Die baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland investieren massiv in Energiespeicherlösungen, um ihre Netze zu stabilisieren und die Integration erneuerbarer Energien voranzutreiben. Nach der Entkopplung vom BRELL-Netzwerk im letzten Jahr, das sie zuvor mit Russland und Belarus teilten, fokussiert sich die Region auf den Ausbau von Batterie- und Wärmespeichersystemen. Diese strategischen Projekte sollen die Energiesicherheit erhöhen und die Anbindung an das europäische Übertragungsnetz festigen.
Wichtige Erkenntnisse
- Estland hat das größte Wärmespeichersystem der baltischen Staaten in Betrieb genommen.
- Litauen baut ein Portfolio von drei Batteriespeichersystemen mit insgesamt 582 MWh.
- Die Projekte sind entscheidend für die Netzsynchronisierung mit Europa und die Energiewende.
- EU-Fördermittel unterstützen die hohen Investitionen in der Region.
Estlands Wärmespeicher: Ein Gigawattstunden-Koloss
In Tallinn, der Hauptstadt Estlands, wurde kürzlich das größte Wärmespeichersystem der baltischen Region eingeweiht. Die Anlage mit einer Leistung von 80 MW und einer Speicherkapazität von beeindruckenden 1.100 MWh wurde von Utilitas, einem führenden Erzeuger erneuerbarer Energien und Anbieter von Fernwärme- und -kältenetzen, errichtet. Es ist die zweite von vier geplanten Anlagen, die Utilitas in diesem Jahr in Estland bauen will. Solche Projekte sind entscheidend für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung.
„Die installierte Wärmespeichereinheit ermöglicht es, Wärme zu speichern und bei hohem Wärmeverbrauch zu nutzen. Dies trägt dazu bei, die Zuverlässigkeit des Fernwärmenetzes zu stärken“, sagte Peeter Raudsepp, Bürgermeister von Tallinn. „Mehr Flexibilität und ein stabileres Fernwärmenetz liegen im Interesse jedes Einwohners von Tallinn.“
Das System speichert 20.000 Kubikmeter Wasser in 42 Meter hohen und 26 Meter breiten Tanks. Die Energie zum Aufladen der 1,1 GWh-Anlage stammt aus zwei hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) und zwei Solaranlagen am Energiekomplex Väo. Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf rund 8 Millionen Euro, wovon 675.000 Euro durch den EU-Wiederaufbaufonds NextGenerationEU kofinanziert wurden.
Faktencheck
- Kapazität: 1.100 MWh Wärmespeicherkapazität.
- Volumen: 20.000 Kubikmeter Wasser in Speichertanks.
- Kosten: Rund 8 Millionen Euro Gesamtinvestition.
- Förderung: 675.000 Euro von der EU über NextGenerationEU.
Litauens Batteriespeicher-Offensive
Auch Litauen treibt den Ausbau von Energiespeichern voran. Der staatliche Energiekonzern Ignitis Group investiert etwa 130 Millionen Euro in ein Portfolio von drei Batteriespeichersystemen (BESS) mit einer Gesamtleistung von 291 MW und einer Kapazität von 582 MWh. Diese Anlagen sollen 2027 den kommerziellen Betrieb aufnehmen und die Energiesicherheit des Landes erheblich verbessern.
Die litauische Regierung unterstützt den Einsatz von Energiespeichern mit bis zu 30 % der förderfähigen Kosten und maximal 100.000 Euro pro Megawattstunde. Ziel ist es, den Ausbau von 1,5 GW/3,2 GWh Speicherkapazität zu ermöglichen. Ignitis Group hat bereits die BESS-Ausrüstung bei Rolls-Royce Power Systems bestellt. Rolls-Royce liefert seine mte EnergyPack BESS-Lösung für die Projekte.
Standorte der Batteriespeicher
- Kelmė: 147 MW/294 MWh, nahe Windkraftanlagen im Nordwesten Litauens.
- Mažeikiai: 45 MW/90 MWh, ebenfalls nahe Windkraftanlagen im Nordwesten.
- Kruonis: 99 MW/198 MWh, in Zentrallitauen, in der Nähe eines Pumpspeicherkraftwerks.
Nidec Conversion, ein Spezialist für Leistungselektronik und Energiespeichersysteme, arbeitet mit Rolls-Royce zusammen und liefert ein kombiniertes Stromwandlersystem (PCS), Transformatoren und Mittelspannungsschaltanlagen für die drei Standorte. Das Power Unit von Nidec Conversion ist eine kompakte, leistungsstarke und geräuscharme integrierte Skid-Lösung.
Hintergrund der Entwicklung
Die baltischen Staaten haben ihre Stromnetze im vergangenen Jahr vom BRELL-Netzwerk getrennt, das sie mit Russland und Belarus verband. Die Synchronisierung mit dem europäischen Übertragungsnetz und die Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien sind strategische Ziele. Energiespeicher spielen dabei eine entscheidende Rolle, indem sie die Netzstabilität erhöhen und die Integration volatiler erneuerbarer Quellen ermöglichen.
Die Rolle der Energiespeicher in der Zukunft
Die Investitionen in Wärmespeicher und Batteriesysteme in den baltischen Staaten sind ein klares Zeichen für das Engagement der Region, ihre Energieinfrastruktur zukunftssicher zu machen. Energiespeicher sind nicht nur für die Netzstabilität wichtig, sondern auch für die Maximierung der Effizienz von erneuerbaren Energiequellen wie Wind- und Solaranlagen. Sie ermöglichen es, überschüssige Energie zu speichern und bei Bedarf wieder abzugeben, was die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reduziert.
Marktexperten und Fachverbände sehen Wärmespeicher als eine Schlüsseltechnologie zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung, insbesondere in der Industrie und in Regionen mit Fernwärmenetzen. Projekte in Nordeuropa, wie die Nutzung von 'Sandbatterie'-Technologien in Finnland, zeigen das Potenzial dieser Lösungen auf. Die baltischen Staaten positionieren sich damit als Vorreiter in der Energiewende und stärken gleichzeitig ihre nationale Energiesouveränität.
Die jüngste Einweihung der größten BESS-Anlage Estlands, Hertz 1, durch das Joint Venture Baltic Storage Platform (BSP) unterstreicht den breiten Ansatz der Region. Alle drei baltischen Staaten erleben einen Anstieg der BESS-Investitionen, was die strategische Bedeutung dieser Technologie für die gesamte Region hervorhebt. Die Preise für Regelleistungen in den baltischen Staaten sind derzeit sehr hoch, was die Attraktivität von Batteriespeichersystemen zusätzlich steigert.





