Die Energielandschaft Europas erlebt eine signifikante Transformation. Deutschland und Polen treiben den Ausbau von Batteriespeichersystemen (BESS) voran. Neue Partnerschaften und Projekte unterstreichen die wachsende Bedeutung dieser Technologie für die Netzstabilität und die Integration erneuerbarer Energien.
Wichtige Erkenntnisse
- Flower und ENGIE schließen virtuelles Flexibilitätsabkommen über 126 MW in Deutschland.
- DRI wählt Entrix für die Optimierung des 133 MW BESS in Trzebinia, Polen.
- Hamburg erhält größtes BESS-Projekt der Stadt mit 100 MW/400 MWh.
- Deutsche Kapazitätsmärkte benötigen technologie-neutrale Rahmenbedingungen für BESS.
- Polen verzeichnet einen Anstieg der vertraglich vereinbarten Batteriespeicherleistung um 44%.
Deutschland setzt auf langfristige Flexibilität
Das schwedische Energietechnologieunternehmen Flower und der französische Energieversorger ENGIE haben eine wegweisende Vereinbarung getroffen. Sie unterzeichneten ein siebenjähriges virtuelles Flexibilitätskaufabkommen. Dieses Abkommen deckt 126 Megawatt (MW) Batteriespeicherleistung in Deutschland ab und tritt am 1. Januar 2029 in Kraft.
Die Vereinbarung umfasst zwei Schlüsselprojekte. Zum einen ein 100 MW/400 MWh Projekt in Hamburg. Es wird als das größte BESS-Projekt der Stadt bezeichnet. Zum anderen ein 63 MW/257 MWh System in Döllnitz, Sachsen-Anhalt. Flower erwarb dieses System im März 2026 von CCE, einem Unternehmen für erneuerbare Energien.
Katrin Fuhrmann, Geschäftsführerin von ENGIE Deutschland, betonte: "Diese Partnerschaft zeigt, wie langfristige Kooperationen den Ausbau von Batteriespeichern unterstützen und die Flexibilität im Energiesystem stärken können."
Faktencheck: Virtuelle Flexibilitätsabkommen
Bei einem virtuellen Flexibilitätsabkommen sichert sich ein Partner langfristigen Zugang zur Flexibilität des Speichersystems. Der Eigentümer behält jedoch die operative Kontrolle und das Eigentum. Dies ermöglicht eine effiziente Integration in Marktaktivitäten.
Herausforderungen im deutschen Speichermarkt
Der deutsche Batteriespeichermarkt befindet sich in einer Phase struktureller Unsicherheit. Experten auf dem Energy Storage Summit betonten kürzlich, dass das Design des bevorstehenden Kapazitätsmarktes entscheidend für die Beteiligung von BESS ist. Es gibt Bedenken, dass der aktuelle Gesetzesentwurf nicht technologie-neutral ist und Speicher im Vergleich zu thermischer Erzeugung benachteiligen könnte.
Polen baut größte Batteriespeicher aus
In Polen schreitet der Ausbau von Batteriespeichersystemen ebenfalls zügig voran. Das Unternehmen DRI hat Entrix, einen Spezialisten für Batterieoptimierung, als Partner für die Optimierung und den Handel seines 133 MW Trzebinia BESS in Südpolen ausgewählt. Dieses System ist das derzeit größte Batteriespeichersystem des Landes mit einer Kapazitätsmarktverpflichtung ab 2027.
Die Auswahl von Entrix erfolgte nach einem mehrstufigen Ausschreibungsverfahren. Dieses umfasste Backtesting, Live-Tests und eine Überprüfung der Cybersicherheit. Entrix wird eine KI-basierte Multi-Markt-Optimierung über alle relevanten polnischen Energiemärkte hinweg bereitstellen. Ziel ist die Maximierung der Einnahmen unter Einhaltung der Kapazitätsmarktverpflichtungen des Projekts.
Murat Cinar, CEO von DRI, erklärte: "Angesichts der strategischen Bedeutung unseres ersten Batteriespeicherprojekts in Polen und unserer langfristigen vertraglichen Verpflichtungen haben wir ein strenges, mehrstufiges Ausschreibungsverfahren durchgeführt."
Hintergrund: Polnischer Kapazitätsmarkt
Der polnische Kapazitätsmarkt ist ein Mechanismus zur Sicherstellung der Stromversorgungssicherheit. Er vergibt langfristige Verträge an Erzeuger und Speicherbetreiber, um Kapazität bereitzustellen. Das Trzebinia-Projekt hat einen solchen 17-jährigen Vertrag erhalten, der 2027 beginnt.
Finanzierung und Marktentwicklung
DRI sicherte sich im Juni 2026 eine Baufinanzierung von rund 470 Millionen PLN (etwa 125,23 Millionen US-Dollar). Diese wurde von der polnischen Exportkreditagentur KUKE sowie von den Banken Erste Bank Polska, PKO Bank Polski und UniCredit unterstützt. Dies ist eine der ersten und größten Projektfinanzierungen für ein eigenständiges BESS in Polen.
Die Beauftragung von Entrix spiegelt einen Trend wider: Spezialisierte Optimierer gewinnen Verträge für große polnische BESS-Anlagen, während der Markt reift. Erst kürzlich erreichten vier große BESS-Projekte mit insgesamt 2,2 GWh in Polen, Spanien und Belgien innerhalb einer Woche den Financial Close. Sie sollen 2027 in Betrieb gehen.
- Im jüngsten polnischen Kapazitätsmarkt wurden etwa 2,5 GW neue Batteriespeicherleistung vertraglich vereinbart.
- Dies entspricht einem Anstieg von rund 44% gegenüber dem Vorjahr.
Auch andere Unternehmen sind in Polen aktiv. EDF hat sein 120 MWh BESS in Polen fertiggestellt. Eurus, NGN und Aretis treiben weitere Projekte in Mittel- und Osteuropa voran. Die Entwicklung zeigt, dass Batteriespeicher eine zentrale Rolle für die Energiewende in der Region spielen.
Globale Trends und die Zukunft der Energiespeicherung
Die Aktivitäten von ENGIE beschränken sich nicht nur auf Deutschland. Der Energieversorger ist in verschiedenen europäischen Batteriemärkten aktiv. Dies geschieht durch Direktbeteiligungen und strukturierte Vereinbarungen. ENGIE erwarb beispielsweise 1,1 GWh BESS in Spanien, die mit Synchronkondensatoren gekoppelt sind. Zudem begann das Unternehmen mit dem Bau eines 220 MWh Projekts in Frankreich und beauftragte das ehemalige Tochterunternehmen NHOA Energy für ein 320 MWh Speicherprojekt in Belgien.
Die zunehmende Investition in Batteriespeicher spiegelt den globalen Bedarf an Flexibilität im Stromnetz wider. Erneuerbare Energien wie Wind- und Solarkraft sind volatil. Speichertechnologien sind daher unerlässlich, um Schwankungen auszugleichen und eine stabile Versorgung zu gewährleisten. Die Partnerschaften zwischen Technologieunternehmen und Energieversorgern sind entscheidend für die Skalierung dieser Lösungen.
Die Entwicklung in Deutschland und Polen zeigt, dass beide Länder wichtige Schritte unternehmen, um ihre Energiesysteme zukunftssicher zu machen. Die Herausforderungen im deutschen Kapazitätsmarkt müssen jedoch adressiert werden, um das volle Potenzial der Batteriespeicher auszuschöpfen. In Polen hingegen deutet der aggressive Ausbau auf eine starke politische Unterstützung und einen wachsenden Markt hin.





