erneuerbarer Energien verlangsamen könnte.
- Der Fokus des IAA auf die Endsystem-Fertigung könnte die vorgelagerte Lieferkette weiterhin stark von China abhängig lassen.
- Erfolgreiche lokale Fertigung erfordert massive Investitionen, Fachwissen und eine sichere Lieferkette.
Europas Weg zur Unabhängigkeit bei Energiespeichern
Die Europäische Kommission hat mit dem Industrial Accelerator Act (IAA) einen Entwurf für ein Gesetz vorgestellt, das die Nachfrage nach in Europa hergestellten kohlenstoffarmen Technologien steigern soll. Dieser Vorschlag, der voraussichtlich nicht vor 2030 in Kraft treten wird, zielt darauf ab, die heimische Industrie zu stärken. Er umfasst Sektoren wie Stahl, Zement, Aluminium, Automobile und Netto-Null-Technologien, zu denen auch Energiespeicher gehören.
Der IAA sieht vor, dass bei öffentlichen Ausschreibungen und Förderprogrammen bestimmte Anforderungen an den europäischen Ursprung oder den kohlenstoffarmen Charakter der Produkte gestellt werden. Dies soll Investitionen in die europäische Fertigung anregen und die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents verbessern.
Faktencheck: Chinas Dominanz
China dominiert den globalen Markt für Batterieherstellung mit einem Anteil von über 80%. Europa hinkt in der Produktion erneuerbarer Energietechnologien, insbesondere bei Batteriespeichern, mindestens ein Jahrzehnt hinterher.
Herausforderungen bei der Umsetzung
Die Handelsorganisation Energy Storage Europe (ESE) begrüßt die Maßnahmen zur Förderung der Fertigung und zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren. Gleichzeitig mahnt sie zur Vorsicht bei der Einführung von "Made in Europe"-Anforderungen. Diese sollten schrittweise erfolgen, um die europäische Batteriewertschöpfungskette und den Ausbau von Energiespeichern nicht zu beeädchtigen.
Sarah Montgomery, CEO und Mitbegründerin der Due-Diligence-Plattform Infyos, betont, dass die Gesetzgebung, wie sie derzeit formuliert ist, zwar die nachgelagerte Montage von Energiespeichertechnologien unterstützen könnte, die vorgelagerte Batterieproduktion und Materialbeschaffung jedoch weiterhin stark von China abhängig bleiben könnten.
"Europa liegt bei der Herstellung von erneuerbaren Energien, insbesondere bei Batteriespeichern, mindestens ein Jahrzehnt hinter China zurück. China dominiert mit über 80% der globalen Batterieproduktion. Der Übergang zur lokalen Fertigung ist viel komplexer, als nur eine Politik zu implementieren."
Der lange Weg zur lokalen Produktion
Die Schaffung lokaler Fertigungskapazitäten erfordert erhebliche Investitionen und systemische Veränderungen. Dazu gehören das Know-how für die Skalierung der Produktion, der Zugang zu Fabrikausrüstung und Baukompetenz, die Sicherheit der Lieferkette sowie ein investitionsfreundliches Umfeld, das die Risiken hoher Investitionsausgaben versteht. Auch niedrigere Energie- und Arbeitskosten sind entscheidend, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Montgomery weist darauf hin, dass Europa aus den Fehlern gescheiterter Batterie-Startups wie Northvolt lernen muss. Die EU muss einen realistischen Weg zur Diversifizierung finden, um sicherzustellen, dass der Ausbau von Energiespeichern und damit erneuerbaren Energien nicht verlangsamt oder verteuert wird.
Hintergrund: Mario Draghis Bericht
Der Industrial Accelerator Act folgt Empfehlungen aus einem Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit, der von Mario Draghi, dem ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank, erstellt wurde. Dieser Bericht hob die Notwendigkeit hervor, die industrielle Basis Europas zu stärken.
Die Rolle der Lieferkette
Derzeit werden die meisten erneuerbaren Energietechnologien in Europa, laut Daten von Infyos, in China hergestellt. Während andere Märkte, wie die USA, lokale Fertigung fördern, passen sich chinesische Unternehmen an und suchen nach neuen Wegen, um ihre Führungsposition auf internationalen Märkten zu behaupten.
Der Fokus des IAA auf die Förderung von Investitionen in die Batterie-Systemfertigung in Europa lässt die Möglichkeit offen, dass die vorgelagerte Lieferkette weiterhin stark chinesisch dominiert bleibt. Die Fertigung von Endsystemen ist ein sinnvoller Ausgangspunkt, wird aber die Abhängigkeit der Industrie von China nicht vollständig beseitigen.
Gemischte Reaktionen und Ausblick
Der IAA hat in der europäischen Solar-PV-Industrie gemischte Reaktionen hervorgerufen. SolarPower Europe sieht in der Verordnung eine "neue Ära für die Solarfertigung" auf dem Kontinent. Der stellvertretende CEO, Dries Acke, bezeichnete sie als "Wendepunkt für die Industriepolitik in Europa".
Dagegen zeigte sich der European Solar Manufacturing Council (ESMC), der eine Reihe von Herstellern vertritt, "tief enttäuscht". Der Rat argumentiert, dass der IAA nicht weit genug geht, da er nur zwei Hauptkomponenten von PV-Systemen – Zellen und Wechselrichter – in seinen Kriterien berücksichtigt. Eine Rückführung der gesamten PV-Lieferkette nach Europa sei damit nicht gewährleistet.
- Schrittweiser Ansatz: Die Forderung nach schrittweiser Einführung von "Made in Europe"-Anforderungen ist entscheidend, um die Industrie nicht zu überfordern.
- Ganzheitliche Strategie: Eine erfolgreiche Reduzierung der Abhängigkeit erfordert eine breite Industriestrategie und massive Kapitalunterstützung über die gesamte Lieferkette hinweg.
- Risikomanagement: Angesichts der Bedeutung erneuerbarer Energien für die Energiesicherheit müssen Fähigkeiten, strategische Beziehungen und Risikomanagementsysteme entlang der gesamten Lieferkette aufgebaut werden.
Die Anerkennung der industriellen Dekarbonisierung als strategisch wichtiges Feld, das auch Technologien wie thermische Energiespeicher (TES) zugutekommt, wird von der ESE positiv bewertet. Dennoch bleibt die Herausforderung bestehen, eine Balance zwischen dem Wunsch nach lokaler Produktion und der Notwendigkeit eines schnellen und kostengünstigen Ausbaus erneuerbarer Energien zu finden.





