Deutschland erlebt eine Welle neuer Großprojekte für Batteriespeichersysteme (BESS). Mehrere Energieunternehmen haben kürzlich den Bau von Speichern mit Kapazitäten von 700 bis 800 MWh angekündigt. Diese Entwicklung zeigt, dass solche Anlagen nicht mehr die Ausnahme sind, sondern zum Standard werden, um das Stromnetz flexibler zu gestalten und die Energiewende voranzutreiben.
Wichtige Erkenntnisse
- Großbatteriespeicher werden in Deutschland zum Standard.
- Projekte von EnBW, Enertrag/50Hertz und Vattenfall sind in Planung oder Bau.
- Die Systeme sollen die Schwankungen von Wind- und Solarenergie ausgleichen.
- Viele Projekte entstehen auf ehemaligen Atomkraftwerksstandorten.
- Die Förderung durch den Großhandelsmarkt ist ein wichtiger Treiber.
Massiver Ausbau der Speicherkapazitäten
Die deutsche Energielandschaft verändert sich rasant. Nach dem Ausstieg aus der Kernenergie und dem geplanten Kohleausstieg bis 2030 spielen Batteriespeicher eine entscheidende Rolle. Sie helfen, die volatile Einspeisung von Wind- und Solarenergie auszugleichen. Aktuell gibt es in Deutschland über 500 GW an Netzanfragen für BESS-Projekte. Dies unterstreicht den enormen Bedarf und das Interesse an dieser Technologie.
Marktbeobachter wie Wood Mackenzie prognostizieren, dass Deutschland in diesem Jahr mit 3,5 GW die größten BESS-Installationen in Europa verzeichnen wird. Bis 2034 soll sich diese Kapazität auf 7 GW verdoppeln. Trotz dieser positiven Entwicklung wird erwartet, dass die Einnahmen aus dem Betrieb der Speicher in den nächsten zehn Jahren sinken könnten. Der Grund dafür ist die zunehmende Konkurrenz und damit einhergehende Preiskannibalisierung.
Faktencheck Batteriespeicher
- Aktuelle Kapazität: Deutschland führt Europa mit 3,5 GW neuen BESS-Anlagen in diesem Jahr an.
- Prognose 2034: Die Kapazität soll sich auf 7 GW verdoppeln.
- Netzanfragen: Über 500 GW an BESS-Projekten warten auf Netzanschluss.
- Wichtiger Zeitpunkt: Viele Projekte sollen bis August 2028 in Betrieb gehen, bevor eine Befreiung von den Netzentgelten für große Speicher ausläuft.
EnBW plant riesigen Speicher in Philippsburg
Ein herausragendes Beispiel für die neue Dimension der Speichersysteme ist das Projekt von EnBW in Philippsburg. Dort, wo einst zwei Atomkraftwerke standen, entsteht einer der größten Batteriespeicher Deutschlands. EnBW betont, dass dieser Speicher vollständig ohne Subventionen gebaut wird. Die Inbetriebnahme ist für 2027 geplant.
„Diese Investitionsentscheidung ist ein wichtiger Schritt, um unser Energiesystem flexibler zu gestalten. Batteriespeichersysteme sind unverzichtbar, wenn es darum geht, das schwankende Angebot von Wind- und Solarstrom mit dem tatsächlichen Strombedarf in Einklang zu bringen.“
Peter Heydecker, COO für nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur bei EnBW
Der Standort Philippsburg ist strategisch günstig. Der Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW hat dort bereits einen großen Gleichstromrichter gebaut. Der Batteriespeicher soll Windstrom aus Norddeutschland zu den Verbrauchszentren im Südwesten transportieren. Der Bau soll im Frühsommer des nächsten Jahres beginnen.
Weitere Großprojekte im Norden und Osten
Auch andere Energieunternehmen treiben den Ausbau voran. Enertrag und 50Hertz haben nach zweijähriger Bauzeit das Umspannwerk Bertikow in der Uckermark fertiggestellt. Dieses Umspannwerk dient als zentrale Anlaufstelle für über 500 MW Wind- und Solarenergie und bildet die Grundlage für einen geplanten Batteriespeicher von 200 MW/800 MWh. Die Inbetriebnahme des Speichers ist für das dritte Quartal 2027 vorgesehen.
Hintergrund: Umspannwerk Bertikow
Das Umspannwerk Bertikow wurde von 220 kV auf 380 kV umgerüstet. Zwei neue Transformatoren mit 400 MVA und 45 MVA ersetzten 50 Jahre alte Technologie. Diese Modernisierung ermöglicht eine verlustärmere Einspeisung, reduziert Netzengpässe und minimiert die Abregelung von erneuerbarem Strom.
Im Norden Deutschlands hat Vattenfall die Genehmigung für einen 254 MW/700 MWh BESS in Brunsbüttel erhalten. Auch dieser Speicher entsteht auf dem Gelände eines ehemaligen Kernkraftwerks, das derzeit zurückgebaut wird. Vattenfall plant die Inbetriebnahme spätestens bis 2028, eine finale Investitionsentscheidung steht noch aus.
„Der Standort Brunsbüttel bietet mit seinen vorhandenen Flächen und dem bestehenden Netzanschluss hervorragende Bedingungen für den Bau der Batteriespeicheranlage.“
Claus Wattendrup, Leiter Solar und Batterien bei Vattenfall
Kyon Energy und TotalEnergies investieren ebenfalls
Der Entwickler und Betreiber Kyon Energy, eine Tochtergesellschaft von TotalEnergies, hat ebenfalls Fortschritte bei seinen Projekten gemeldet. Ein 100 MW/200 MWh BESS-Projekt, für das TotalEnergies Mitte 2024 eine Investitionsentscheidung traf, hat wichtige Meilensteine erreicht. Die Lieferung und Installation des Speichers sowie des Mittelspannungs-Umspannwerks wurden im Oktober 2025 abgeschlossen. Die elektrische Installation begann im letzten Monat und wird noch mehrere Monate dauern.
Die Transformatoren werden voraussichtlich Ende des Jahres geliefert. Dies ermöglicht den physischen Netzanschluss im zweiten Quartal 2026. Der kommerzielle Betrieb ist für Oktober 2026 geplant. TotalEnergies hatte bereits im letzten Jahr eine Investitionsentscheidung für ein separates Portfolio von 321 MW Kyon-entwickelten deutschen BESS-Anlagen bekannt gegeben. Es gibt Berichte, dass TotalEnergies den Verkauf eines Anteils an Kyon und dessen Projektpipeline in Betracht zieht.
Die Bedeutung für die Energiewende
Die Vielzahl dieser Großprojekte unterstreicht die zentrale Rolle, die Batteriespeicher für die deutsche Energiewende spielen. Sie sind nicht nur notwendig, um die schwankende Natur erneuerbarer Energien auszugleichen, sondern auch, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Mit dem Ausbau dieser Technologien wird das deutsche Stromnetz robuster und flexibler.
Die Entwicklung auf ehemaligen Atomkraftwerksstandorten zeigt eine intelligente Umnutzung bestehender Infrastruktur. Die vorhandenen Netzanschlüsse und Flächen bieten ideale Bedingungen für den Aufbau neuer Energieinfrastruktur. Dies spart Zeit und Kosten und beschleunigt den Übergang zu einer vollständig erneuerbaren Energieversorgung.
Die aktuellen Projekte konzentrieren sich stark auf die Inbetriebnahme bis August 2028. Zu diesem Zeitpunkt läuft eine wichtige Befreiung von Netzentgelten für große Batteriespeicher aus. Dies schafft einen zusätzlichen Anreiz, die Projekte zügig umzusetzen und in Betrieb zu nehmen.
Die Investitionen in diese Großspeicher sind ein klares Signal. Deutschland setzt auf moderne Technologien, um seine Klimaziele zu erreichen und eine nachhaltige Energieversorgung zu sichern. Die Unternehmen reagieren auf die Marktbedingungen und die politischen Vorgaben, um die Transformation des Energiesystems aktiv mitzugestalten.





