Die europäische Wirtschaft steht vor tiefgreifenden Veränderungen, die durch eine zunehmende Fragmentierung der globalen Wirtschaftslandschaft ausgelöst werden. Diese Entwicklungen erfordern von der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich eine strategische Neuausrichtung, um ihre Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit zu gewährleisten.
Wichtige Erkenntnisse
- Globale geoeconomische Fragmentierung nimmt zu, beeinflusst durch den Wettbewerb zwischen den USA und China.
- Europa ist von dieser Entwicklung stark betroffen, zeigt aber Resilienz und Anpassungsfähigkeit.
- Die EU und das Vereinigte Königreich arbeiten an Initiativen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, digitalen Resilienz und KI-Entwicklung.
- Der digitale Euro und tokenisierte Euro-Lösungen sollen die strategische Autonomie im Zahlungsverkehr fördern.
- Engere Zusammenarbeit zwischen EU und UK ist entscheidend für die Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen.
Die neue geoeconomische Realität
Die Weltwirtschaft erlebt eine Phase der Fragmentierung, die sich deutlich von der Globalisierung der letzten Jahrzehnte unterscheidet. Diese Entwicklung ist maßgeblich geprägt durch die strategische Rivalität zwischen den USA und China. Beide Großmächte nutzen ihre wirtschaftlichen Abhängigkeiten, sogenannte Engpässe, um ihren Einfluss auf andere Volkswirtschaften auszuüben.
China beispielsweise kontrolliert einen Großteil der seltenen Erden, die für Hochtechnologieprodukte unerlässlich sind. Darüber hinaus ist China ein globales Produktionszentrum und trägt etwa 30 Prozent zur weltweiten Fertigungsleistung bei. Dies stellt eine Herausforderung für Europas traditionelle Stärke in der Mid-Tech-Fertigung dar. Auf der anderen Seite dominieren die Vereinigten Staaten die globalen Finanzdienstleistungen und beherbergen die führenden Technologieunternehmen der Welt.
Faktencheck
- China produziert rund 30% der globalen Fertigungsleistung.
- Die Zahl der Handelsbeschränkungen weltweit erreichte 2023-2025 Rekordwerte.
- Die globale handelspolitische Unsicherheit ist in den 2020er Jahren fast fünfmal so hoch wie in den 2000er Jahren.
Handelsspannungen und ihre Folgen
Die aktuelle US-Regierung setzt verstärkt auf Zölle, um ihre wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Eine aktuelle Analyse der Deutschen Bundesbank zeigt, dass diese Zölle den globalen Handel und die Weltwirtschaft belasten, auch die USA selbst. Trotz dieser Belastungen zeigte sich die Weltwirtschaft im vergangenen Jahr robust, vor allem dank des Booms im Bereich der Künstlichen Intelligenz.
Berichte von Global Trade Alert zeigen, dass die Anzahl der weltweiten Handelsbeschränkungen zwischen 2023 und 2025 Rekordhöhen erreicht hat. Dies kehrt Jahrzehnte der schrittweisen Liberalisierung um. Selbst ohne die protektionistischen Maßnahmen der USA hat die Zahl der Handelsbeschränkungen zugenommen. Dies führt zu einer erheblich gestiegenen Unsicherheit in der globalen Handelspolitik.
Europas Reaktion auf die Herausforderungen
Diese harten Realitäten belasten Europa spürbar. Deutschland, als Exportnation, spürte 2025 den Druck der US-Zölle und den zunehmenden Wettbewerb aus China, wie eine Umfrage der Bundesbank ergab. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron äußerte Bedenken, dass Chinas exportorientiertes Wirtschaftsmodell europäische Industrien bedroht. Für das Vereinigte Königreich sieht der Think Tank Chatham House, dass geoeconomische Kräfte die bereits ernsten innenpolitischen Herausforderungen verschärfen.
„Die EU und das Vereinigte Königreich sind sich der Bedrohungen für ihre wirtschaftliche und nationale Sicherheit bewusst. Aber auch der zugrundeliegenden Werte und Interessen, die ihre Volkswirtschaften wachsen ließen.“
Die Frage ist, ob Europa die Kraft hat, diesen Herausforderungen zu begegnen. Die Antwort ist ein klares Ja. Sowohl die EU als auch das Vereinigte Königreich erkennen die Bedrohungen, aber auch die Werte und Interessen, die ihren Volkswirtschaften zum Erfolg verholfen haben.
Hintergrund: Anglo-Deutscher Kensington-Vertrag
Der im letzten Jahr unterzeichnete Anglo-Deutsche Kensington-Vertrag betont die enge Zusammenarbeit zwischen dem Vereinigten Königreich und Deutschland. Er besagt, dass beide Parteien die Herausforderungen besser meistern werden, indem sie ihre enge Zusammenarbeit als europäische Nachbarn und Verbündete auf der Grundlage starker Bindungen, gemeinsamer Geschichte, Werte und Interessen vertiefen.
Europas Stärken nutzen
Das Vereinigte Königreich verfügt über einen führenden globalen Finanz- und Dienstleistungssektor, eine starke Basis in der fortgeschrittenen Fertigung und eine gut ausgebildete Bevölkerung. Die EU ist der weltweit größte Handelsblock mit dem größten Netzwerk an Handelsabkommen. Sie beherbergt Weltklasse-Fertigungsunternehmen und ist in einigen technischen Bereichen weltweit führend. Der integrierte Markt umfasst 27 Mitgliedstaaten und 450 Millionen Verbraucher.
Initiativen zur Stärkung Europas
Obwohl Europa über erhebliche Stärken verfügt, gibt es Bereiche, in denen die EU ihr Potenzial noch besser ausschöpfen kann. Dies betrifft insbesondere die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, die digitale Resilienz und die Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz.
Wettbewerbsfähigkeit im Fokus
Der europäische Binnenmarkt existiert seit über 30 Jahren, doch sein volles Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Eine Schlüsselinitiative zur Steigerung von Wohlstand, Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit ist die Spar- und Investitionsunion (SIU). Sie soll Ersparnisse und Investitionen miteinander verbinden, um Finanzierungsmöglichkeiten für Menschen und Unternehmen zu schaffen.
- Made in Europe-Label: Förderung europäischer Produkte.
- Competitiveness Compass: Strategische Ausrichtung der Wettbewerbsfähigkeit.
- Union of Skills: Investition in die Fähigkeiten der Arbeitskräfte.
- Vereinfachungsinitiative: Abbau bürokratischer Hürden.
- EU Startup and Scaleup Strategy: Unterstützung von Start-ups und wachsenden Unternehmen.
Die EU plant zudem, die Finanzierungslücke für Scale-ups zu schließen, da Start-ups oft außerhalb Europas nach späterer Finanzierung suchen müssen. Ein weiteres Ziel ist die Einführung des „EU Inc.“-Konzepts, eines vollständig digitalen Geschäftsformats für europäische Start-ups, das innerhalb von 48 Stunden online und zu maximal 100 Euro eingerichtet werden kann.
Digitale Resilienz stärken
Im digitalen Bereich ist der digitale Euro ein zentrales Projekt der EU. Angesichts der zunehmenden Digitalisierung von Zahlungen und Geschäftsprozessen soll er Zentralbankgeld in das digitale Zeitalter überführen. Er hat das Potenzial, die Abhängigkeit der EU von nicht-europäischen Zahlungsanbietern und Infrastrukturen zu verringern. Im Euroraum wird der digitale Euro als Mittel zur Förderung der strategischen Autonomie im Zahlungsverkehr und zur Überwindung der Marktfragmentierung gesehen.
Der digitale Euro könnte neue Geschäftsmodelle ermöglichen und die europaweite Interoperabilität unterstützen, was Effizienz, Innovation und Wachstum fördert. Das legislative Rahmenwerk wird voraussichtlich Ende 2026 fertiggestellt, mit einem geplanten Start des digitalen Euro im Jahr 2029.
Bereits in Betrieb ist eine Großhandels-CBDC-Abwicklungslösung für die Finanzindustrie. Diese „tokenisierte Euro“-Infrastruktur verbindet DLT-Plattformen (Distributed Ledger Technology) des Marktes mit den TARGET-Diensten des Eurosystems. Sie ermöglicht die effiziente Abwicklung von tokenisierten Vermögenswerten in Zentralbankgeld und soll einen integrierten europäischen Kapitalmarkt sowie die Spar- und Investitionsunion fördern.
Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit
Künstliche Intelligenz (KI) ist ein weiterer Bereich, der von nicht-europäischen Akteuren dominiert wird und dessen transformative Kraft noch nicht vollständig abzuschätzen ist. Die potenziellen Effizienzgewinne sind enorm, doch es gibt auch Risiken, insbesondere im Bereich der Cybersicherheit. Andrew Bailey, Vorsitzender des Finanzstabilitätsrats, betonte kürzlich, dass fortgeschrittene KI-Modelle erhebliche Risiken für die Finanzstabilität bergen.
Sowohl die EU als auch das Vereinigte Königreich haben ein Interesse am sicheren Einsatz von KI. In diesem Bereich arbeiten sie eng zusammen und führen regelmäßige Cyber-Dialoge. Diese Zusammenarbeit basiert auf gemeinsamen Werten und Interessen und zeigt, wie Europa auf die neuen geoeconomischen Realitäten reagiert.
Fazit: Europa ist bereit
Die neuen geoeconomischen Realitäten stellen Europa vor große Herausforderungen. Doch sowohl das Vereinigte Königreich als auch die EU verfügen über die notwendige Energie und die intrinsischen Stärken, um diese zu bewältigen. Durch die Kombination ihrer Stärken und ihres Engagements für gemeinsame Werte werden sie die anstehenden Herausforderungen meistern und gestärkt sowie resilienter daraus hervorgehen.





