Deutschland erlebt eine wichtige Entwicklung im Bereich der Batteriespeichersysteme (BESS). Neue Dienstleistungen zur Netzstabilität könnten die Rentabilität dieser Projekte erheblich steigern. Experten erwarten, dass die Einführung von Trägheitsdiensten die interne Rendite (IRR) für große BESS-Anlagen um 1 bis 2 Prozentpunkte erhöhen könnte.
Wichtige Erkenntnisse
- Neue Trägheitsdienste verbessern die Wirtschaftlichkeit von Batteriespeichern.
- Erste präqualifizierte Wechselrichter werden sehnsüchtig erwartet.
- Langfristige Verträge von bis zu 10 Jahren bieten Planungssicherheit.
- BESS kann Trägheit parallel zu anderen Einnahmequellen bereitstellen.
- Netzbildende Fähigkeiten werden zunehmend zur Pflicht für BESS-Projekte.
Trägheitsdienste: Ein neuer Anreiz für Investoren
Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) haben Anfang 2026 damit begonnen, neue nicht-frequenzgesteuerte Systemdienstleistungen, die sogenannte Momentanreserve, zu beschaffen. Diese Dienste sind entscheidend für die Stabilität des Stromnetzes, insbesondere angesichts des schrittweisen Ausstiegs aus thermischen Kraftwerken. Batteriespeichersysteme mit netzbildenden Wechselrichtern sind in der Lage, diese Momentanreserve bereitzustellen.
Philipp Hesel, Senior Associate bei Aurora Energy Research, betont die Bedeutung dieser Entwicklung. Er schätzt, dass dieser neue Einnahmestrom die interne Rendite (IRR) für große BESS-Projekte in Deutschland um 1 bis 2 Prozentpunkte steigern könnte. Dies hängt von der jeweiligen Projektkonfiguration ab.
Faktencheck
- Momentanreserve: Neue Dienstleistung zur Aufrechterhaltung der Netzfrequenz innerhalb einer Abweichung von 0,2 Hz von 50 Hz.
- Vertragslaufzeiten: 2 bis 10 Jahre.
- Geschätzte IRR-Steigerung: 1-2 Prozentpunkte für BESS-Projekte.
Warten auf präqualifizierte Wechselrichter
Trotz des vielversprechenden Potenzials warten die Marktteilnehmer noch auf die ersten Wechselrichter, die für die Bereitstellung von Trägheit präqualifiziert sind. Ohne diese Zertifizierung kann noch keine Anlage den Dienst über das Momentanreserve-Schema anbieten. „Alle Marktteilnehmer warten nun ungeduldig auf die ersten präqualifizierten Wechselrichter“, so Hesel.
„Die Einführung von Trägheitsdiensten zeigt, dass BESS wesentliche netzstützende Funktionen beitragen können.“
Vorteile des neuen Marktmodells
Das Marktmodell für Trägheitsdienste bietet mehrere Vorteile. Einer der wichtigsten ist, dass BESS Trägheit parallel zu anderen Einnahmequellen bereitstellen kann. Dies bedeutet, dass keine Opportunitätskosten auf anderen Märkten entstehen. Hesel hebt hervor, dass es sich um ein Prämienmodell handelt. Die ÜNB haben einen Preis veröffentlicht, und jeder, der zu diesem Preis Trägheit anbieten möchte, kann dies tun.
Dies ermöglicht es den Betreibern, langfristige Verträge mit den ÜNB für ihre Trägheitsbereitstellung abzuschließen. „Dies ist der erste bankfähige langfristige Einnahmestrom in Deutschland ohne Marktrisiko“, erklärt Hesel. Diese Planungssicherheit ist ein großer Anreiz für Investitionen in BESS.
Hintergrund: Netzstabilität
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und dem Rückzug konventioneller Kraftwerke, die traditionell Trägheit ins Netz brachten, wird die Aufrechterhaltung der Netzstabilität immer komplexer. Netzbildende Wechselrichter in BESS können diese Lücke schließen, indem sie synthetische Trägheit bereitstellen und so die Frequenzschwankungen im Netz reduzieren.
Stapeln von Einnahmen
Marie-Sophie Braun von Kyon bestätigt, dass Betreiber Trägheitseinnahmen zusätzlich zu bestehenden Anwendungen „stapeln“ können. „Je nach technischem Design und kommerzieller Optimierungsstrategie kann die Teilnahme oft mit begrenzten Auswirkungen auf andere Einnahmemöglichkeiten erreicht werden“, sagt sie. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für die wirtschaftliche Nutzung von Batteriespeichern.
Ahmed Elbaz, Leiter der BESS-Umsetzung bei Enpal, schätzt den IRR-Boost etwas konservativer auf etwa 0,9 Prozentpunkte. Seine Schätzung basiert auf einem Marktcoupon von rund 10.000 €/MW. Gerüchte über Einnahmen von 25.000 €/MW hält er für eine „theoretische Obergrenze, die massive Änderungen am Einnahmestapel und natürlich einen höheren Fehlerstrom für den PCS erfordert“.
Netzbildende Fähigkeiten: Eine Notwendigkeit für die Zukunft
Die Frage, ob Betreiber ihre BESS mit netzbildenden Fähigkeiten ausstatten sollten, wird zunehmend wichtiger. Elbaz argumentiert, dass es nicht nur um den potenziellen IRR-Boost geht, sondern auch um den Zugang zum Netz. Seit dem 1. Juni 2026 sind netzbildende Fähigkeiten bereits für BESS-Projekte, die an das Höchstspannungsnetz (220 kV und 380 kV) angeschlossen werden, verpflichtend.
Es ist wahrscheinlich, dass diese Anforderung bald auch für die 110-kV-Ebene gilt, obwohl dies derzeit noch nicht der Fall ist. Im Mittelspannungsbereich gibt es bisher keine derartige Verpflichtung. Diese Entwicklung unterstreicht die wachsende Rolle von BESS bei der Netzintegration und -stabilisierung.
Herausforderungen und Ausblick
Auch wenn BESS in solche Dienste eingebunden sind und regelmäßig Aufträge gewinnen, ist nicht immer gewährleistet, dass ihr Anteil an diesem Dienst weiter wachsen oder sogar beibehalten wird. Ein Beispiel hierfür ist der britische Markt: Im März dieses Jahres vergab der National Energy System Operator (NESO) in der zweiten Runde des Stabilitätsmarktes keine Verträge an Batteriespeicherprojekte. Dies überraschte viele Marktteilnehmer.
Die Gründe hierfür waren Änderungen der Eignungskriterien. Es gab Diskussionen, ob dies absichtlich geschah, um thermische Kraftwerke zu bevorzugen, oder ob es ein vernünftiger, konservativer Ansatz für einen kritischen Systemdienst war. Diese Beispiele zeigen, dass der Markt für Netzdienstleistungen dynamisch ist und sich die Bedingungen ändern können.
Braun betont, dass der Erfolg des Trägheitsmarktes von einer engen Abstimmung zwischen den technischen Fähigkeiten der Anlagen, den Netzanforderungen und den kommerziellen Optimierungsstrategien abhängt. Eine weitere Forderung von Braun sind flexible Anschlussvereinbarungen (FCAs) für BESS in Deutschland, die eine Reduzierung der BKZ-Gebühr beinhalten sollten.
Die Zukunft der Batteriespeichersysteme in Deutschland sieht vielversprechend aus, insbesondere durch die neuen Einnahmequellen aus Trägheitsdiensten. Die Branche wartet gespannt auf die ersten präqualifizierten Wechselrichter, um das volle Potenzial dieser Technologie ausschöpfen zu können und einen entscheidenden Beitrag zur Energiewende zu leisten.





